Pflegereport der AOK

So ging es den Heimbewohnern während Corona

Viele Bewohner klagen über Einsamkeit
Viele Bewohner klagen über Einsamkeit
© dpa, Frank Rumpenhorst, fru ade pzi ent fdt rho

29. Juni 2021 - 21:05 Uhr

Isolation und Einsamkeit haben Spuren bei den Bewohnern hinterlassen

Wenn man Günter Schulz fragt, was er im Lockdown am meisten vermisst hat, stockt dem 80-Jährigen die Stimme: "Das Eingesperrtsein, dass man nicht raus konnte." Der Bewohner eines Pflegeheims bei Leipzig wirkt stark, er klagt nicht viel. Aber wenn es um die Einsamkeit während des Lockdowns ging, fängt er an zu weinen – Corona und die Schutzmaßnahmen haben Spuren bei ihm hinterlassen.

Geistige Gesundheit hat sich verschlechtert

So wie Günter Schulz ging es vielen Bewohnern von Pflegeeinrichtungen während der Pandemie. Das zeigt der Pflege-Report 2021 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Für 43 Prozent der befragten Angehörigen war ein persönlicher Kontakt zu den Pflegebedürftigen zwischen März und Mai 2020 nicht möglich. Eine Verschlechterung der geistigen Fitness wie auch der psychischen Gesundheit aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen haben rund zwei Drittel der Befragten wahrgenommen.

Viele fühlen sich einsam

Mehr als 70 Prozent berichten über häufigere Gefühle von Einsamkeit und Alleinsein, häufigere Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit (68 Prozent), Verschlechterungen der geistigen Fitness der pflegebedürftigen Person (61 Prozent) sowie verringerte Beweglichkeit beim Gehen, Aufstehen oder Treppensteigen (56 Prozent).

"Die ergriffenen scharfen Isolationsmaßnahmen in den Pflegeheimen in der ersten Pandemiewelle haben dramatische Auswirkungen für die Pflegebedürftigen, und zwar physisch und psychisch", sagt Dr. Antje Schwinger, Mitherausgeberin des Pflege-Reports.

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Sterblichkeit ist deutlich angestiegen

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Trotz vieler Schutzmaßnahmen gab es zahlreiche Todesfälle in Pflegeheimen
© dpa, Sebastian Gollnow, scg bwe

Auch die Sterblichkeit der Pflegeheimbewohner ist in den ersten beiden Pandemiewellen drastisch angestiegen. Drei Wochen nach dem Start des ersten Lockdowns im April 2020 lag sie um 20 Prozent höher als im Mittel der Vorjahre, Ende des Jahres sogar um 80 Prozent höher. "Die Infektionsschutzmaßnahmen während der Pandemie reichten nicht aus, um die im Heim lebenden pflegebedürftigen Menschen ausreichend zu schützen", so Schwinger.

Isolation von alten Menschen darf sich nicht wiederholen

Welche Lehren kann man also für die Zukunft daraus ziehen, dass die Schutzmaßnahmen nicht ausgereicht haben, alte Menschen aber unter den Maßnahmen stark gelitten haben? Eine Wiederholung der strengen Isolierung von der Außenwelt darf es so auf jeden Fall nicht geben, sagen die Herausgeber des Pflegereports. Es müsse stattdessen untersucht werden, "wie Isolation, Kontaktsperren zu Angehörigen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner beeinflussten und welche technischen, baulichen, rechtlichen und personellen Veränderungen und Ressourcen benötigt werden, um zu vermeiden, dass sich eine solche Situation wiederholt."

Zahl der Pflegebedürftigen wird massiv ansteigen

Die Pandemie sei wie ein Brennglas für die Schwächen des deutschen Pflegesystems. Es fehle seit langem an Personal und an Konzepten, sagt Prof. Adelheid Kuhlmey von der Berliner Charite und Mitherausgeberin des Pflegereports. Ein Problem seien auch sehr große Heime mit teilweise mehreren hundert Pflegebedürftigen auf engem Raum: "Wir brauchen eine Versorgung in den Heimen, die es nie wieder zulässt, dass die Angehörigen draußen vor der Tür bleiben müssen, dass Menschen in den Heimen sterben, ohne dass ihre Familien sie begleiten können."

Experten rechnen damit, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren massiv steigen wird, wenn die Generation der Baby-Boomer (Jahrgänge 1955-1969) ins pflegebedürftige Alter kommt. Die Studienmacher sagen: Auch die Gesellschaft müsse sich klar darüber werden, was eine menschenwürdige Versorgung im Alter wert ist.

(rcl/dpa)