Im Juli entkam sie ihrem Peiniger

Entführte Nathalie Birli kehrt an den Ort ihres Martyriums zurück

11. Oktober 2019 - 17:12 Uhr

Nathalie Birli: Manchmal kommt die Panik

Die Wunden ihrer Arm-Operation sind fast verheilt. Doch die Erinnerungen an ihre Entführung werden Profi-Radfahrerin Nathalie Birli wohl für den Rest ihres Lebens verfolgen. Im Juli wandte sich die 27-Jährige mit ihrer bewegenden Geschichte an die Öffentlichkeit. Sie war nur knapp einem psychisch kranken Mann entkommen, der zweimal versucht hatte, sie zu töten. Drei Monate nach dem Unglück wagt sich Birli an den Ort zurück, an dem sie festgehalten und gequält wurde. Sie spricht über die Panik, die immer wieder aufkeimt und ihren Umgang mit den Ängsten - im Video.

Täter wollte Nathalie Birli ertränken, doch sie entkam

Nathalie Birli ist Profi-Radfahrerin.
Nathalie Birli ist Profi-Radfahrerin.
© imago sportfotodienst, imago

Es wirkte wie ein Tag wie jeder andere. Nathalie Birli stieg auf ihr Rad, wollte eine Trainingseinheit absolvieren. Die Mutter eines damals drei Monate alten Babys war bereits 45 Minuten unterwegs, als sich plötzlich alles für sie änderte. Ihr Martyrium begann. "Ich habe gespürt, wie mir jemand ins Hinterrad gefahren ist und dann bin ich auf die Seite geflogen", erinnert sie sich. Dann habe ein Mann mehrfach auf sie eingeschlagen und sie in seinen roten Transporter geschleift. Sie verlor das Bewusstsein.

Als die Profi-Radfahrerin wieder aufwachte, lag sie im Haus des Täters, nackt und gefesselt. "Er hat versucht, mich zu ersticken. Erst in der Badewanne, dann drückte er mir Mund und Nase mit einem Tuch zu", erzählte sie. Dank ihres trainierten Körpers habe sie sich wehren können. Ihr Entführer ließ von ihr ab. ​

Täter sitzt in U-Haft

Im Rahmen ihres Sportstudiums hat Birli auch Schulungen in Psychologie gehabt. Das Gelernte wandte sie bei ihrem Peiniger an. Und tatsächlich: Die willensstarke Frau kann ihn dazu bewegen, sie gehen zu lassen. "Ich habe ihn auf seine schönen Orchideen angesprochen und dann vorgeschlagen, dass wir die Entführung wie einen Unfall aussehen lassen. Ich hätte einen Zusammenstoß mit einem Reh gehabt und er habe mich gerettet." Der Entführer glaubte ihr, fuhr sie sogar bis vor ihre Haustür.

Birli und ihr Freund alarmierten die Polizei. Eine Katastrophe, die für die junge Mutter gerade noch gut ausging. Ihr Entführer hatte sich - obwohl sie nackt in seinem Haus aufgewacht war - nicht an ihr vergangen. Der Täter wurde später identifiziert. Es handelte sich um einen 33-jährigen, psychisch kranken Mann. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Nathalie Birli bekommt Schweißausbrüche vor Angst

Radprof Nathalie Birli bei einem Triathlon.
Nathalie Birli bei einem Triathlon.
© imago/GEPA pictures, imago sportfotodienst

Die Landstraße, das abgelegene Haus, in dem sie festgehalten wurde. Um zu verarbeiten, was vor gar nicht so langer Zeit passiert ist, wagt sich Nathalie Birli erneut an die Orte, an denen sich ihr Leben veränderte. Als die Radfahrerin an der Kurve auf der Landstraße steht, an der sie ihrem Entführer zum ersten Mal begegnete, wirkt sie stark und gefasst.

"Ich habe das gut verarbeitet, nur manchmal bekomme ich noch Angst", erzählt sie. So zum Beispiel, als ihr einmal ein Bettler auf einem Parkplatz entgegengekommen sei. "Ich wusste nicht, was will der von mir." Dann habe sie Schweißausbrüche bekommen. Mittlerweile besuche Birli alle zwei Wochen einen Psychologen, der ihr dabei helfe, das Geschehene zu verarbeiten.

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich das überlebe"

Dann der große Moment. Nathalie Birli sieht zum ersten Mal nach ihrer Entführung im Juli das Haus, in dem sie festgehalten wurde. Wäre es nach ihrem Peiniger gegangen, hätte sie dort sterben sollen. Selbst der rote Transporter, in dem er sie mitgenommen hat, steht noch vor der Tür. "Am Tag, wo das passiert ist, hätte ich nicht gedacht, dass ich das überlebe. Ich habe echt gedacht, am nächsten Morgen bin ich tot!"

Für sie sei es ein komisches Gefühl, wieder an diesem Ort zu sein, erzählt sie. Und das merkt man der Profisportlerin an. Sie kann kaum stillstehen, fängt ihre Sätze mehrfach neu an. Eine spürbar unangenehme Situation.

Irgendwann ist es so, als wäre man nicht dabei gewesen

Nathalie Birli mit Lebensgefährten und drei Monate altem Sohn
Nathalie Birli mit ihrem Lebensgefährten und ihrem drei Monate alten Sohn.
© RTL Interactive

Um ein glückliches Leben führen zu können, hofft Nathalie Birli, dass der Täter auf Lebenszeit im Gefängnis bleibt. "Ich empfinde keinen Hass. Aber ich hoffe einfach, dass er nicht mehr freikommt. Ich glaube, dass er das nochmal machen würde", sagt die 27-Jährige. Verzeihen könne sie ihm die Tat auch nicht. Jetzt sei sie froh, dass sie wieder mit ihrem Freund und ihrem Sohn vereint sei.

"Wenn am Abend alle gemeinsam da sind, dann sind das schöne Momente. Oft denke ich - das hätte ich eigentlich gar nicht mehr miterlebt." Und Nathalie Birli hat einen Plan für die Zukunft. Sie möchte ihre Erlebnisse verarbeiten, indem sie mit anderen darüber spreche. Und irgendwann sei es dann so, als erzähle man eine Geschichte, bei der man gar nicht dabei gewesen wäre.