Der Horror wirkt bis heute nach

Muhammed B. überlebte den Anschlag von Hanau: "Das kann man nicht verarbeiten"

Muhammed B. überlebte den Anschlag von Hanau
Muhammed B. überlebte den Anschlag von Hanau
© RTL

19. Februar 2021 - 15:25 Uhr

Vater des Mörders ist „eine tickende Zeitbombe“

Vor einem Jahr erschütterte der Anschlag von Hanau die Menschen weit über die Grenzen der hessischen Stadt hinaus. Neun Menschen wurden eiskalt von einem Rassisten erschossen. Muhammed B. überlebte das Massaker mit einer Schusswunde, er musste mit ansehen und erleben, wie andere in seiner Umgebung schwer verletzt wurden. "Das kann man nicht verarbeiten", sagt Muhammed im Interview mit RTL.

Hanau-Opfer haben noch viele Fragen

Muhammed B. lag mit einer Schzssverletzung im Krankenhaus.
Muhammed B. lag mit einer Schzssverletzung im Krankenhaus.

Die Zeit heilt alle Wunden? Wer mit Muhammed spricht, bekommt eine Vorstellung davon, wie falsch dieses Sprichwort sein kann. Es mag seine Richtigkeit haben, wenn es um Kratzer und kleine Blessuren geht. Nicht aber um den Schmerz, das Trauma, das Überlebende und Angehörige von Opfern empfinden müssen. "Damit muss man irgendwie leben. Man trägt sehr viel Schaden mit sich", sagt Muhammed und es wird deutlich, dass er auch Monate nach dem Terror nicht viel mehr sagen kann.

Als er und seine Freunde in der Bar angegriffen wurden, hatte Muhammed versucht, die Blutung seines schwer verletzten Freundes zu stoppen. Dabei war er selbst von einer Kugel getroffen worden. Später in der Klinik erzählte Muhammed uns, nun Angst um seine Familie zu haben. Sorgen, die den jungen Mann offenbar bis heute nicht loslassen.

Wie viele Hanauer versteht auch Muhammed nicht, dass ein Jahr nach dem Anschlag noch so viele Fragen ungeklärt sind. Die "Initiative 19. Februar Hanau", ein Zusammenschluss von Angehörigen mehrerer Anschlagsopfer, kritisiert das Verhalten von Behörden und Sicherheitskräften. So sollen die Notrufsysteme der Polizei nicht richtig funktioniert haben.

Wurden Warnsignale nicht ernst genug genommen?

Mit Bildern und Kerzen wurde der Opfer gedacht.
Gedenken an die Opfer
© REUTERS, KAI PFAFFENBACH, KP/

Unverständlich finden viele Menschen auch, dass Mörder Tobias R. ganz legal Waffen besaß, obwohl er "seit 2002 immer wieder mit Wahnvorstellungen aggressiv und straffällig in Erscheinung getreten ist", wie der hessische Innenexperte Hermann Schaus (Linke) sagte.

"Warnsignale" seien nicht ernst genug genommen worden, sagt Ajla Kurtovic, deren Bruder Hamza unter den neun Todesopfern des Anschlags war. Der Täter hatte neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet, danach seine Mutter und sich selbst erschossen. Vor dem Anschlag hatte er Pamphlete und Videos mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten im Internet veröffentlicht.

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Mahnwache vor dem Haus des Mörder-Vaters

Kundgebung in der Nähe des Wohnhauses des Vaters des Attentäters.
Kundgebung in der Nähe des Wohnhauses des Vaters des Attentäters.
© imago images/Patrick Scheiber, Patrick Scheiber via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Kritik entzündet sich auch daran, dass die Behörden nichts gegen den Vater des Mörders unternehmen. Der sei "eine tickende Zeitbombe", sagt Muhammed bei einer Mahnwache vor dem Haus des Mannes. Er verbreite in der Nachbarschaft Angst und Schrecken. Zudem sei er aggressiv, habe sich einen Schäferhund zugelegt, mit dem er Menschen bedrohe. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtet, der Mann habe eine Familie mit schwarzer Pflegetochter aus der Nachbarschaft rassistisch beleidigt.

Weil die Angehörigen der Opfer den Vater des Attentäters ebenfalls als Täter sehen, haben sie ihn inzwischen angezeigt. 16 Seiten umfasse die Strafanzeige gegen den Mann, so die SZ. Die Vorwürfe lauten unter anderem Beihilfe zum Mord und Nichtanzeige von Straftaten. Der Vater solle von den Mordplänen gewusst und seinen Sohn darin bestärkt haben.

Video: So erlebte Muhammed B. den Anschlag

Der Zentralrat der Muslime (ZMD) in Deutschland fordert eine lückenlose Aufklärung des Terror-Anschlags. Es seien Fehler passiert. Beispielsweise seien in der Tatnacht viele Notanrufe getätigt worden, die von der Polizei nicht angenommen wurden. Auch müsse geklärt werden, ob in der Shisha-Bar wirklich die Notausgänge verschlossen waren.

"Das waren Deutsche. Das waren unsere Landsleute, die angegriffen wurden"

ARCHIV - 02.03.2020, Hessen, Hanau: Ein kleines Mädchen schaukelt vor der Wand eines Jugendzentrums, auf dem die Namen der Opfer des Anschlags vom 19. Februar geschrieben stehen. Links steht der Hashtag #Saytheirnames ("Nennt ihre Namen"), der Name d
Ein kleines Mädchen schaukelt vor der Wand eines Jugendzentrums, auf dem die Namen der Opfer des Anschlags vom 19. Februar geschrieben stehen.
© dpa, Boris Roessler, brx rho

In der Mordnacht von Hanau erschoss Tobias R. neun Menschen mit ausländischen Wurzeln: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović , Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst.

Zum Jahrestag sagte der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek in einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Ich wünsche mir im allgemeinen Diskurs und auch in der medialen Berichterstattung, dass stärker betont wird: Das waren Deutsche. Das waren unsere Landsleute, die angegriffen wurden. Der Terrorist will Spaltung und Menschen erster und zweiter Klasse darstellen. Deshalb müssen wir auch in unserer Sprache klarmachen, dass wir uns nicht entzweien lassen."