Rassistische Anzeigen

Anschlag in Hanau: Vater des Attentäters fordert Tatwaffen zurück

Am 19. Februar hatte Tobias Rathjen in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen und anschließend seine Mutter und sich selbst getötet.
© dpa, Dorothee Barth, wst

16. Dezember 2020 - 11:41 Uhr

Verfolgungswahn und rassistisches Gedankengut über zwei Generationen

Der Vater des Attentäters von Hanau hat mehrere Anzeigen gegen Behörden erstattet, die dem "Spiegel" vorliegen. Die Dokumente zeichnen ein eindrückliches Bild vom rechten Gedankengut des Vaters und dessen Paranoia.

Gedenkstätten für Opfer des Attentats von Hanau seien "Volksverhetzung"

Tobias R. - der Shisha-Bar-Killer von Hanau
Der Attentäter von Hanau, Tobias Rathjen, tötete zehn Menschen und sich selbst.
© privat

Am 19. Februar hatte Tobias Rathjen in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen und anschließend seine Mutter und sich selbst getötet. Gutachter attestierten dem 43-Jährigen eine paranoide Schizophrenie, die sich auf fatale Weise mit rechtem Gedankengut vermischt habe. Die Anzeigen und Vernehmungsprotokolle des Vaters, die dem "Spiegel" vorliegen, zeichnen ein ähnliches Bild.

Darin fordert Rathjen senior, dass sämtliche Gedenkstätten an die Opfer, die er wiederholt als "Täter" bezeichnete, entfernt werden, da er diese als "Volksverhetzung" werte. Denselben Tatbestand erfülle auch eine Gedenkfeier für die getöteten Opfer am 4. März im Congress Park Hanau. Eine Beschwerde bezieht sich auf Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Er habe eine Straftat begangen, indem er sagte: "Die Opfer waren keine Fremden." Zudem fordert der 73-Jährige die Tatwaffen und Munition seines Sohnes zurück und verlangt, dass dessen Internetseite wieder freigeschaltet wird. Sein Sohn hatte ihn in einer handschriftlichen Abschiedsnotiz gebeten, "meine Webseite unter allen Umständen aufrecht" zu halten. Auf der Seite hatte er unter anderem zur Auslöschung ganzer Völker aufgerufen.

Im März 2017 habe Tobias Rathjens Vater im Bürgerbüro Hanau verlangt, nur von deutschen Mitarbeitern betreut zu werden und soll gefragt haben, ob man hier in der Ausländerbehörde sei. Auch soll Rathjen einen Antrag auf einen Schutzhund gestellt haben, um sich gegen Ausländer zu schützen.

Wahnwitzige Agententheorie zu Anschlag von Hanau

Doch nicht nur, was die ausländerfeindliche Gesinnung angeht, gibt es Parallelen zwischen Vater und Sohn. Besonders ein Beispiel verdeutlicht, wie stark sowohl Tobias, als auch H. G. Rathjen wahnhaften Verschwörungstheorien anhaften. So sei sein Sohn von einer internationalen nicht näher benannten Geheimorganisation entführt und in einem Wald ermordet worden. Seine Leiche habe man im Haus der Familie abgelegt. Anschließend habe ein als Tobias Rathjen verkleideter Agent die neun Morde begangen, heißt es in dem "Spiegel"-Artikel. Sein Sohn sei also nicht Täter, sondern Opfer.

Tobias Rathjen habe der Nachrichtenseite zufolge selbst mehrere Anzeigen erstattet, in denen er behauptet, von einer Geheimorganisation beobacht zu werden. Darüber hinaus sollen Vater und Sohn 2004 gemeinsam Anzeigen "wegen Bespitzelung durch einen unbekannten Geheimdienst" erstattet haben.

Geht vom Rethjen senior eine Gefahr für sich oder andere aus?

Gegen den Vater sei nach laut Bundesstaatsanwaltschaft wegen des Anschlags in Hanau nie ermittelt worden, etwa wegen psychischer Beihilfe. Es hätten keine ausreichenden Anhaltsunkte für ein strafbares Verhalten vorgelegen. Der "Spiegel" habe die Bundesanwaltschaft um Stellungnahme zu der Frag gebeten, von von H. G. Rethjen eine Gefahr für ihn selbst oder für andere ausgehe. Daraufhin hätten Generalbundesanwalt und die Staatsanwaltschaft Hanau an das Polizeipräsidium Südosthessen verwiesen. Diese hatten sich jedoch bis zur Veröffentlichung des Artikels nicht geäußert haben, berichtet der "Spiegel".

"Halt bitte meine Wunde zu. Bitte, bitte. Dann war es schon vorbei"

Muhammed B. überlebte den Anschlag von Hanau. Er selbst wurde auch verletzt und hatte dabei offenbar großes Glück, dass er überlebte. Er habe gerade in der "Arena Bar" im Hanauer Stadtteil Kesselbar gesessen, als plötzlich Schüsse fielen, berichtet er. "Wir waren circa zehn bis zwölf Personen. Es haben nur vier Leute überlebt, einer davon bin ich." Eine Kugel ging "hinten raus, paar Zentimeter vorbei an meiner Wirbelsäule und Luftröhre", so B.. Im Video berichtet er von den schlimmsten Stunden seines Lebens - und wie ein Mann direkt neben ihm starb.