Fünf Jahre nach Anschlag mit 9 Toten

Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum München: So schwierig war es damals für RTL-Reporter Christof Lang vor Ort

RTL-Reporter Christof Lang berichtete am 22.7.2016 aus München als einer der ersten Journalisten über den Amoklauf im Olympiaeinkaufszentrum.
RTL-Reporter Christof Lang berichtete am 22.7.2016 aus München als einer der ersten Journalisten über den Amoklauf im Olympiaeinkaufszentrum.
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22. Juli 2021 - 16:23 Uhr

RTL-Reporter spricht über den Amoklauf von München

Mitten in einem belebten Einkaufszentrum fallen plötzlich Dutzende Schüsse. Am 22. Juli 2016 erschießt der 18-jährige David S. am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen und dann sich selbst. Die Opfer haben fast alle einen Migrationshintergrund. Der Amoklauf versetzte die ganze Stadt in Aufruhr. RTL-Reporter Christof Lang war damals vor Ort und erinnert sich im Interview an die schrecklichen Ereignisse.

RTL-Reporter Christof Lang über einen der schwersten Tage in seinem Leben

Wie hast du die Dynamik in München rund um das OEZ-Attentat wahrgenommen? (plötzlich hörten die Menschen auch in der Innenstadt Schüsse etc.)

Man fühlte sich im ersten Moment in eine andere Welt versetzt. Erst die Schüsse am OEZ. Dann die Meldungen von weiteren Tatorten. Die vernahm ich aus allererster Quelle. Ich stand nämlich eine Weile neben einem Polizeiwagen, dessen Fenster offen waren, so dass ich den Polizeifunk mithören konnte. Es herrschte eine so große Aufregung, da fiel das niemandem auf. Ich dachte mir: Kann das alles wirklich wahr sein? Möglich schien vieles – erst kurz zuvor hatte es das islamistische Attentat von Nizza gegeben, und zwei Anschläge in Nordbayern. Dann wurde auch noch der Nahverkehr gestoppt und die Autobahnen für nachrückende Polizeieinheiten freigehalten. Das fühlte sich alles gespenstisch an.

Ich hatte allerdings von Anfang an Zweifel, ob das alles wirklich eine abgestimmte Aktion mit mehreren Tatorten sein kann. Terrorakte zu analysieren gehört zu meinen Aufgaben, und hier passte es gefühlsmäßig nicht: Das Videobild des Attentäters, er wirkte nicht wie ein ausgebildeter Kämpfer. Und warum würde man eine Anschlagserie ausgerechnet am OEZ beginnen, das außerhalb Münchens keiner kennt? Für mich gab das kein geschlossenes Bild in einer allerdings höchst unübersichtlichen Lage.

Wie hast du die Stimmung in der Stadt und unter den Menschen empfunden?

Da ich ja den ganzen Abend in der Nähe des Tatorts berichtete, bekam ich alles weitere nur aus zweiter Hand mit. Mir war klar, dass da eine lebendige Millionenstadt plötzlich still stand. So etwas erlebt man nicht oft. Meine Frau kam an diesem Abend aus Köln angereist. Am Flughafen gab es keinen Nahverkehr mehr und keine Mietautos. Mit Glück fand sie ein Taxi, doch der Fahrer setzte sie am nördlichen Stadtrand ab, weil er nicht in die Stadt hinein wollte. Dort stand sie dann im Dunkeln, während die Polizei die Menschen warnte, sie sollten die Straßen meiden. Sie wurde letztlich abgeholt, aber diese Szene zeigt, wie es in München zuging. Eine tolle Geste fand ich, dass viele Münchner gestrandeten Fremden anboten, in ihrer Wohnung zu übernachten.

Gab es an diesem Tag etwas, das du zum ersten Mal in deiner Karriere so erlebt hast?

Nein, denn ich habe den 11. September in New York miterlebt. Schon einmal eine so schlimme Katastrophe miterlebt zu haben, half mir beim OEZ übrigens bei dem Versuch, in übersichtlicher Lage Fakten und Gerüchte als Reporter sauber zu trennen. Denn genau darum geht es in so einer Situation.

Bis tief in die Nacht hinein blieb die Lage unklar. Wie bist du als Reporter mit der schwierigen Informationslage umgegangen?

Auch ein langjähriger Reporter muss in dieser Situation natürlich mit der Aufregung kämpfen. Ich habe mich trotz aller Unklarheiten darum bemüht, Informationen korrekt weiterzugeben und dabei zu trennen, was wir wissen und was wir hören, ohne dass wir eine belastbare Bestätigung dafür haben. Und meiste von dem, was an diesem Abend getwittert wurde, habe ich ganz wegzulassen – das waren zu unsichere Quellen. Als wir noch sehr wenig wussten, habe ich beschrieben, was ich hier sehe und erlebe und was ich über die Gegend weiß, in der wir stehen.

Wie hast du als Reporter die richtige Balance zwischen Informationsbedürfnis und der teilweise unumgänglichen Spekulationsspirale gefunden in dieser besonders unübersichtlichen Situation?

Die Zuseher haben ein Recht, informiert und gegebenenfalls auch gewarnt zu werden, wenn sie die Situation betrifft. Das ist Aufgabe eines Live-Reporters. Auch Analyse ist sinnvoll, sofern sich Dinge seriös einordnen lassen. Bei all dem gilt es aber, nicht fahrlässig Angst zu schüren, sondern eine Situation so gut wie möglich verstehbar zu machen. Das ist das Gegenteil von wilden Spekulationen, die niemandem etwas bringen.

Was kann man also tun? Man kann zwischen Fakten und bislang nicht belegten Informationen klar trennen. Man sollte unbelegte Informationen ganz weglassen, wenn sie einem nicht schlüssig vorkommen. Man braucht ein starkes Team, das Informationen besorgt. Ein Beispiel von diesem Abend: Wir haben früh berichtet, dass es Meldungen gebe, im Stadtzentrum werde ebenfalls geschossen. Das hatte ich ja selbst im Polizeifunk gehört. Wir waren damals dem Vernehmen nach aber auch die Ersten, die berichteten, dass das Falschmeldungen waren.

Im Nachhinein habe ich mich gefreut, dass Zeitungskommentare die Berichterstattung von RTL/ntv an diesem schwierigen Abend als sachlich und eben nicht dramatisierend gelobt haben.

Unbegreifliche Bluttat am Münchener Olympia-Einkaufszentrum

Eine Betroffene vor Ort, ist die zweifache Mutter Laureta. Sie möchte an ihrem freien Tag mit ihren Kindern und einer Freundin im Olympia-Einkaufszentrum bummeln gehen. Sie lässt sich dazu überreden, noch etwas in einem Schnellrestaurant essen zu gehen. Während sie mit ihrem Sohn auf die Toilette geht, fallen Schüsse im Restaurant. "Ich stehe da und sehe den Täter, wie er dasteht und einfach die Jugendlichen, die da am Tisch sind, erschießt", erinnert sich Laureta. Im Video spricht auch sie über diesen furchtbaren Tag.

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stern TV-Spezial zum 5. Jahrestag des Attentats in München

Insgesamt sterben an diesem Tag neun Menschen zwischen 14 und 45 Jahren. Bei der Ermittlungsarbeit stellte sich heraus: David S. tötete aus Rache – für Mobbing in der Schule. Zum fünften Jahrestag widmet stern TV diesem traurigen Ereignis ein dreistündiges Spezial um 22.15 Uhr, spricht mit den Opfern, Augenzeugen und Angehörigen. Auch TVNOW zeigt mit einer vierteiligen Dokumentation die Hintergründe des Attentats auf. (rra)

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