Ein Jahr nach Amoklauf in München: David S. tötete aus Rache für Mobbing in der Schule

22. Juli 2017 - 9:41 Uhr

Jahrestag des Amoklaufs in München

Dutzende Schüsse mitten in einem belebten Einkaufszentrum. Vor einem Jahr, am 22. Juli 2016, erschoss der 18-jährige David S. am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und dann sich selbst. Der Amoklauf versetzte die ganze Stadt in Aufruhr. Von zahlreichen Orten wurden Schüsse gemeldet - an denen es aber keine gab.

David S. tötete neun Menschen

Wer die Geschehnisse am 22. Juli 2016 miterlebt hat, findet oft nur schwer zur Normalität zurück: Vor einem Jahr hat der Amoklauf in München die ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt. Dutzende Male schoss der 18-Jährige David S. um sich. Zunächst vor einem Schnellrestaurant, dann ging er weiter zum Olympia-Einkaufszentrum. Insgesamt tötete der Deutsch-Iraner neun Menschen zwischen 14 und 45 Jahren. Zum Jahrestag des Amoklaufs soll in München ein offizieller Gedenkort eröffnet werden.

David S. tötete aus Rache - für Mobbing in der Schule

Polizeibeamte stehen am 23.07.2016 vor McDonald's Schnellrestaurant am OEZ in München
Nach Schießerei in München: Polizeibeamte stehen am 23.07.2016 vor McDonald's Schnellrestaurant am Olympia-Einkaufszentrum in München (dpa, Archiv)
© dpa, Sven Hoppe, shp nic sab

Die meisten seiner Opfer hatten einen Migrationshintergrund. Bei der Ermittlungsarbeit stellte sich heraus: David S. tötete aus Rache - für Mobbing in der Schule. Wie ein Staatsanwalt mitteilte, soll er ausgegrenzt, beleidigt und gedemütigt worden sein und auch körperliche Misshandlungen erlitten haben. David S. war ein Außenseiter. Angeblich fühlte er sich besonders von Türken und Arabern gemobbt. Bei seinem Amoklauf schoss er daher auf Menschen, die seinen Mitschülern ähnelten. Als er von der Polizei gestellt wurde, tötete er sich selbst.

David S. besuchte Gedenkstätte des Amoklaufs von Winnenden

Den Amoklauf scheint der 18-Jährige lange geplant zu haben: Bereits in den Manifesten, die er ab Mai 2015 verfasst hatte, kündigte er die Gewalttaten an. Schon da rechtfertigte er sie als Rache für Mobbing in der Schule und mit seinem offenkundig tief verwurzelten Hass auf Ausländer. Außerdem soll David S. zweimal zur Gedenkstätte des Amoklaufs von Winnenden gereist sein, wo im Jahr 2009 der 17-jährige Tim K. an einer Realschule Amok gelaufen war und 15 Menschen und sich selbst erschossen hatte.

73 Phantom-Tatorte: Bürger melden Schüsse, Verletzte, Tote

Am 22. Juli 2016, dem Tag des Amoklaufs, gab es zunächst Berichte von mehreren Schießereien an mehreren Orten in München - mit mehreren Tätern. Insgesamt nahm die Polizei 73 vermeintliche Tatorte auf, von denen Schüsse, Verletzte und Tote gemeldet wurden. Sie stellten sich jedoch als falsch heraus, denn an diesen sogenannten Phantom-Tatorten gab es absolut nichts Gefährliches. David S. war ein Einzeltäter. Wie aber konnte die Lage in München so eskalieren und eine solche Panik entstehen?

"Einer fängt an zu laufen – und jeder, der das sieht, läuft mit"

"Es genügte ein Minimalreiz, um beim Einzelnen den Schalter umzulegen und ihn Dinge als Bedrohung empfinden zu lassen, die völlig harmlos sind", erzählt der Pressesprecher der Münchner Polizei, Marcus da Gloria Martins. Dies hätte dazu geführt, dass beispielsweise herunterfallende Tabletts in einer Gaststätte oder eine umstürzende Aluleiter in einem Geschäft als Schüsse gewertet wurden. Sicherlich hätte auch die Verunsicherung nach den islamistischen Anschlägen von Paris, Brüssel oder Nizza eine Rolle gespielt – aber eben nicht die alleinige.

Vielmehr seien es unterschiedliche Aspekte gewesen, die die Panik verursacht hätten. Da Gloria Martins, der in der Nacht des Amoklaufs den Einsatz begleitete, spricht von einer "infektiösen Wirkung": "Einer fängt an zu laufen – und jeder, der das sieht, läuft mit".

Soziale Medien haben Eskalation verstärkt

Aber auch die sozialen Medien hätten in gewisser Weise zur Eskalation beigetragen, weil gerade in Messenger-Diensten unglaublich viele falsche oder falsch gedeutete Informationen verbreitet worden sind. Das Problem dabei: "Die Nachricht kommt von Absendern, denen ich als Empfänger vertraue, weil ich sie kenne. Aber ich sehe nicht, ob der Absender sie selbst geschrieben oder nur weitergeleitet hat", erklärt der Pressesprecher der Münchner Polizei.

Daher sei vor allem eines wichtig: ein neues Problembewusstsein. Konkret wünscht sich da Gloria Martins, dass nicht alles durch Teilen in die Welt verbreitet wird, auch wenn es noch so sensationell oder erschreckend sein mag. "In die Köpfe muss eine Sicherung rein", sagt er.

Münchner Polizei will sich noch breiter aufstellen

Die einjährige Aufarbeitung des Einsatzes beim Amoklauf hat aber auch für die Münchner Polizei zu wichtigen Erkenntnissen und internen Veränderungen geführt: Erstens sollten die Beamten eine neue Dienstwaffe mit größerem Magazin bekommen - 16 Schuss statt bisher acht. Zweitens werde momentan ein polizeiinterner Messenger getestet, um Täterbilder schnell an alle Einsatzkräfte weiterzugeben. Und drittens hat man erkannt, dass man bei der Betreuung von Opferfamilien und Zeugen bislang den interkulturellen Aspekt unterschätzt habe. Nun wollte man sich breiter aufstellen, was die Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten und Identitäten in der Stadt angeht, berichtet da Gloria Martins.

Die Münchner Polizei hat nach dem Amoklauf viel Lob bekommen und wurde mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt bekam da Gloria Martins im April die Theodor-Heuss-Medaille für seine gute Krisenkommunikation.