RTL-Reporterin Kathrin Degen auf einer emotionalen Reise in die Vergangenheit

Meine Flucht aus der DDR - Teil 3: Und dann hieß es „LAUF LOS!“

8. November 2019 - 11:33 Uhr

Von RTL-Reporterin Kathrin Degen

Nach unserer Rückkehr aus Ungarn in die DDR bekommen wir eine zweite Chance. Unerwartet wird meinen Eltern noch eine zweite Reise nach Ungarn erlaubt. Wir machen uns noch einmal auf den Weg – offiziell ist es eine Ferienreise, von der wir nicht zurückkehren werden. Nie wieder werde ich meine beste Freundin sehen, nie wieder meinen Bruder, der damals schon erwachsen war, und meine Nichte Isabell, drei Jahre alt, an der ich hing wie an einer kleinen Schwester. Doch mein schlechtes Gewissen meinen Eltern gegenüber ist riesig, nie wieder würde ich mich gegen einen erneuten Fluchtplan stellen. Gerade erst 13 trage ich die Entscheidung mit.

Es wird ernst – vorbereiten auf die Flucht

Am ungarischen Balaton-See treffen wir unsere Fluchthelferin, eine Österreicherin, die freiwillig und ohne Geld dafür zu bekommen, DDR- Bürgern zur Flucht verhilft. Von dort aus machen wir uns in ihrem Auto auf den Weg zur Grenze. Unser gelber Lada bleibt am Balaton zurück. Den ganzen Tag fahren wir nahe der Grenze zu Österreich entlang, schauen auf die Landkarte. Wo ist die Grenze nah genug, um es zu schaffen? Die Stimmung im Auto ist angespannt. Wird heute der Tag unserer Flucht sein? Ob ich traurig bin ... ja, ich denke an meine kleine Nichte. Wann werden wir unsere Familie wiedersehen? Wie wird dieser Tag enden?

Im Kofferraum liegt schwarze Kleidung, schwarze Handschuhe, falls es Dornenbüsche gibt, und unser kleiner Fluchtrucksack. Darin eine Zange, Pfeffer gegen die Spürnasen der Hunde, drei Äpfel als Proviant und mein Zeugnis. Ein Zeugnis? Ganz genau. Ich bin schon oft gefragt worden, warum ich das mitgenommen habe – selbst meine Eltern wussten es nicht. Heute glaube ich, dass mir die Endgültigkeit unserer Reise bewusst war, obwohl ich erst 13 war.

Lauf los!

Gegen 20:30 Uhr ziehen wir uns in einem Waldstück bei Kópháza um. In der Dunkelheit sind wir mit schwarzer Kleidung nicht so schnell zu erkennen. Dann lässt uns die Fluchthelferin irgendwo im Dunkeln an einem Gebüsch raus und fährt weg. Da stehen wir nun an einem kleinen Abhang, und unten sind hell erleuchtete Bahngleise. Wir binden uns mit einem Seil aneinander, um uns nicht zu verlieren, und dann geht's los: über die Gleise, hoch ins Gebüsch. Ich selbst spüre keine Angst, sondern eine riesige Anspannung. Es ist ernst, das ist mir klar. Doch ich folge meinen Eltern, höre jedes Kommando meines Vaters. Die Äste knacken, im Gleichschritt gehen wir langsam weiter bergauf. Ich weiß, dass es gleich heißen wird: "Lauf los!" Und plötzlich sehen wir Soldatenfüße. Wie es dann weiter geht, sehen Sie im Video.

Teil 1 und Teil 2 sehen Sie hier. Und die ganze Reportage sehen Sie bei TV NOW.