"Liebe Menschen" statt "Sehr geehrte Damen und Herren"

Stadt Stuttgart führt gendergerechte Sprache ein

06. August 2020 - 13:24 Uhr

Weiblich? Männlich? Weder noch?

"Sehr geehrte Damen und Herren" – diese Ansprache könnte im Stuttgarter Rathaus bald der Vergangenheit angehören. Stattdessen soll es künftig heißen: "Liebe Menschen". Damit soll die Sprache in Bezug auf Geschlechter gerechter werden. Doch das gefällt nicht jedem. (Wir haben uns dazu auch einmal umgehört – die unterschiedlichen Reaktionen im Video)

Stuttgart führt gendersensible Sprache ein

Auch im Stuttgarter Rathaus soll die Sprache sensibler werden. Dafür zuständig ist Stuttgarts Gleichstellungsbeauftragte Ursula Matschke. Gemeinsam mit dem Netzwerks LSBTTIQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und Queer) haben sie und ihr Team einen Leitfaden mit neuen Gender-Sprachregeln erstellt. Genutzt werden soll der im Rathaus im gesamten Schriftverkehr - von E-Mails über Broschüren bis zu Formularen.

Das sind die neue Sprachregeln

  • Mädchenname – Geburtsname
  • Mutter-Kind-Parkplatz – Familien-Parkplatz
  • Mütterberatung – Elternberatung
  • Sehr geehrte Damen und Herren – Sehr geehrte Teilnehmende / Anwesende oder Liebe Menschen
  • Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Mitarbeitende
  • Außerdem soll das Gender-Sternchen (Mitarbeiter*innen) genutzt werden
  • Und: In städtischen Formularen, in denen das Geschlecht abgefragt wird, soll zukünftig "männlich", "weiblich", "divers" und "ohne Angabe" zur Auswahl angeboten werden

Nur Empfehlung, keine Pflicht

Der Leitfaden soll nicht zur neuen Pflicht werden, er hat nur Empfehlungscharakter. Trotzdem regt sich Protest. "Da muss man sich schon fragen, ob wir keine anderen Sorgen haben", sagt etwa die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte bereits vergangene Woche ein "überspanntes Sprachgehabe" kritisiert: "Natürlich müssen wir darauf achten, dass wir in unserer Sprache niemanden verletzen, und Sprache formt unser Denken ein Stück weit. Aber jeder soll noch so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist." Er sei gegen "Sprachpolizisten".

Sensiblere Sprache in vielen Kommunen

Immer mehr Kommunen veröffentlichen solche Leitfäden. In Hannover, München oder Kiel gibt es bereits Regeln für geschlechtersensible Sprache. Auch die Stadt Lübeck hat bereits gendergerechte Sprache eingeführt. Wie die Bürger der Stadt Anfang des Jahres darauf reagiert haben, zeigen wir im Video. 

In Stuttgart setzt sich Ursula Matschke seit fast 20 Jahren für Gleichstellung ein. Sie wundert sich nicht mehr über Beschwerden und wütende Kommentare. "Es ist schon ein bisschen ein Reizthema, so wie sexistische Werbung", sagt sie. Gesellschaftliche Veränderungen gefielen eben nicht allen. Man mache aber weder die Sprache kaputt, noch wolle man den Leuten irgendetwas verbieten. "Aber ich muss schon aufpassen, was ich sage und wen ich damit verletze", erklärt Matschke. Sprache sei eben ein "wichtiger Seismograph für die Einstellung".

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