Warum durfte Adrian V. trotz Vorstrafen Kontakt zum Stiefsohn haben?

Kindesmissbrauch in Münster: Das sind die Gründe für das Behördenversagen

News Bilder des Tages Kindermissbrauch in Münster Gesellschaft: Verbrechen, Prozesse. Ein Polizeiwagen fährt auf die Kle
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28. Juli 2020 - 13:52 Uhr

Haupttäter wurde bereits wegen Kinderpornographie-Besitz verurteilt

Mindestens fünf Kinder hat der Pädophilen-Ring um Adrian V. aus Münster jahrelang missbraucht. Die Ermittler stehen am Anfang und bezeichnen die bisherigen Ergebnisse als Spitze des Eisbergs. Wieder einmal stellt sich die Frage: Hätte das Leid der Kinder verhindert oder zumindest eher erkannt werden können?  Warum durfte Adrian V. zu dem zehnjährigen Sohn seiner Freundin - der in der Gartenlaube missbraucht wurde - Kontakt haben, obwohl der 27-Jährige bereits 2016 und 2017 wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie auf Bewährung verurteilt worden war? RTL hat bei den Behörden der Stadt Münster nachgefragt.

Jugendamt ist kein verlängerter Arm der Polizei

Sind die Jugendämter machtlos? Die Sozialarbeiter sind die erste Instanz, die Kontakt zu den Familien hat und die Lage einschätzen muss. Doch dem Handeln der Mitarbeiter sind enge Grenzen gesetzt. "Das Jugendamt ist nicht dafür zuständig, Straftaten zu verfolgen oder ein verlängerter Arm von Staatsanwaltschaft oder Polizei zu sein", stellt ein Fachanwalt für Familienrecht im RTL-Interview klar. Auch die Stadt Münster teilt in einem Statement mit: "Das Jugendamt hat keine Aufsichtspflicht, sondern kann lediglich im Rahmen seines staatlichen Wächteramtes tätig werden."

Den Richtern am Familiengericht fehlen Fachkenntnisse

Münster: Das Foto der Polizei zeigt einen Serverraum im Keller des Hauptverdächtigen.
Der Hauptverdächtige Adrian V. hatte seinen Keller zum Serverraum gemacht.
© dpa, ---, mg fdt

Ob ein Kind aus einer Familie genommen oder der Umgang eingeschränkt wird, ist Sache der Familiengerichte. Ursula Enders ist Traumaberaterin und leitet die Informationsstelle gegen sexuellen Kindesmissbrauch Zartbitter in Köln. Sie sieht bei den Familiengerichten massive Versäumnisse und Wissensdefizite. "Es kommt bei sexualisierter Gewalt viel zu häufig vor, dass wir eine Zwangsbelassung von Kindern in familiären Gewaltsituationen haben, weil Familiengerichte falsche Entscheidungen fällen", so Enders. Die Richter an den Familiengerichten seien nicht ausreichend fortgebildet und könnten häufig die Traumafolgen von kindlichen Opfern sexueller Gewalt nicht richtig einschätzen.

"Sie wissen vielfach nicht, dass Kinder, die massive Gewalt erleben, diese Erlebnisse durch den Loyalitätskonflikt, in dem sie stecken, abspalten und bei Besuchskontakten strahlend auf Täter zulaufen können." Es komme sogar immer wieder vor, dass Familiengerichte der Bindung wegen weitere Besuchskontakte anordnen würden. "Dadurch wird das Geschehen immer wieder reaktiviert. Eine Verarbeitung des Traumas ist dann gar nicht möglich", sagt Enders. "Alleine das Jurastudium qualifiziert bei uns zum Familienrichter. Doch es braucht hier viel tiefere Kenntnisse. Es kann ja nicht sein, dass engagierte Richterinnen und Richter es selbst in die Hand nehmen, sich entsprechend zu qualifizieren."

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Die Überlegenheit der Täter macht die Behörden hilflos

Der Missbrauch in Münster fand in einer Gartenlaube statt
Der Missbrauch in Münster fand in einer Gartenlaube statt.
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Im Missbrauchsfall Münster war bekannt geworden, dass das Jugendamt der Stadt Münster seit Jahren Kontakt zur Familie von Adrian V. hatte. Das Amtsgericht in Münster hatte Ende 2015 entschieden, dass kein Eingriff notwendig ist. Das Jugendamt hatte in der Folge weiter Kontakt zur Mutter, ihrem Sohn und zu Adrian V., die nicht in einem Haushalt lebten. Auch nach 2016 gab es aus Sicht der Stadt keinen Grund, einzugreifen. Demnach gab es aus dem sozialen Umfeld bis heute keinen Hinweis auf eine mögliche Gefährdung oder auf Auffälligkeiten des Kindes.

Auch die Antwort der Stadt Münster auf eine RTL-Anfrage zum Sachverhalt wirkt hilflos: "Die bisher bekannten Informationen machen eine neue Qualität von Täterstrukturen im sexuellen Missbrauch deutlich. Die enorme kriminelle Energie, die technische Expertise zur Geheimhaltung von Straftaten und das hohe Täterwissen um Manipulationsstrategien den Opfern und der Umwelt gegenüber führen dazu, dass keine Hinweise, Anhaltspunkte und Auffälligkeiten sichtbar werden. Ohne diese ist jedoch das Handeln des Jugendamtes als staatliches Wächteramt nahezu unmöglich. Mit solchen Ausgangslagen müssen sich nicht nur die Jugendämter, sondern auch alle anderen Akteure aus Legislative, Exekutive und Judikative auseinandersetzen."

Was muss sich ändern?

Der Fall zeigt, dass dringend politischer Handlungsbedarf besteht. RTL hat Nordrhein-Westfalens Innenminister Reul mit der Problematik und der Aussage der Stadt Münster konfrontiert. Das Interview sehen Sie im Video.