Vertuschung über JahrzehnteMissbrauch im Erzbistum Paderborn - Studie deckt Ausmaß auf
Im Erzbistum Paderborn sind deutlich mehr Fälle sexualisierter Gewalt bekannt geworden als bislang angenommen. Eine unabhängige Studie dokumentiert rund 500 Betroffene und mehr als 200 beschuldigte Geistliche – der neue Erzbischof Udo Markus Bentz spricht von institutionellem Versagen und bittet die Opfer öffentlich um Verzeihung.
Erzbischof spricht von „Versagen von Verantwortlichen“
Die Verantwortlichen des Erzbistums Paderborn wollten bei einer Pressekonferenz am Freitag (13.03.) reinen Tisch machen. Erst am Donnerstag (12.03.) war eine von der Universität Paderborn erarbeitete Missbrauchsstudie vorgestellt worden, die das Ausmaß der Taten zwischen 1941 und 2002 sichtbar macht. Demnach gibt es inzwischen Hinweise auf mehr als 200 beschuldigte Geistliche, die rund 500 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen. Die Autoren beschreiben ein System, in dem Täter geschützt und Fälle vertuscht worden seien. Erzbischof Udo Markus Bentz nannte das ein „institutionelles Versagen“ und bat die Opfer im Namen der Kirche um Verzeihung: Für das Leid, das Menschen im Raum der Kirche erfahren hätten, für das Versagen von Verantwortlichen und das zusätzliche Leid durch Schweigen, Wegsehen und Nicht-Glauben bitte er um Verzeihung.
Betroffene fühlen sich erstmals bestätigt
Für viele Betroffene bedeutet die Studie einen späten, aber wichtigen Schritt. Reinhold Harnisch, Sprecher der Betroffenenvertretung und selbst Missbrauchsopfer, sprach von einem Befreiungsschlag. Immer wieder sei früher in Zweifel gezogen worden, was die Opfer berichteten, sagte er. Manches erscheine Außenstehenden kaum vorstellbar und auch ihm falle es schwer, die Geschichten anderer Betroffener nachzuvollziehen. „Aber wir sehen immer mehr: Ja, das ist die Wahrheit. Und vieles war ja auch in den Kirchenakten bestätigt“, betonte Harnisch. Seit der Veröffentlichung der Studie hätten sich allein in den vergangenen Tagen sechs weitere Betroffene bei ihm gemeldet, die bislang im Dunkelfeld geblieben seien. Für ihn ist das ein Zeichen, dass Menschen spüren: Ihnen wird jetzt eher geglaubt.
Harte Zahlen, milder Umgang mit Tätern
Die Studie benennt auch Verantwortliche früherer Jahrzehnte. Unter Kardinal Lorenz Jaeger wurden laut Auswertung 144 Priester beschuldigt, 316 Kinder missbraucht zu haben. Unter seinem Nachfolger Johannes Joachim Degenhardt waren es 98 Beschuldigte und 195 Betroffene. In beiden Amtszeiten habe die Kirche versucht, Fälle zu vertuschen und Täter zu schützen, so die Forscher. Harnisch schilderte in der Pressekonferenz ein Beispiel, das ihn besonders schockiert habe: Ein Domchordirektor sei wegen Missbrauchs zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt worden. Kurz darauf habe Kardinal Jaeger ihm in einem Brief Trost zugesprochen und angekündigt, die Folgen des weltlichen Urteils bald zu beseitigen. Nach einer gewissen „Abklingzeit“ habe der Priester in die Seelsorge zurückkehren dürfen.
Sechs Jahre Aktenarbeit
Die unabhängige Studie beruht auf sechs Jahren Arbeit: Die Forscher werteten Kirchenakten aus, sprachen mit Betroffenen und rekonstruierten eine Vertuschungsspirale, die sich über Jahrzehnte zog. Bentz kündigte an, dass sich das Erzbistum Paderborn intensiv mit den Ergebnissen auseinandersetzen werde. Ihm gehe es um die Menschen und darum, „was die Menschen bewegt“, sagte der Erzbischof. Er wolle die Dinge „anpacken“ und gemeinsam mit den Betroffenen einen Weg finden. Klar ist bereits jetzt: Die bekannten Zahlen sind höher als angenommen und dürften dennoch nicht das gesamte Ausmaß abbilden. Die neuen Meldungen, die Betroffenenvertreter Harnisch nach der Veröffentlichung erreichen, zeigen, dass weiterhin Fälle im Dunkelfeld liegen.

































