Ich nehme sie noch immer

Ist die Pille wirklich so schlimm?

Ich nehme noch immer die Anti-Baby-Pille und bin glücklich damit.
© RTL Interactive, Gergana Koshutanska

30. Mai 2019 - 10:41 Uhr

von Luisa Menzel

Angefangen haben wir alle noch zusammen: Meine Freundinnen und ich, im Alter von 15 Jahren, genervt von unserer Pubertäts-Akne, unseren fehlenden Brüste und unserem ersten festen Freund, der sich mit Händchen halten nicht mehr zufrieden gab. Damals schien die Anti-Baby-Pille all diese Probleme auf einmal zu lösen. Ich weiß noch ganz genau, wie ich bei meiner Frauenärztin saß und mein Glück gar nicht fassen konnte. Mit dem Rezept in der Hand ging es auf in eine scheinbar strahlende Zukunft voller Brüste, Sex und der perfekten Haut.

Ich, die gefühlt letzte Freundin der Pille

Und heute? Heute stehe ich alleine da. Als Last-Woman-Standing sozusagen. Eine Freundin nach der anderen springt auf den "Hormone-sind-scheiße"-Zug mit auf und setzt die Pille ab. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht damit konfrontiert werde, wie schlimm die Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille sind und wie gut es allen damit geht, dieses Teufelszeug abgesetzt zu haben. Alle werden ohne die Pille glücklicher, haben plötzlich eine funktionierende Libido und leiden nicht länger unter Stimmungsschwankungen.

Ich traue mich deshalb kaum noch es zu sagen, aber ja, ich nehme sie immer noch. Ich schlucke jeden Abend gegen 22 Uhr meine tägliche Ration Hormone. Fast schäme ich mich dafür, den Trend des Absetzens bisher nicht mitgemacht zu haben. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, nicht auch schon darüber nachgedacht zu haben. Ich habe viele der zahllosen Beiträge online durchgelesen und mir kamen viele der Nebenwirkungen, die dort beschrieben werden, eindeutig bekannt vor. Aber habe ich wirklich wegen der Pille Stimmungsschwankungen? Oder habe ich auch schon davor überdurchschnittlich viel geheult? Habe ich solche Kopfschmerzen durch die täglichen Hormone? Oder war das auch schon als Kind bei mir ein Thema? Es gibt einige Dinge, die mit der Pille zusammenhängen können – oder eben nicht.

Ich bin heute 22 Jahre alt, nehme die Pille also schon seit mehr als acht Jahren. Und soll ich mal ganz ehrlich sein? Ich war eigentlich immer glücklich damit. Bis vor circa einem Jahr.

Mit der östrogenfreien Pille fingen die Probleme an

Tatsächlich ist es etwas komplizierter. Ich nehme seit letztem Sommer eine neue Pille, die darauf angepasst ist, dass ich oft stark unter Migräne leide. Diese Pille enthält im Gegensatz zu der "normalen" Mini-Pille kein Östrogen mehr, sondern nur das Gestagen Desogestrel in einer relativ hohen Dosierung. Sie wird 28 Tage durchgängig am Stück eingenommen und es gibt keine Einnahmepause.

Und mit der neuen Pille fingen auch meine Probleme an. Ich schiebe es auf das fehlende Östrogen, aber ich bin natürlich kein Experte. Ich habe seither sieben Kilo abgenommen (ohne etwas an meiner Ernährung zu ändern) und bewege mich deshalb jetzt am unteren Ende vom "Normalgewicht". Ich verliere so viele Haare, dass ich mich darüber wundere, überhaupt noch welche auf dem Kopf zu haben. Außerdem ist meine Haut im Gegensatz zu vorher katastrophal schlecht geworden und ich habe – ähnlich wie meine pillenlose Kollegin Jasmin – mit Hautproblemen zu kämpfen, die für mich nie vorher eine Rolle gespielt haben. Ich sehne mich zurück zu der Zeit, in der ich noch die "normale"-Pille genommen habe. Ich will meine Haut wieder, meine sieben Kilo und bitte alle meine Haare.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, jetzt die Pille ganz abzusetzen und auch noch eine unregelmäßige Periode mit starker Blutung und starken Schmerzen zu bekommen und mich mit der Frage herumschlagen zu müssen, wie ich jetzt hormonfrei verhüten soll. Nein, danke.

Wahrscheinlich kehre ich wieder zur vollen Hormondröhnung zurück

Es ist jedem selbst überlassen, aber aus meiner Sicht hat die Pille auch viele Vorteile, die niemand mehr zu sehen scheint. Sie macht mir das Leben auch stellenweise einfacher. Ich kann in den Urlaub fahren oder Schwimmen gehen, ohne mir zu überlegen, ob ich vielleicht meine Tage bekomme. Wenn mir morgens mal schlecht ist, muss ich nicht direkt an eine Schwangerschaft denken. Meine Beziehung erleichtert mir die Pille auch insofern, dass wir uns nicht über Temperaturmessung, gerissene Kondome oder fruchtbare Tage Gedanken machen müssen. Bis mir jemand die Frage nach einer Verhütungsmethode beantworten kann, die für mich besser funktioniert als die Pille, werde ich sie weiterhin nehmen. Wahrscheinlich werde ich sogar wieder zur vollen Hormondröhnung – der Pille mit Östrogen – zurückkehren.

Ich gönne es jeder Frau von Herzen, wenn sie durch das Absetzen der Pille ihr persönliches Glück, ihre Libido und ihr Körpergefühl wiedergefunden hat. Und ich verstehe jede Frau, die das auch versuchen möchte. Aber ich frage mich langsam, ob man immer jeden "Trend" mitmachen muss. Ich will nicht jedes Mal darüber aufgeklärt werden, was alles so schlimm daran ist und dass ich besser daran täte, es einfach zu lassen. Kann die Pille nicht einfach wieder eine sinnvolle Option zur Verhütung für die Frauen sein, die sich bewusst dazu entscheiden, obwohl sie die Nebenwirkungen kennen?