Vor 22 Jahren verschwand die kleine Hilal Ercan

Hilals Bruder an Entführer: Du bist der größte Feigling, den die Welt kennenlernen durfte

29. Januar 2021 - 10:45 Uhr

Hilal ist das einzige langzeitvermisste Kind in Hamburg

Es ist der 27. Januar 1999 als Hilal Ercan in einer Einkaufspassage direkt gegenüber von ihrem Wohnhaus in Hamburg Lurup spurlos verschwindet. Das kleine Mädchen ist damals 10 Jahre alt. Trotz einer der größten Suchaktionen in der Hamburger Nachkriegsgeschichte, Hinweisen und Aufrufen in den Medien und zahlreichen öffentlichen Appellen ihrer Familie bleibt der Fall bis heute ungeklärt. Ihre Eltern und Geschwister leben in einem 22 Jahre andauernden Martyrium.

Mit Blumen und Kerzen gegen das Vergessen

Hilals Bruder Abbas Ercan erinnert an seine kleine Schwester, die vor 22 Jahren verschwand
Hilals Bruder Abbas Ercan erinnert an seine kleine Schwester, die vor 22 Jahren verschwand
© RTL Nord

Es gibt kein Grab und keine Gedenkstätte, an der er um seine kleine Schwester trauern kann. Abbas Ercan bleibt nur die Fahndungstafel der Polizei, um an Hilals Schicksal zu erinnern. Die Tafel mit dem Bild von Hilal und einem Zeugenaufruf befindet sich dort, wo das bis heute unaufgeklärte Verbrechen begann: Am Eingang der Einkaufspassage Elbgaustraße in Hamburg Lurup. "Ich komme selten hierher", erzählt uns der 35-Jährige. "Die Erinnerungen, die mit diesem Ort verbunden sind, schmerzen einfach zu sehr. Aber ich will, dass unsere Hilal nicht vergessen wird und dass dieses Verbrechen endlich aufgeklärt wird, damit wir zur Ruhe kommen."

Dirk A. gilt bis heute als einziger Verdächtiger in dem Vermisstenfall Hilal

Polizei sucht im Hamburger Volkspark nach sterblichen Überresten von der vermissten Hilal
Polizei sucht im Hamburger Volkspark nach sterblichen Überresten von der vermissten Hilal
© RTL Nord

Auch für die Polizei ist der Fall Hilal bis heute nicht abgeschlossen. Knapp 700 Spurenakten wurden erstellt, an drei verschiedenen Stellen in Hamburg wurde mit Spürhunden und Baggern vergeblich nach sterblichen Überresten des Mädchens gesucht. Die Hinweise auf die Orte kamen u.a. von Dirk A., ein Sexualstraftäter, der bis heute in der geschlossenen Psychiatrie sitzt. Er behauptet sowohl 2005 und erneut 2006, Hilal getötet und vergraben zu haben, zieht seine Geständnisse allerdings wieder zurück und schweigt seitdem. Das Verfahren gegen ihn muss aus Mangel an Beweisen eingestellt werden.

Die Hoffnung, Hilal lebend zu finden, ist erloschen

"Ab dem Tag, wo Dirk A. der Hauptverdächtige, gestanden hat, dass er meine Schwester entführt, missbraucht und getötet hat, ab dann haben wir das Schlimme befürchtet: dass sie nicht mehr am Leben ist", erzählt uns Abbas Ercan. Die Polizei räumt im Jahr 2005 Ermittlungsfehler im Fall Dirk A. ein, die Familie ist bereits damals am Ende ihrer Kraft. Doch das Leiden hält bis heute an. Traurigkeit sei ihr ständiger Begleiter, so der 35-Jährige und kündigt heute in einer Erklärung an: "Wir ziehen in Erwägung, Strafanzeige gegen Personen innerhalb der Polizei zu stellen."

Mord verjährt nicht

Bei der Hamburger Staatsanwaltschaft liegt die Akte Hilal auf Wiedervorlage: "Wir überprüfen und vergleichen den Fall Hilal fortlaufend mit ähnlich gelagerten Fällen aus dem Bundesgebiet oder auch sonstigen Fällen, die uns bekannt werden", so Liddy Oechtering von der Hamburger Staatsanwaltschaft. Sobald sich ein neuer Hinweis ergibt, würden Verfahren und Ermittlungen wieder aufgenommen, denn "Wir ermitteln bei Hilal ja unter anderem wegen Mordes und Mord verjährt nie", so Oechtering weiter.

Als großer Bruder fühlt sich Abbas Ercan in der Pflicht

Hilals Bruder Abbas Ercan an dem Ort, wo die damals 10-Jährige verschwand
Hilals Bruder Abbas Ercan an dem Ort, wo die damals 10-Jährige verschwand
© RTL Nord

Abbas Ercan weiß, dass die Ermittlungsbehörden erst bei neuen Zeugenhinweisen wieder aktiv werden. "Ich denke es gibt Zeugen, die seit Jahren vielleicht nichts gesagt haben und sich jetzt trauen, weil es jetzt eine andere Zeit ist. Weil sie vielleicht vorher Angst hatten", sagt er uns. Aber vor allem appelliert er an den Täter endlich zu gestehen: "Er hat die Chance jeden Tag aufs Neue, einmal etwas Richtiges zu tun. Einmal nicht der Dumme zu sein, einmal nicht Abschaum zu sein." Genau deshalb ist er heute an diesen Ort gekommen: um an das Schicksal seiner kleinen Schwester zu erinnern und an den Täter oder Mitwisser zu appellieren, damit das 22 Jahre andauernde Martyrium für ihn und seine Familie endlich ein Ende hat.