Politikerin kämpft für die SPD in Bayern

Gehörlos in den Bundestag? Wie SPD-Kandidatin Heike Heubach den Wahlkampf meistert

15. September 2021 - 8:31 Uhr

Im Video: Politik mit den Händen - Wie Heike Heubach Wahlkampf macht

Wahlkampf ist laut: Mit Bürgern ins Gespräch kommen, lautstarke Diskussionen mit anderen Parteien führen oder mit dem Megafon in der Fußgängerzone stehen. Um Inhalte, eigene Ziele und Visionen den Bürgern zu vermitteln und sich selbst zu profilieren, wird unter Politikerinnen und Politikern oft ein gewissen Redetalent vorausgesetzt. Dass das aber nicht immer nur durch die eigene Stimme, sondern auch mit Ausstrahlung, Mimik und ganz besonders der Gestik klappen kann, zeigt SPD-Bundestagskandidatin Heike Heubach.

Sie ist gehörlos und möchte Ende September in den Bundestag gewählt werden. Dafür stehen die Chancen aktuell ganz gut: Für die Wähler scheint es keinen Unterschied zu machen, ob Politik mit dem Mund oder mit den Händen gemacht wird.

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"Für Hörende ist der Wahlkampf laut - für mich ist er leise"

Dolmetscherin übersetzt die Gebärdensprache von Heike Heubach im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern.
Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern funktionieren am besten mit einer Dolmetscherin.
© RTL

Sechs Uhr morgens am Bahnhof Nordendorf in der Nähe von Augsburg. Einige hundert rote Tüten mit SPD-Logo und Brezelinhalt sollen an diesem Morgen verteilt werden. Eine Wahlkampfaktion für die SPD-Bundestagskandidatin im Wahlkreis Augsburg-Land und Aichach-Friedberg. Und eben diese Kandidatin ist auch selbst vor Ort und packt tatkräftig mit an. Sie will bei der Verteilaktion mit Wählern ins Gespräch kommen.

Ins Gespräch kommen – das sieht bei der 41-Jährigen allerdings etwas anders aus als bei anderen Politikern. Heike Heurach ist gehörlos und spricht anders. Unterstützt wird sie im Wahlkampf deshalb von einer Dolmetscherin. Auch heute. "Für Hörende ist der Wahlkampf laut, für mich ist er leise […]. Ich möchte die Leute eben auch nicht mit den Gebärden erschrecken. Die Menschen sollen selbst entscheiden, wen sie wählen. Ich verhalte mich eher neutral."

Das führt in den Gesprächen an diesem Morgen zwar meist zu anfänglicher Verwirrung: Mit wem spricht man denn nun? Mit der gestikulierenden Dame oder der sprechenden Dolmetscherin, die die Gebärdensprache simultan übersetzt? Doch an einer möglichen Wahlentscheidung ändert das für viele nichts: "Mir ist wichtig, dass mich die Person überzeugt als Person, ob die jetzt mit ihren Händen spricht oder mit ihrem Mund, das ist ja egal," sagt eine Frau nach dem Gespräch mit der SPD-Kandidatin.

Dolmetscher sind schwer zu bekommen

Als Politikerin mit Inhalten überzeugen, das ist auch das Ziel von Heike Heubach. Themen wie Umweltschutz, Landwirtschaft und die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs liegen ihr am Herzen. "Es soll kein Mitleid dabei sein, dass eine Person gehörlos ist, aber wenn ich reinhaue und für die Gesellschaft etwas leiste, dann ist das doch gut", übersetzt die Dolmetscherin die Gebärden von Heike.

Natürlich läuft der Wahlkampf bei ihr aber etwas anders ab. Auf eine Dolmetscherin ist sie fast immer angewiesen. Manchmal ist es schwierig eine Dolmetscherin für die Aufgabe zu begeistern, vor allem wenn es um das Thema Politik geht: "Wenn ich keinen Dolmetscher finde für einen Einsatz, dann muss ich notfalls meine Tochter mitnehmen."

Heike ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von 18 und 15 Jahren. So heißt es auch in ihrem Vorstellungsvideo auf Youtube, welches sie stolz präsentiert. Das Video kann sie Wählerinnen und Wählern ganz unkompliziert auf ihrem Handy oder Tablet zeigen – ihre Ambitionen und Ziele in der Politik auf den Punkt gebracht in knapp einer Minute in Gebärdensprache und gesprochen von einer Dolmetscherin.

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Heike möchte etwas verändern

SPD-Wahlkampf von Tür zu Tür
Häuserwahlkampf mit Roland Mair und Heike Heubach
© RTL

Die Entscheidung für den Bundestag zu kandidieren war keine spontane. Vor ungefähr zwei Jahren ist der SPD-Fraktionsvorsitzende des Stadtrats in Stadtbergen auf sie zugekommen und hat sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne für den Bundestag zu kandidieren. Heike Heubach will etwas verändern: "Ich möchte die Ärmel hochkrempeln, nicht mehr klagen, sondern etwas machen und deshalb möchte ich in den Bundestag."

Die Unterstützung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Roland Mair hat sie bis heute. Mit ihm zusammen geht es auch in den Häuserwahlkampf – von Tür zu Tür soll für die neue SPD-Bundestagskandidatin geworben werden. Wie bereits am Bahnhof sind auch hier viele von Heikes natürlicher und sympathischer Ausstrahlung überzeugt und wollen sie wählen. Einige haben das sogar schon getan und das obwohl sie gar nicht wussten, dass Heike gehörlos ist. "Ist ja heute Gang und Gäbe, dass man mit Gehörlosen genauso kommuniziert wie sonst auch."

Chancen für Bundestagsmandat stehen gut

Und die Chancen für Heike tatsächlich in den Bundestag einzuziehen, stehen gar nicht schlecht. Unterstützer Roland Mair erzählt, dass er am Anfang pessimistisch war: "Mensch Heike, ob du die Nominierung überstehst, ist zweifelhaft, ob du dann in den Bundestag kommst – no way." Doch die neusten Umfragen sehen eine deutliche Verbesserung der bayerischen SPD im CSU regierten Bundesland. 25 Mandate gäbe es laut aktueller Umfragen für die bayerische SPD. Heike steht auf Platz 24. "Das heißt, sie wär drin", erklärt Mair stolz.

Über die Zeit nach der Wahl und eine mögliche erste Rede im Bundestag macht sich Heike noch keine Gedanken. Ihr Unterstützer Roland Mair blickt positiv auf einen möglichen Wahlerfolg: "Es ist ihr Mandat, sie hat's erworben, sie hat's gewonnen und sie wird den richtigen Weg finden!" (khe)

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