Nach tragischem Unfall von Zwillingsschwestern in Hamburg

Gefährliche Social Media-Mutproben: Das rät eine Soziologin besorgten Eltern

ARCHIV - 24.04.2021, Berlin: Eine junge Frau hält ein Smartphone in der Hand. (zu dpa «Studie der Uni Bochum: Weniger Smartphone, mehr Wohlbefinden») Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Der Zuspruch der anderen User bestärke die jungen Leute in ihrem Selbstbewusstsein und sporne sie dazu an, auch mitzumachen, so eine Soziologin. (Symbolbild)
som fgj kde wa, dpa, Fabian Sommer

von Kai Michèl Bülter und Rafael Hein

Der tragische Unfall der beiden Zwillingsschwestern vergangene Woche am S-Bahnhof Allermöhe in Hamburg hat nicht nur die Hansestadt schockiert, sondern auch eine Debatte entfacht. Denn es wird vermutet, dass die beiden 18-Jährigen sich wegen einer Internet-Mutprobe auf die Gleise gewagt haben.

Fegebank will mehr Kontrolle und Sanktionen

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RTL Nord

Bei einigen Internet-Mutproben bestehe eine „gefährliche Dynamik, eine echte Gefahr bis hin zu Leib und Leben“, sagt Hamburgs zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank im Gespräch mit RTL. Die Betreiber von Plattformen hätten aufgrund ihrer Beliebtheit eine große Verantwortung, den Kinder- und Jugendschutz mehr in den Vordergrund zu stellen, so die Grünen-Politikerin weiter. Sie kritisiert auch, dass viele Social-Media-Algorithmen darauf programmiert seien, die Nutzer abhängig zu machen. Neben den Mutproben macht Fegebank auch auf eine Problematik aufmerksam, die vor allem Mädchen und junge Frauen betrifft: psychische Probleme, Essstörungen und Depressionen seien oft die Folge von verstärktem Social-Media-Konsum. Häufig eiferten sie einem unerreichbaren Schönheitsideal nach. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin fordert daher neben einer großen gesellschaftlichen Debatte bessere Aufklärung für Eltern und Kinder, stärkere Kontrollen und die Möglichkeit, Plattformbetreiber zu sanktionieren.

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Keine Likes, kein Selbstbewusstsein

„Kinder und Jugendliche gehen nicht ins Internet, sondern das Leben spielt sich dort für sie ab“, sagt Cathrin Tettenborn von der Suchtpräventionsstelle Sucht.Hamburg. Mutproben habe es schon immer gegeben, sie gehörten zu der normalen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Früher seien es Klingelstreiche, Sprayen oder Zigaretten kaufen gewesen, heute sind es Online Challenges – der Unterschied: „Das gesamte Internet schaut dabei zu“, sagt die Expertin. Besonders problematisch findet sie, dass die Online-Mutproben oft unüberlegt ins Netz gestellt würden und anschließend viral gingen. Der Zuspruch der anderen User bestärke die jungen Leute in ihrem Selbstbewusstsein und sporne sie dazu an, auch mitzumachen.

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Schließlich sei das Selbstbewusstsein auch an die Beliebtheit der selbst geposteten Inhalte gekoppelt. Mögen die Leute meine Videos, mögen sie mich und ich fühle mich gut, so der Gedanke. Allerdings gebe es auch eine Kehrseite, ausgelöst durch den Gruppenzwang: „Wenn ich das nicht tue, erlebe ich diese Selbstwirksamkeit nicht“, gehöre also nicht dazu, erklärt die Soziologin.

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Eltern sollten klare Regeln aufstellen

Für Eltern wird die digitale Welt, in der ihre Kinder leben, zunehmend rätselhafter. Dennoch ist Tettenborn überzeugt, dass Eltern versuchen sollten, einen Zugang zur Welt des Internets zu finden und zu schauen, was ihre Kinder online tun. Wegen der Schnelllebigkeit des Internets sei das allerdings nicht leicht: „Es gibt gefühlt jeden Tag eine neue Challenge und man kommt gar nicht richtig hinterher“, sagt die Soziologin. Außerdem sei es wichtig, das Gespräch mit den Kindern zu suchen und klare Regeln für die Internetnutzung aufzustellen.

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