Kann mir das auch passieren? Experte schätzt ein

Sie dachte, es sei eine Grippe: Junge Frau stirbt fast an entzündetem Weisheitszahn

Caitlin Alsop aus Australien hatte einen entzündeten Weisheitszahn.
Caitlin Alsop (27) ist vor einigen Jahren fast an den Folgen einer Sepsis, die aufgrund eines entzündeten Weisheitszahns entstanden ist, gestorben.
Instagram / comatoconfidence

von Vera Dünnwald

23 Jahre alt und kerngesund – doch dann nimmt das Leben von Caitlin Alsop aus Australien eine unglückliche Wendung. Plötzlich hat sie mit grippeähnlichen Symptomen zu kämpfen. Fieber, Ausschlag und extreme Müdigkeit stehen an der Tagesordnung, kurze Zeit später kommt eine geschwollene Zunge mitsamt Atemproblemen hinzu. Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide, sodass sie sogar im Krankenhaus landet und ins Koma fällt. Dass eine Erkältung oder Grippe dahinter steckt, wird immer unwahrscheinlicher… Warum Caitlin in Lebensgefahr schwebt? Ein Weisheitszahn ist schuld!

Caitlins Diagnose: Ärzte vermuten eine allergische Reaktion

Gegenüber „Femail“ erzählt die heute 27-jährige Caitlin Alsop, dass alles recht harmlos angefangen hat: „Ich fühlte mich ein wenig krank und lag nach dem Abendessen im Bett und habe versucht mich zu entspannen. Aber irgendwie fühlte ich mich müde und so, als ob irgendetwas nicht stimmen würde. Zudem war mir sehr heiß.“ Kurz darauf schwillt ihre Zunge massiv an, sodass sie kaum noch schlucken kann.

Die Ärzte erklären ihr, sie habe eine allergische Reaktion. Alsop bekommt in einem lokalen Krankenhaus Schmerzmittel verschrieben und zwei Adrenalinspritzen verabreicht. Doch besser geht es ihr damit nicht: Es breitet sich ein gesprenkelter, blau-roter Ausschlag an ihrem ganzen Körper aus, ihr Herzschlag wird unregelmäßiger, und immer wieder verliert die damals 23-Jährige das Bewusstsein. Zeit zu handeln! Sie wird ins Gold Coast University Hospital, das örtliche Universitätskrankenhaus, verlegt. „Ich hatte das Gefühl, dass ich sterben würde. Im Krankenwagen erklärten mir die Ärzte, dass ich bei der Ankunft im Krankenhaus wahrscheinlich in ein Koma versetzt werde. Sie sagten mir, dass es ernst sei – was sehr beängstigend war, weil ich nicht wusste, ob ich wieder aufwachen würde.“

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Weisheitszahn gar nicht das Lebensgefährliche - sondern die Sepsis

Doch Caitlin Anslop hat Glück: Neun Tage später wacht sie wieder auf. Während sie im Koma lag, widmete sich ein Team von etwa 100 Ärzten ihrer Diagnose: Warum genau ging es der jungen Frau so schlecht? „Sie führten haufenweise Tests durch, zogen Spezialisten für Tropenkrankheiten hinzu und versuchten herauszufinden, was mit mir los war“, so Anslop gegenüber „Femail“. Am Ende kommen die Mediziner zu einem verblüffenden Ergebnis und können den mysteriösen Übeltäter ausfindig machen: ein infizierter, zusammengewachsener Weisheitszahn steckte hinter den enormen Gesundheitsproblemen. Denn: Durch eine Entzündung am betroffenen Zahn ist eine lebensgefährliche Sepsis entstanden, an der die 23-Jährige am Ende fast gestorben wäre.

Das Krasse: Caitlin hatte nie mit irgendwelchen Zahnschmerzen zu kämpfen, der entsprechende Weisheitszahn hat nie Probleme bereitet, die auch nur irgendwie auf eine Infektion hätten schließen können.

„Dass das jetzt der Weisheitszahn war, ist eigentlich Nebensache. Das Entscheidende ist in diesem Fall die Sepsis – und die kann von jeder Infektion im Körper kommen. Sie kommt häufig vor und wird leider oft erst spät erkannt“, erklärt Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht im RTL-Interview. Unsere Weisheitszähne, die auch nicht jeder Mensch hat, seien evolutionsbiologisch heute nicht mehr angesagt und haben keine Funktion mehr. „Sie passen eigentlich gar nicht mehr richtig in den Kiefer. Das führt dazu, dass die Weisheitszähne eingeengt werden und teilweise brechen. So kann es schnell zu Entzündungen kommen, wo sich Bakterien ansiedeln. Und das wird dann zum Problem.“ Zwar könne man eine solche Diagnose mit Antibiotika und einer entsprechenden Operation behandeln – aber eine Infektion dieser Art muss auch erst einmal erkannt werden.

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Darum ist eine Sepsis so gefährlich

„Niemand hatte diese Zahn-Infektion auf dem Schirm. Wenn man nämlich gewusst hätte, dass die Frau irgendwo eine Infektion im Körper hat, wäre man viel früher darauf gekommen, dass sie keine allergische Reaktion – sondern eine Sepsis hat. Die Symptome passen nämlich. Sie hat wirklich Glück gehabt, das hätte schnell tödlich ausgehen können“, so der Mediziner.

Doch was genau ist eine Sepsis? Dr. Specht erklärt. „Bakterien – manchmal auch Viren und Pilze – können aus einem lokalen Entzündungsgeschehen in die Blutgefäße entweichen. Diese werden dadurch durchlässiger und dämmen die Infektion nicht rechtzeitig ein. Geschieht das, und es wird zusätzlich nicht mit Antibiotika entgegengewirkt, geraten die Bakterien in den Blutstrom. Und unser Blut muss stets steril sein, da darf NICHTS drin sein. Wenn da jetzt irgendwelche Erreger reinkommen, dann ist der Teufel los. Das ist der ideale Nährboden, um sich weiter zu vermehren. In der Folge werden dann weitere Entzündungsprozesse in Gang gesetzt, die alles noch schlimmer machen.“

Das Schlimme: Dieser problematische Prozess gehe nicht innerhalb von Tagen vonstatten – sondern innerhalb weniger Stunden. „Das geht dramatisch schnell. Man muss sofort handeln und Antibiotika per Infusion verabreichen. Zum Glück tritt eine Verbesserung des Zustands ebenfalls schnell ein.“

Zu den Symptomen zählen:

  • Fieber
  • Schüttelfrost
  • andere, ähnliche Erkältungsanzeichen
  • niedriger Blutdruck aber eine hohe Herzfrequenz, das Herz rast
  • Schwellungen

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Caitlin Alsop hatte eine angeschwollene Zunge.
Caitlin Alsop musste nach ihrer OP das Sprechen und Essen neu erlernen.
Instagram / comatoconfidence

So geht es Caitlin heute

Trotzdem seien die Symptome kein Grund zur Panik. „Man darf sich da auch nicht verrückt machen. Aber die Sensibilität unter Ärzten muss weiter verschärft werden, damit sie eben frühzeitig erkannt werden werden kann“, sagt Dr. Specht.

Nachdem der Problemzahn von Caitlin – zusammen mit den anderen Weisheitszähnen – entfernt wurde, geht es der Patientin besser. Sie muss zwar im Nachgang hochdosierte Antibiotika einnehmen und eine Drainage gelegt bekommen, damit die Schwellung am Hals gelindert wird – doch alles in allem verbessert sich ihr Gesundheitszustand enorm. Erst im Nachhinein erfährt Caitlin, wie schlimm es um sie stand: „Die Ärzte dachten daran, meine Zunge zu amputieren, weil sie wohl schwarz geworden ist und zu stark geschwollen war.“

Rund drei Tage, nachdem Anslop aus dem Koma erwacht, darf sie wieder nach Hause, wo sie ambulant behandelt wird. Das Essen und Sprechen muss sie neu erlernen. „Ich bin aber einfach nur dankbar, dass die Ärzte mich rechtzeitig gerettet haben. Und eine solche Sepsis, die mit jeder Infektion entstehen kann – das hätte jedem passieren können.“

Die heute 27-Jährige ist froh, am Leben zu sein, und will es sich nun zur Lebensaufgabe machen, über die allgemeinen Symptome einer Sepsis aufzuklären und Bewusstsein zu schaffen.