WM-Rivalen geben sich Saures

Red Bull vs. Mercedes: Es rappelt wieder - auf und neben der Piste

Mercedes und Red Bull kämpfen dieses Jahr Rad an Rad - und mit harten Bandagen.
Mercedes und Red Bull kämpfen dieses Jahr Rad an Rad - und mit harten Bandagen.
© Getty Images, Bongarts, AJB / AJB

03. Mai 2021 - 8:27 Uhr

Silber-Imperium schlägt in Portugal zurück

Helmut Marko hatte den WM-Kampf zwischen Red Bull und Mercedes schon vor dem Großen Preis von Portugal wohl temperiert angeheizt. Weltmeister Lewis Hamilton habe nach Jahren erdrückender Formel-1-Dominanz mit Max Verstappen endlich einen richtigen Gegner – einen, der den Briten zu Fehlern zwingen werde, sagte die graue Eminenz der "Bullen" mit milder, wenngleich vergnügter Stimme im RTL-Interview.

Verstappen holt nicht das Maximum raus

Red Bull müsse "kontinuierliche Leistung bringen und Siege einfahren", "in allen Bereichen top sein", Hamilton zudem "psychologisch entsprechend unter Druck setzen", führte Marko weiter aus. Eine Hausaufgabe gab's vom Österreicher für das Rennen an der Algarve auch – zwei Autos auf dem Podest bitt'scheen.

Ziele allesamt verfehlt, muss man nach dem Portugal-GP aus Red-Bull-Sicht nüchtern feststellen. Statt auf dem Imola-Triumph aufzubauen und den Druck im Mercedes-Kessel mit einem weiteren Sieg zu erhöhen, schlugen in Portimao das Silber-Imperium und F1-Kaiser Hamilton gnadenlos zurück.

Pole Position, Sieg, Schnellste Rennrunde – in allen wesentlichen Kategorien hatte Red Bull das Nachsehen. Einen dicken Hals dürfte vor allem Verstappen haben. Der Holländer holte aus dem Paket RB16B das gesamte Wochenende nicht das Maximum heraus. Im Qualifying verdödelte Verstappen die Pole, weil er in Kurve 4 über die Track Limits rauschte. Im Rennen dann Licht und Schatten.

Barcelona wird der Gradmesser

Zunächst lief der 23-Jährige zu gewohnter Form auf, überrumpelte Hamilton beim fliegenden Re-Start in der Anfangsphase. Schon kurz darauf aber brachte er seinen Rivalen mit einigen Querstehern in Angriffsposition, am Ende der Start/Ziel-Geraden ließ Hamilton "Mad Max" stehen. "Ich bin eine lahme Ente auf der Geraden", moserte Verstappen im Team-Radio über zu wenig Power.

Den brav kämpfenden Valtteri Bottas stach Verstappen kurz nach den Boxenstopps zwar wieder gekonnt aus. Kurz vor Schluss patzte er allerdings erneut. Mit frischen Soft-Walzen setzte der Red-Bull-Mann zur Schnellsten Rennrunde an, die zunächst auch neben VER aufleuchtete. Aber: Wieder hatte der WM-Zweite die Track Limits verletzt. Den Extrapunkt kassierte stattdessen Bottas.

 Formula 1 2021: Portuguese GP ALGARVE INTERNATIONAL CIRCUIT, PORTUGAL - MAY 02: Sir Lewis Hamilton, Mercedes W12, passes Max Verstappen, Red Bull Racing RB16B during the Portuguese GP at Algarve International Circuit on Sunday May 02, 2021 in Portim
Lewis Hamilton zog beim Portugal-GP früh an Max Verstappen vorbei und gewann das Rennen.
© imago images/Motorsport Images, Mark Sutton via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Dass Verstappen vorgab, von der Streckenbegrenzung in Turn 14 nichts gewusst zu haben, wirkte ebenso wenig souverän wie Markos Granteln, die Kommissare dürften in puncto Track-Limit-Regeln "nicht herum jonglieren". Der verlorene Punkt könnte Verstappen im WM-Kampf irgendwann noch teuer zu stehen kommen. Fürs Erste reist er mit acht Zählern Rückstand auf Hamilton nach Barcelona.

Auf dem von vielen Teams als "Referenzstrecke" angesehen Circuit de Catalunya wird sich zeigen, wie es um das Formel-1-Kräfteverhältnis wirklich bestellt ist. Portimao, das betonte Marko nach der Algarve-Schlappe eilig bei Sky, sei "eine Mercedes-Strecke" gewesen. Die Silbernen hätten vor allem auf den harten Reifen Vorteile gehabt.

Psychologische Kriegsführung eröffnet

Das Gute aus Red-Bull-Sicht: Bei der Portimao-Premiere im Vorjahr war Mercedes dem Rest der Formel-1-Welt mühelos um die Ohren gefahren. Dieses Jahr konnten die "Bullen" dagegen voll um den Sieg kämpfen. "Wir sind dran, die Entwicklung stimmt", sagte Marko. In Barcelona ist es an Red Bull dies zu untermauern. Ein Sieg muss her, um gegen Mercedes auszugleichen.

Klar ist schon jetzt: Der WM-Kampf ist nicht nur auf der Strecke voll entbrannt. Ungewohnt früh hat Red Bull mit der psychologischen Kriegsführung begonnen. Die öffentlichen Sticheleien gegen Hamilton. Das Abwerben wichtiger Köpfe aus der Motoren-Abteilung, das die "Bullen" – zum Unmut von Toto Wolff – durchaus medienwirksam zelebrierten. Und mehr: Als Verstappen in Q3 der Portimao-Quali an ungünstigen Stellen auf die Lando Norris (McLaren) und Sebastian Vettel (Aston Martin) auflief, witterte man bei Red Bull gar eine Mercedes-(Kunden)-Verschwörung.

"Sehr sportlich, die Mercedes-Riege", ätzte Marko über einen Funkspruch an Norris. "Max hat noch keine Runde gefahren, tu ihm keinen Gefallen", hatte der McLaren-Kommandostand dem jungen Briten aufs Ohr gegeben. Kann man dahingehend interpretieren, Norris solle Verstappen bloß nicht unfreiwillig Windschatten spenden. Muss man aber nicht. Alles in allem aber eine handelsübliche Frequenz im Haifischbecken Formel 1.

Mercedes bellt zurück

Die Red-Bull-Rebellen haben dem Silber-Imperium den Fehdehandschuh hingeworfen. Der Platzhirsch wurde gepikst, nicht nur auf der Strecke, und bellt jetzt zurück. Marko sei mit seinen Einlassungen derzeit der beste Motivator für seine Truppe, spöttelte Wolff schon vor dem Mercedes-Erfolg in Portugal über seinen Landsmann. Auf einer der sonst eher dösigen PKs erkannte der Österreicher in Red Bulls Wildern bei Mercedes gar eine langfristige "Strategie". Red Bull wolle selbst zum Motorenbauer aufsteigen, sei außerdem scharf auf eine Zusammenarbeit mit Automobil-Schwergewicht VW, behauptete Wolff – was wiederum den Kragen von Teamchef-Konterpart Christian Horner platzen ließ.

Mercedes, so viel ist sicher, sieht seine Vormachtstellung bedroht. Auf und neben der Piste rappelt es wieder, so wie es früher – etwa zwischen Ferrari und McLaren – gang und gäbe war. Nach jahrelanger Einfalt kann sich der Formel-1-Fan darüber eigentlich nur freuen.

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