Knallharter Saisonendspurt

F1-Titelkampf: Was spricht für Hamilton – und was für Verstappen?

Lewis Hamilton oder Max Verstappen - wer holt den Titel 2021?
Lewis Hamilton oder Max Verstappen - wer holt den Titel 2021?
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23. September 2021 - 20:07 Uhr

Sieben Rennen – sieben Argumente

Nach dem Crash in Monza zwischen den zwei Titel-Rivalen, einer Null-Nummer für beide und der Strafe für den Red-Bull-Star ist so richtig Feuer drin im Titelkampf 2021. Lewis Hamilton oder Max Verstappen – wer setzt sich am Ende die Krone auf? Dass die Entscheidung erst beim Finale in Abu Dhabi Mitte Dezember fällt, ist bei aktuell fünf Pünktchen Unterschied und noch 175 Zählern, die zu vergeben sind, nicht unwahrscheinlich. Am Ende könnten Kleinigkeiten den Ausschlag geben. Und genau das spricht für …

Lewis Hamilton: Darum wird er Weltmeister 2021

Seine Erfahrung: "Lewis bestreitet in dieser Saison zum zehnten Mal in seiner Formel-1-Karriere einen WM-Kampf, und ich erlebe ihn hochkonzentriert auf seine Ziele", erklärte Mercedes-Teamchef Toto Wolff vor dem Rennwochenende in Sotschi. Diese Erfahrung hat Hamilton Verstappen um Längen voraus – für den Niederländer ist erstmals der Titel so lange in der Saison in greifbarer Nähe. Ob dominante Triumphfahrt, Psychospielchen im Duell mit dem Teamkollegen oder WM-Entscheidung in der letzten Runde, Hamilton hat bei seinen sieben Titeln schon alles erlebt. Wahrscheinlich gibt es nichts mehr, was ihn 2021 aus der Bahn werfen kann. Selbst nach den Kollisionen mit Verstappen in Silverstone und Monza blieb der Brite die Ruhe in Person. Ein entscheidender Vorteil, wenn es so eng im Kopf-an-Kopf-Rennen zugeht.

Die Mentale Stärke: Red Bull stichelt. Und stichelt. Und stichelt. Und Hamilton? Den lässt das kalt. Dass Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko bei RTL/ntv im Interview seine Kritik gegen "Simulant Hamilton" wiederholte und erklärte, dass dessen Reise von Monza nach New York wohl kaum möglich gewesen wäre, wenn er nach dem Crash "wirklich seriöse Nackenschmerzen oder Probleme gehabt hätte", belastet Hamilton wenig. "Ich höre nicht wirklich, worüber diese Personen sprechen", sagte der 36-Jährige in Sotschi. Konter verwandelt.

Hamilton hat in den vergangenen Jahren bei all seinen Erfahrungen auch einen Weg gefunden, um mit dem psychischen Druck umzugehen. Er ist für jedes Rennen hochmotiviert, fokussiert und selbst sein größter Kritiker. Und auch an die Titel-Gefahr durch Verstappen scheint er sich gewöhnt zu haben. Mental spricht deshalb einiges für den Briten.

Lewis Hamilton ganz entspannt im Paddock.
Lewis Hamilton mental stark und ganz entspannt im Paddock.
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Das Momentum spricht für Mercedes - und die Hamilton-Magie für die Entscheidung

Das Momentum: Dass Mercedes in Monza die Nase vorne hatte und dennoch vor allem in Person von Hamilton wichtige Punkte liegen ließ, müssen die Schwarzpfeile auf die eigene Kappe nehmen. Valtteri Bottas holte zwar die Pole für das Sprintrennen, dadurch startete Hamilton aber von Platz zwei – und damit von der schmutzigen Seite, er fiel beim Start am Samstag weit zurück und brachte sich so auch in eine schwierigere Ausgangslage für den Sonntag.

Doch das ist abgehakt. Mit dem starken Auto will das Team im Mercedes-Land Sotschi (dort gewann seit 2014 bisher immer ein Mercedes-Auto) den 100. Sieg für Hamilton holen und auch in der Konstrukteurswertung weiter den Abstand auf Red Bull vergrößern. Danach geht es weiter in die Türkei, wo Hamilton immerhin 2020 seinen siebten WM-Titel feierte, nachdem er fast die ganze Renndistanz auf seinen abgewetzten Intermediates fuhr und am Ende rund 30 Sekunden Vorsprung hatte.

Auch die folgenden Stationen in den USA und Mexiko verbindet Hamilton mit besonderen Erinnerungen, auf beiden Kursen krönte er sich einst zum Champion und feierte ausgelassen mit der Fan-Menge. Sollte es die Corona-Situation zulassen, macht die F1 auch noch Station in Brasilien – eine Highspeed-Strecke, die den Mercedes gelegen kommt. Bevor sich die Königsklasse dann für den Schlussspurt in Richtung der arabischen Welt aufmacht, könnte also aus dem Verfolger Hamilton der Spitzenreiter geworden sein.

Der Hamilton-Faktor: Am Ende sind Strecke, Autoperformance und die Situation von großer Bedeutung – doch Hamiltons Können und sein ganzes Talent als Pilot machen immer wieder in wichtigen Entscheidungen den Unterschied. "Er ist natürlich außergewöhnlich und nicht umsonst der beste Rennfahrer aller Zeiten", schwärmte Mercedes-Boss Wolff schon im Juli nach Hamiltons Vertragsverlängerung im RTL-Interview. "Ich würde mir niemanden anderen wünschen im Auto, wenn es wirklich Spitz auf Knopf geht." Und das geht es nun mal im WM-Fight 2021, den schließlich dieser magische Hamilton-Faktor entscheiden könnte.

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Der unbekümmerte Herausforderer: Max Verstappen.
Der unbekümmerte Herausforderer: Max Verstappen.
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Max Verstappen ist dennoch alles andere als chancenlos

Seine Unbekümmertheit spricht für Verstappen: Erfahrung ist das eine – komplett unbekümmert an eine schwierige Situation heranzugehen, kann aber andererseits manchmal auch der richtige Schritt sein. Genau das macht Max Verstappen, auch wenn er ja auch "schon 100 Rennen auf dem Buckel hat", wie Helmut Marko im Gespräch mit RTL-Reporter Felix Görner betonte.

Verstappen ist im Duell gegen Hamilton zwar aktuell der Spitzenreiter, eigentlich gehört ihm aber die Rolle des Herausforderers. Er ist derjenige, der sich gegen den Rekordweltmeister seinen ersten Titel holen will. Ganz egal, was in der Vergangenheit war. Je nach Entwicklung des hitzigen Titelkampfs könnte sich diese Einstellung noch auszahlen.

Die Red-Bull-Stärke: 2021 ist kein Jahr der Mercedes-Dominanz. Im Gegenteil. Das deutsche Team musste sich ganz schön strecken, um mit der österreichischen Konkurrenz mitzuhalten. Mittlerweile ist die Entwicklung der aktuellen Autos abgeschlossen, im Hintergrund konzentrieren sich die Teams bereits auf die neuen Boliden 2022. Also wird Mercedes kaum mehr Kohle nachfeuern können, um Verstappen auf Abstand zu halten. Und genau das könnten die Bullen für sich ausnutzen, um mit dem starken Paket und einem Verstappen in Top-Form die Überraschung ins Ziel zu bringen.

Die Gier nach Titel Nummer eins: Während Lewis Hamilton vom Rekordgedanken angetrieben wird – er ist der erste Pilot der F1-Geschichte, der sich zum achten Mal zum Weltmeister krönen könnte – träumt ein junger Niederländer seit Jahren davon, überhaupt einmal am Ende der Saison ganz oben zu stehen. Mit seinen dann 24 Jahren (am 30. September hat er Geburtstag) könnte sich Verstappens größter Lebenstraum erfüllen: Formel-1-Weltmeister zu werden. Eine unglaubliche Motivation, die auf der Zielgeraden der Saison nochmal ungeahnte Kräfte freiwerden lassen könnte. (ana)