Zu stur, zu ineffizient, zu emotional

Ferrari wird auch in diesem Jahr(zehnt) keinen Titel holen

Ferrari driver Charles Leclerc of Monaco speaks with Ferrari team principal Mattia Binotto following the first practice session for the Formula One Miami Grand Prix auto race at the Miami International Autodrome, Friday, May 6, 2022, in Miami Gardens
Charles Leclerc vereint alle Zutaten, die es zum Weltmeister braucht. Was sein Team angeht, lässt sich dieser Satz aber nicht so leicht formulieren.
DP, AP, Darron Cummings

Ein Kommentar von Ludwig Degmayr

Ferrari ist wieder mal auf dem besten Wege, die Weltmeisterschaft in den Sand zu setzen. Bereits in Monaco zeigte sich wieder das Chaos in der Rennstrategie und verwehrte Charles Leclerc seinen sehnlichst erwarteten Heimsieg, beim Großen Preis von Aserbaidschan streikte die Technik. Und beim Rennen in Silverstone am Wochenende zeigte Ferrari trotz eines Sieges, dass sie aus Fehlern einfach nicht lernen. Ob Auto oder Kommandostand, es ist weiß Gott nichts Neues, dass die Scuderia Chancen geradezu fahrlässig ungenutzt lässt. „Tanti emozioni“ alleine gewinnen eben keine Titel. Daher die Prognose: Ferrari wird auch mit der neuen Fahrzeug-Generation keine Weltmeisterschaft holen. Und vielleicht sogar noch länger ...

Mercedes führt Ferrari selbst in der Krise vor

Ein ziemlich gewagter Ausblick, ist Ferrari mit dem 2022er-Boliden doch ein richtiger Coup gelungen, der den Italienern einen Vorsprung für das neue Reglement gegeben hat. Auch der Motor ist mindestens auf Augenhöhe mit den anderen Herstellern. Und trotzdem liegt der Rennstall – SIlverstone-Sieg hin oder her – bereits 63 Punkte hinter Red Bull in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft und nur noch 61 vor einem sichtlich strauchelnden Mercedes-Team. Hier wird eigentlich schon der erste Unterschied zwischen einem echten Weltmeister und Ferrari ersichtlich. Mercedes durchlebt die mit Abstand schwierigste Zeit in der Hybrid-Ära, reißt sich aber zusammen und holt das absolute Maximum aus dem Paket heraus. Selbiges mit Red Bull. Und Ferrari? Das springende Pferd lahmt wieder einmal, obwohl die Bedingungen kaum besser sein könnten.

Nicht falsch verstehen: Ferrari hat das ausgewogenste Auto gebaut, das ist kein Glückstreffer nach dem Blinde-Huhn-Prinzip. Nur scheint es den Mannen aus Maranello offenbar nicht mal mit den schärfsten Waffen des gesamten Feldes möglich zu sein, das Potential in Ergebnisse umzuwandeln.

Im Video: RTL-Reporter gibt Ferrari eine auf den Deckel

RTL-Reporter: "Ferrari hat Leclerc verkauft" Großer Preis von Großbritannien
01:49 min
Großer Preis von Großbritannien
RTL-Reporter: "Ferrari hat Leclerc verkauft"

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Mattia Binotto Teil des Problems, nicht der Lösung

An den Fahrern, denen die Scuderia in der Vergangenheit gerne mal die Schuld zuschiebt, liegt es gewiss nicht, dass es seit 2008 keinen Konstrukteurstitel und seit 2007 keine Fahrer-WM mehr für die Roten gab. Mit Fernando Alonso und später Sebastian Vettel hatte Ferrari zu jeder Zeit fähige Weltmeister im Team. Der fehlt aktuell zwar, doch Charles Leclerc zeigt Wochenende für Wochenende, dass er vom reinen Speed her betrachtet der aktuell schnellste Fahrer im Feld ist. Und Carlos Sainz gibt – abgesehen von ein paar Malheuren – eine gute Nummer 2 ab. Unglücklich, dass die zweite Geige dann bei einem rennentscheidenden Strategie-Call den Vorzug bekommt. Das hätte es in der Schumacher-Zeit nicht gegeben. Aber zu dieser gleich mehr.

Die Führung ist da eher das Problem. Mattia Binotto verkörpert das Problem hervorragend. Er ist ein hoch intelligenter Mann, der schon zu Schumi-Zeiten im Hintergrund eine der Grundsäulen des Erfolges war. Aber eben als Ingenieur, nicht als Leader. Da gibt es Menschen wie Toto Wolff oder Christian Horner, die das verkörpern. Mattia Binotto lässt Führungsqualitäten zumindest nach außen immer wieder vermissen.

Eine Szene mit Symbolcharakter gab es in der Netflix-Dokumentation „Drive to Survive“. Jeder Teamchef sprach bei den Interviews mit den Machern auf Englisch, nur Binotto wählte Italienisch. Es ist dieser Sonderweg, mit dem sich Ferrari immer wieder selbst ein Bein stellt. Und der macht sich selbst in solchen Kleinigkeiten schon bemerkbar.

All das, was Ferrari so besonders macht, wird in regelmäßigen Abständen wieder zum Verhängnis. Außer der „Squadra Azzurra“ auf dem Fußballfeld gibt es in Italien nichts Bedeutenderes als das Abschneiden des Traditions-Rennstalls. Und dieses mediale Interesse wandelt sich bei Misserfolg stets in die Pressehölle. Und irgendwie wirkt es, als sitze so manches Ferrari-Team-Mitglied schwitzend in der Box ob des Drucks von außen. Das Logo ist also mindestens genauso viel Bürde wie Ehre.

BAKU, AZERBAIJAN - JUNE 11: Scuderia Ferrari Team Principal Mattia Binotto looks on in the Team Principals Press Conference prior to final practice ahead of the F1 Grand Prix of Azerbaijan at Baku City Circuit on June 11, 2022 in Baku, Azerbaijan. (P
Scheint seine Pferdchen nicht immer alle im Griff zu haben: Ferrari-Teamchef Mattia Binotto.
AJB / WTM, Getty Images, Bongarts

Den Geldhahn aufzudrehen bringt in der modernen F1 nichts mehr

Und sind wir mal ehrlich: Das „erfolgreichste Team der Formel-1-Geschichte“ ist eigentlich gar nicht so erfolgreich, wie es klingt. Vor allem dann, wenn die erfolgreichen Schumacher-Jahre (plus die Folgejahre 2007 und 2008), die neben des Genies des Rekordweltmeisters durch ein verrückt hohes Budget erreicht wurden, herausstreicht. Dann wäre der letzte Titel der Scuderia der in der Saison 1979 gewesen. Ja, richtig gehört!

Das Problem der Italiener: Mit mehr Geld alleine ist es in der modernen F1 nicht mehr getan. Seit 2021 gilt die Budgetdeckelung, die über die nächsten Jahre noch enger gezogen wird. Die Zeiten des munteren Geldverbrennens sind vorbei. Und damit gleichzeitig eine enorme Chance für Ferrari. Effizienz ist gefragt. Und da gibt es bei Ferrari ob der alteingesessenen Strukturen reichlich Nachholbedarf.

Möglicherweise lässt sich die Prognose noch ausweiten auf das gesamte Jahrzehnt. 2026 kommen neue Motoren und wieder veränderte Autos. Und das Reagieren auf Regeländerungen war historisch betrachtet nicht immer Ferraris Stärke. Einfach mal die WM-Wertung in den Jahren 2009 und 2014 googeln. Dann sollte klar sein, was gemeint ist.