Schicksalsort Brück in Ahrweiler

Flut-Katastrophe: "Es ist wirklich die Apokalypse" - Hausarzt beklagt die Toten

22. Juli 2021 - 12:35 Uhr

Ortseinwohner trauern um Frau und Kind

In vielen Städten und Orten, die von der Flutkatastrophe getroffen wurden, spielen sich gerade unfassbare Dramen ab. Die Menschen stehen unter Schock. Es sind besonders die Einzelschicksale, die uns das wahre Ausmaß der Zerstörung näher bringen. Wie zum Beispiel der Ortsteil Brück im Rheinland-pfälzischen Ahrweiler, den die Flut ganz furchtbar getroffen hat. Ein Assistenzarzt hat dort nach stundenlangem Kampf in den Fluten einen Teil seiner Familie verloren. Sein Chef, der Hausarzt des kleinen Ortes, hat mit uns über das unfassbare Leid seines Mitarbeiters und der Menschen dort gesprochen.

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Frau und Kind ertrinken in den Fluten

Im beschaulichen Brück steht kein Stein mehr auf dem anderen. Jeder kennt in diesem geselligen Ort jeden. Eines der vielen Schicksale erzählt uns der Hausarzt von Brück, Klaus Korte. Das Haus seines Assistenzarztes wurde von den Fluten mitgerissen. Der junge Mann konnte noch mit seiner Frau und seinen beiden vierjährigen Kindern auf das Dach fliehen. In der Nacht, inmitten der Wassermassen, konnte sie aber niemand retten. "Mein Assistenzarzt hat sich die ganze Nacht auf einem Ast hängend und stehend mit seinem vierjährigen Sohn über Wasser halten können", erzählt uns der sichtlich bewegte Hausarzt. Seine Frau und seine 4-jährige Tochter seien ertrunken. Elf Stunden kämpfte der junge Arzt und sein vierjähriger Sohn ums Überleben. Erst am nächsten Morgen konnten die beiden von einem Hubschrauber gerettet werden.

Im Video: 15-Jähriger rettet Feuerwehrmann aus der Flut – klicken Sie hier!

Notfallpraxis in Schule eingerichtet

Gerade jetzt wird die Hilfe von Klaus Korte mehr denn je benötigt. Zwar ist seine Praxis komplett zerstört worden, doch konnte in der Grundschule eine Notfallpraxis errichtet werden. Hier muss der Hausarzt jetzt vor allem als Seelendoktor Hilfe leisten. "Ich behandle seit drei Tagen Menschen en masse mit posttraumatischen Belastungsstörungen, mit schwersten seelischen Beeinträchtigungen, die Nahtoderfahrungen gemacht haben, die gar nicht mehr mit einer Rettung gerechnet hatten, die in ihren Kellern halb ertrunken sind. Es ist wirklich Apokalypse, das kann ich nicht anders beschreiben."

Wie ein junger Elektriker aus dem Kreis Ahrweiler um Hilfe bittet, lesen Sie hier.

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Ganzer Ort schwer getroffen

Die Flut hat den Menschen in Brück fast alles genommen. Eigentlich wissen sie nicht, wo sie überhaupt mit dem Aufräumen anfangen sollen. Auch Karl Koll hat sein Hab und Gut verloren. Jetzt kämpft er mit der Verwüstung - und immer wieder mit den Tränen: "Schlafen kann man nicht mehr, das geht nicht. Ich kann nichts mehr essen, man trinkt noch ein bisschen. Man richtet sich auf, es muss ja weitergehen", beschreibt der betroffenen Anwohner die traurige Situation.

"Ich kann keine Toten mehr sehen" – die dramatischen Worte eines Bestatters lesen Sie hier.

Medizinische Versorgung zusammengebrochen

Natürlich muss Hausarzt Klaus Korte neben der seelischen Betreuung auch die übliche medizinische Versorgung aufrechterhalten. Das fällt im Augenblick aber besonders schwer, denn es fehlt in der Notfallpraxis an den einfachsten medizinischen Dingen. "Impfstoffe fehlen im Moment, insbesondere Tetanus. Ich habe Kinder, die insulinpflichtig sind, die vier Mal am Tag messen müssen, die haben keine Messstreifen mehr, kein Insulin mehr. Den älteren Leuten, die das Sauerstoffgerät brauchen, die haben keinen Strom," erzählt uns der verzweifelte Arzt. Auch das nahegelegene Krankenhaus bietet keine Hilfe, denn es musste evakuiert werden. Hier wurden auch der Assistenzarzt und sein Sohn erstversorgt. Zumindest körperlich sind der junge Mann und sein Sohn wohlauf und konnten bei Freunden wenigstens eine vorübergehende Bleibe finden. (rra)

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