Viele bekamen den extremen Streit mit, aber niemand schritt ein - jetzt ist Martina tot

Anwältin (35) von Ex-Freund nach Trennung auf offener Straße niedergeschossen - warum half ihr niemand?

Femizid Italien: Die Anwältin für Familienrecht ahnte, dass ihre Lage ernst war.
Femizid Italien: Die Anwältin für Familienrecht ahnte, dass ihre Lage ernst war.
Facebook_Lorenzo Scialdone

von Marisa Caligiuri

Martina Scialdone, Anwältin für Familienrecht in Rom, hatte sich nach zwei Jahren Beziehung mit einem verheirateten Mann, getrennt. Costantino Bonaiuti wollte diese Entscheidung aber offenbar nicht akzeptieren. Mehrere Monate später forderte der 61-Jährige jetzt nochmal ein „aller letztes Gespräch“ mit seiner Ex-Geliebten. Die 35-Jährige willigte ein. Am vergangenen Freitag trafen sich die beiden im Restaurant „Brado“ in der italienischen Hauptstadt. Costantino war außer sich, schrie sie lauthals im Lokal an. Martina, schloss sich auf der Toilette ein, war offensichtlich in einer Notlage. Aber niemand schritt ein. Nur wenige Minuten später zückt der Ingenieur eine Waffe.

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Mutter und Bruder von Martina waren nie mit der Beziehung zu dem 26 Jahre älteren Mann einverstanden

Der Bruder von Martina, Lorenzo Scialdone und die Mutter seien nie glücklich über die Beziehung mit dem Ingenieur gewesen, heißt es. Gerade wegen des großen Altersunterschiedes. Der Vater der 35-Jährigen sei früh gestorben. Sie vermuteten, dass sie in Constantino eine Art Vaterersatz gesehen hatte. Immer wieder habe Martina ihrer Familie von Streitigkeiten zwischen ihm und ihr berichtet, aber es sei wohl nie zu Handgreiflichkeiten gekommen. Dann hatte die 35-Jährige schließlich entschieden sich zu trennen. Vielleicht auch deshalb, weil der 61-Jährige verheiratet war. Mit seiner Ehefrau zusammen wohnte.

Monate nach der Trennung soll Martina endlich wieder glücklich gewesen sein. Hatte mittlerweile einen neuen Mann kennengelernt, heißt es weiter. All das soll Costantino aber nicht ertragen haben. Gab bei der 35-Jährigen an, nochmal alles klären zu wollen. In einem aller letzten Gespräch. Und Martina willigte ein.

Martina Scialdone versuchte auf ihre Notlage aufmerksam zu machen, aber niemand reagierte

Rom: Costantino Bonaiuti wollte nicht akzeptieren, dass Martina Scialdone sich von ihm trennen wollte. Schoss ihr auf offener Straße in die Brust.
Rom: Costantino Bonaiuti wollte nicht akzeptieren, dass Martina Scialdone sich von ihm trennen wollte. Schoss ihr auf offener Straße in die Brust.
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Laut anderen Restaurantbesuchern hatten die 35-Jährige und ihr Ex im Lokal laut und auffällig miteinander gestritten. So sehr, dass andere Gäste sich wohl davon gestört fühlten. Martina sei sogar auf die Toilette geflüchtet habe sich dort eingeschlossen. Costantino sei ihr hinterhergeeilt, habe mit der Faust gegen die Tür gehämmert und immer wieder geschrien „komm raus!“, so die Berichte der Zeugen.

Der Streit soll so sehr eskaliert sein, dass die beiden schließlich aufgefordert worden sein sollen, das Lokal zu verlassen. Laut der italienischen Zeitung „Il Corriere della Sera“ habe Martina Scialdone noch versucht auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. Bat einen Kellner um eine Zigarette, doch sei sie offenbar nicht verstanden worden, heißt es. Vielleicht wollte die Italienerin ein wenig Zeit schinden? Denn, auf der Toilette hatte sie bereits ihren Bruder Lorenzo angerufen. Ihn darum gebeten, schnell zu ihr zu kommen, ihr zu helfen, weil Costantino außer sich sei.

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Femizid: 35-Jährige von Ex-Freund auf offener Straße erschossen
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Wahrscheinlich hatte Martina im Gefühl, dass dieser Streit kein gewöhnlicher war. Die Anwältin für Familienrecht kannte sich mit solchen Fällen ganz genau aus, betreute sie als Juristin. Und jetzt war sie selbst in einer ausweglosen Situation. Doch sie und Costantino wurden erneut aufgefordert das Restaurant zu verlassen.

Als sie vor dem Lokal standen, sei ihr Bruder Lorenzo eingetroffen. Im Interview mit „Roma Today“ sagt er: „Ich sah, wie Costantino Martina am Arm festhielt, sie wollte weg. Ich drängte mich dazwischen. Dann holte er plötzlich eine Pistole raus. Er erschoss meine Schwester direkt vor meinen Augen. Martina war nur einen Meter von mir entfernt.“

Der Sportschütze wusste höchstwahrscheinlich genau, wo er hinzielen musste, um seine Ex-Freundin lebensgefährlich zu verletzen. Und tat dies. Nachdem Martina Scialdone sich losreißen konnte, rannte sie um ihr Leben. Und Costantino Bonaiuti schoss der jungen Frau von hinten, auf offener Straße direkt in die Brust. Danach flüchtete der Ingenieur.

Femizid in Rom: Martina Scialdone starb in den Armen ihres Bruders

Lorenzo Scialdone hat versucht seiner Schwester zu helfen. Sie starb in seinen Armen.
Lorenzo Scialdone hat versucht seiner Schwester zu helfen. Sie starb in seinen Armen.
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Die 35-Jährige habe schwerverletzt noch versucht, zurück ins Restaurant zu laufen, brach aber wohl nach wenigen Metern zusammen. Unter den Restaurantgästen habe sich zufällig eine Ärztin befunden, diese habe noch versucht, das Leben der Frau zu retten, allerdings ohne Erfolg. Die 35-Jährige starb noch vor Ort, in den Armen ihres Bruders.

Rom: Anwalt des mutmaßlichen Täters sagt, sein Mandant habe einen "tragischen Fehler" gemacht

Der 61-Jährige wurde kurze Zeit später in seiner Wohnung gefasst, wo er mit seiner Ehefrau lebte. Dort habe man auch die Tatwaffe sichergestellt, sowie weitere fünf Pistolen, so der Bericht der Polizei. Jetzt befinde der mutmaßliche Mörder sich in Untersuchungshaft. Sein Anwalt, Fabio Tagliatela, gab im Interview mit dem italienischen Fernsehsender „Rai“ an, dass sein Mandant unter Depressionen leide, deswegen auch in Behandlung sei. Die Tat sei ein „tragischer Fehler“ gewesen. Der mutmaßliche Täter selbst behauptete in einem Verhör mit der Polizei, er habe Martina nicht töten wollen, er habe die Pistole bei sich gehabt, um sich selbst umzubringen.

Aktuellsten Meldungen zufolge sei Costantino Bonaiuti bereits vor zehn Jahren von einer Frau wegen körperlicher Gewalt angezeigt worden.

Die italienische Anwältin Irma Conti warnt in einem Interview mit „Rai“ Frauen genau vor solchen „allerletzten Gesprächen“. Die Juristin sagt, dass es in den meisten Fällen genau bei diesen Anlässen eskaliere. Die Frauenrechtlerin fordert außerdem die italienische Regierung ein weiteres Mal auf: „Wir müssen das Phänomen der Gewalt gegen Frauen angehen.“

Lorenzo Scialdone: "Warum hat niemand meiner Schwester geholfen?"

Martinas Bruder kann nicht fassen, dass niemand seiner Schwester geholfen hat. Lorenzo erhebt schwere Vorwürfe gegen den Restaurantbesitzer und die dort anwesenden Gäste. Es sei offensichtlich kein normaler Streit gewesen. Auch als er eingetroffen sei habe er um Hilfe gerufen, doch niemand sei gekommen.

Der Restaurantbesitzer aber verteidigt sich: „Wir hatten Martina gefragt, ob sie im Restaurant bleiben wolle. Aber sie ging mit raus. Danach haben wir die Polizei alarmiert.“

Jetzt ist Martina tot. Und damit verzeichnet Italien dramatischerweise einen weiteren Femizid. Den Zweiten in diesem Jahr. (mca)

Jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet

Statistisch gesehen werden mehr Männer Opfer eines Mordes, jedoch werden Frauen und Mädchen im Vergleich deutlich häufiger Opfer von tödlicher Partnerschaftsgewalt. So wurden laut BKA 139 Frauen Opfer eines Mordes oder Totschlags innerhalb einer Partnerschaft, während die Zahl der männlichen Todesopfer sich auf 30 beläuft (Stand 2020). Schätzungsweise wird also in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet.

Die wichtigsten Anlaufstellen bei Stalking, Gewalt und Missbrauch:

Sie sind Opfer von Gewalt - egal, ob Sie geschlagen, gestalkt oder missbraucht wurden? Sie sind nicht allein, denn es gibt Hilfe. Wir haben für Sie wichtige Anlaufstellen aufgelistet, an die Sie sich im Notfall wenden können.