Millionenbetrug in ganz Deutschland

Falsche Polizisten zocken Senioren ab: NRW kämpft für Entschädigung

Eine Seniorin telefoniert mit ihrem Smartphone. Foto: Sebastian Gollnow/Archiv
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14. Januar 2021 - 12:17 Uhr

Callcenter von Angehörigen eines libanesischen Clans geführt

Aus einem Callcentern heraus brachte ein krimineller Clan Senioren in Deutschland um ihr Erspartes. Der Schaden: schätzungsweise Hunderte Millionen Euro. Das Callcenter wurde inzwischen zerschlagen, bündelweise Bargeld und Schmuck beschlagnahmt – doch die Opfer haben davon bis heute keinen Cent wiedergesehen. Ein Bericht der NRW-Landesregierung zeigt, was die Behörden tun, um das Geld zurückzubekommen.

Razzia: Gold, bündelweise Bargeld, Luxusautos konfisziert

Das LKA NRW sucht in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Düsseldorf "fortwährend nach Möglichkeiten, die türkischen Ermittlungsbehörden in die Lage zu versetzen, auch die Opfer aus der Ermittlungskommission "Nakit" gegebenenfalls entschädigen zu können." So steht es in einem von der SPD beantragten Bericht des NRW-Innenausschusses. Doch die Aussichten für die Opfer, ihr Geld wiederzusehen, scheinen gering. Nach vorläufiger Bewertung des leitenden Oberstaatsanwaltes in Düsseldorf sei bisher keine Vereinbarung mit den zuständigen türkischen Behörden über die Verwertung, Herausgabe oder Aufteilung des in der Türkei sichergestellten Vermögens getroffen worden.

Der politische Druck hierfür jedenfalls ist da. "Ich erwarte, dass die Landesregierung dranbleibt und alle Hebel in Bewegung setzt, das Eigentum der Geschädigten zurückzubekommen", sagte SPD-Innenexperte Sven Wolf der "Rheinischen Post". "Dafür muss sie sich auch persönlich einbringen. Darüber hinaus bleibt es weiter wichtig, hier dauerhaft für Aufklärung zu sorgen, um neue Opfer zu vermeiden."

Polizei aus NRW und Türkei nahm Callcenter-Clan hoch

ARCHIV - 11.10.2017, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Ein Telefonhörer ist vor einem Plakat der Polizei NRW mit der Aufschrift «Achtung: Hier spricht NICHT die Polizei» zu sehen.  Mit der Betrugsmasche «falscher Polizist und Amtsträger» haben die Erm
Plakataktion der Polizei NRW aus dem Jahr 2017 warnt vor Fake-Polizisten am Telefon
© dpa, Martin Gerten, mg jol fie gfh bwe kne jol bwe b

Die Sonderkommission "Nakit", Türkisch für "Schmuck", war im September 2018 mit dem Ziel gegründet worden, die Betrüger zur Strecke zu bringen und die Opfer aus Deutschland zu entschädigen. Anfang Dezember hatte die türkische Polizei auf Initiative der Kriminalpolizei NRW ein Callcenter im türkischen Izmir ausgehoben, von wo aus deutsche Senioren kontaktiert worden waren. Das Callcenter sei von Angehörigen eines libanesischen Clans geführt worden, deren Mitglieder aus NRW stammten.

Durchsucht wurden der Zeitung zufolge 48 Objekte, es gab 32 Festnahmen. 1,5 Millionen Euro und 200.000 Dollar in bar seien bei der Aktion in der Türkei sichergestellt worden, zudem fünf Kilogramm Gold. Hochwertige Fahrzeuge und 87 Immobilien wurden beschlagnahmt. Die Gesamtsumme von 105 Millionen Euro werde sich noch erhöhen, weil die Zählung des beschlagnahmten Vermögens nicht abgeschlossen sei, sagten die Ermittler "RP Online" zufolge. Die Drahtzieher seien Clanangehörige, die man wegen Straftaten zuvor aus Deutschland ausgewiesen habe.

München: Falscher Polizist bringt Rentnerin dazu, ihr Haus zu verkaufen

In dem Bericht beschreibt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf die Masche "Falscher Polizist" der Gauner so: Von dem Callcenter aus wurden Betrugsanrufe getätigt und "Personal", sogenannte "Abholer" in Deutschland instruiert. Die anderen Verdächtigen sollen vor Ort als "Telefonisten tätig und für die Telefonanrufe bei den deutschen Geschädigten verantwortlich gewesen sein". In geschlossenen Facebook-Chats habe man zudem weitere potentielle Opfer identifiziert.

Die Betrüger gaben sich als Polizisten oder auch Kirchenmitarbeiter aus und brachten die Senioren unter Vorwänden dazu, Geld- und Wertgegenstände an einen Unbekannten zu übergeben, der sich dann ebenfalls als Polizist vorstellte. Behauptet wurde etwa, dass Geld- und Wertgegenstände zu Hause oder bei der Bank nicht mehr sicher seien oder von der Polizei auf Spuren untersucht werden müssten. Ein besonders krasser Betrug hatte sich im Januar 2020 in München ereignet, wo eine 70-jährige zum Hausverkauf und dem Erwerb von Diamanten für die Betrüger überredet wurde.

Falsche Polizisten: Die Betrüger spannen sogar die echte Polizei ein!

RTL-Reporter Torsten Misler hatte Kontakt zu einem Informanten, der ihn auf die Spur des kriminellen Clans führte. Wer sind die Drahtzieher hinter der Abzocke? Auf welche Hinweise Torsten Misler bei seiner Recherche gestoßen ist, sehen Sie im Video.

In der RTL-Sondersendung "Vorsicht – Falsche Polizisten!" zeigen wir in einer Undercover-Reportage, wie skrupellos die Trickbetrüger arbeiten. Ermittler Tamer Bakiner erlebte in einem Callcenter in der Türkei selbst, wie die Gangster ihre Opfer am Telefon unter Druck setzen und sie manipulieren.

Falsche Polizisten: So können Sie sich schützen

Privatermittler Tamer Bakiner schleuste sich für RTL undercover bei eine Betrügerbande in der Türkei ein, um ihre fiesen Machenschaften aufzudecken. Daraufhin konnte die Polizei 45 Festnahmen durchführen. Der 48-Jährige bekam so einen Einblick in die Methoden der Kriminellen und weiß, wie man sich am besten schützen kann. Seine Tipps – im Video.

Hier gibt es die zweite Folge von "Tamer Bakiner – Der Wahrheitsjäger: "Undercover im Callcenter der falschen Polizisten". Im Podcast-Interview erzählt Bakiner von seiner brisanten Reportage für RTL.

Die Polizei empfiehlt in einer Broschüre diese Verhaltensweisen für den Ernstfall:

  • Nicht unter Druck setzen lassen. Auflegen, wenn etwas merkwürdig erscheint.
  • Am Telefon nicht über persönliche und finanzielle Verhältnisse sprechen
  • Niemals Geld oder Wertgegenstände an unbekannte Personen übergeben
  • Bei Unsicherheit die Polizei unter der 110 oder die örtliche Polizeidienststelle anrufen.
  • Wichtig: Hierfür nicht die Rückruffunktion nutzen! Denn die Betrüger arbeiten mit spezieller Software, die die echte Telefonnummer überschreibt und durch eine Fantasienummer ersetzt – zum Beispiel die 110, die dann im Display des Angerufenen erscheint.