Eine Reportage von RTL-Korrespondentin Pia Schrörs

Digitale Corona-Überwachung und Verschleppungen: China kämpft um sein Image - mit allen Mitteln

So extrem sind Chinas Corona-Maßnahmen Menschenrechtsverletzungen
02:30 min
Menschenrechtsverletzungen
So extrem sind Chinas Corona-Maßnahmen

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Menschen werden ohne Nachweis einer Infektion in Quarantäne verbannt

China, so mutmaßt inzwischen fast die ganze Welt, hat die Coronakrise anfangs nicht gemeldet, erst dadurch habe sich das Virus verbreiten können. Chinas Regierung ist alarmiert - und auch um das Image des Landes besorgt. Bürger, die Missstände aufdecken, sind teils einfach verschwunden. Für RTL ist heimlich mit dem Handy gedreht worden, unsere langjährige China-Korrespondentin Pia Schrörs berichtet.

Kontroll-App gibt grünes oder rotes Licht

Zwei Wochen lang war der gesamte Chaoyang-Distrikt in Peking Hochrisikogebiet, erklärt uns eine junge Frau. Knapp vier Millionen Bewohner stellten die Behörden im größten Bezirk von Chinas Hauptstadt unter Quarantäne - weil eine Person, die aus den USA eingereist war, positiv auf das Coronavirus getestet worden war und zwei Familienmitglieder angesteckt hatte. Ein Beispiel, das zeigt, wie rigoros die chinesische Regierung auf Neuinfektionen reagiert - und wie sie es öffentlich demonstriert, wenn das Virus angeblich aus dem Ausland stammt.

Die Quarantäne in Chaoyang wurde inzwischen aufgehoben, die Kontrolle durch den Staat seither aber erheblich verschärft. Alle Bürger mussen sich einen Gesundheitscode aufs Handy laden, der entweder grünes oder rotes Licht gibt. Mit der Anwendung kann die Regierung Aufenthaltsort und Gesundheitszustand nachverfolgen. Ein datenschutzrechtlicher Albtraum, zumal die Bürger selbst im Internet sogar die Profile inklusive Gesundheitszustand anderer Menschen einsehen können.

Hält man sich zum selben Zeitpunkt mit einem Infizierten im Supermarkt auf, schaltet der Code später auf Rot um und verbannt die Betroffenen ohne Nachweis einer Infektion in zentrale Quarantänezentren oder schickt sie in häusliche Quarantäne - die Einhaltung überwacht China mit eigens vor der Haustür installierten Überwachungskameras, berichten Betroffene in sozialen Netzwerken.

China benutzt Krise, um "Menschen wegzusperren" und "Medien zu zensieren"

Hilfsorganisationen beklagen massive Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmäntelchen der Coronagefahr. "Wir sehen definitiv, dass die chinesische Regierung das Argument des Allgemeinwohls nutzt, um Menschen wegzusperren und Medien mehr denn je zu zensieren", berichtet uns eine Sprecherin von Amnesty International. "Die Menschenrechtssituation ist schlechter denn je."

Neuerdings verfolgt die Regierung freiwillige Helfer, die in Wuhan Coronakranke unterstützt haben. In sozialen Netzwerken ist von Verschleppungen und Hausarrest die Rede. "Das macht die chinesische Regierung, weil sie befürchtet, dass diese Leute, die das wirkliche Ausmaß des Desasters in Wuhan erlebt haben, die Informationen in die Welt tragen könnten", sagt die chinesische Journalistin und Publizistin Qin Liwen im RTL-Skype-Interview.

Auch der junge Videojournalist Li Zehua verschwand spurlos, nachdem er am virologischen Labor in Wuhan nach der Wahrheit gesucht hatte. Knapp zwei Monate war er fort, dann meldete sich der 25-Jährige plötzlich mit einem Video zurück. Er sei in Quarantäne gewesen und bedanke sich bei den Beamten der Staatssicherheit für ihre Fürsorge, teilt er darin mit. "Ich bin überzeugt davon, dass Li mit Gewalt zu dem Statement gezwungen worden ist", sagt uns der Menschenrechtler und Sacharow-Preisträger Hu Jia, der selbst schon staatliche Folter erlitt. Aktuell steht er wie viele andere auch unter Hausarrest, weil er die Corona-Politik der Regierung öffentlch hinterfragt.