RTL News>Gesundheit>

Corona-Mischform: Was wir über die Deltakron-Variante wissen - und was nicht

So krankmachend wie Delta, so ansteckend wie Omikron?

Was wir über die Mischvariante Deltakron wissen - und was nicht

Delta und Omikron verbünden sich zu "Deltakron"
Delta und Omikron verbünden sich zu "Deltakron".
RTL

Viren mutieren fortlaufend – viele der Mutationen registrieren wir nicht mal. Trotzdem gilt für Mediziner und Virologen: Weiterhin ist hohe Achtsamkeit ist angebracht. Denn das Schreckgespenst einer Supervariante des Coronavirus geistert schon seit langer Zeit herum. In diesem Zusammenhang taucht der zwar eingängige, aber nicht offizielle Name Deltakron immer wieder auf. So krankmachend wie Delta, so ansteckend wie Omikron – und deswegen gefährlich? Oder eine weitere Variante, die wieder im Nichts verschwinden wird?

Lese-Tipp: Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de

Erst gingen Wissenschaflter von Labor-Verunreinigung aus

Anfang des Jahres wollten zunächst Forscher aus Zypern den Nachweis einer Kombination der beiden Sars-CoV-2-Varianten Delta und Omikron erbracht haben. Rasch stellte sich heraus, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Irrtum wegen einer Verunreinigung im Labor handelte. Mittlerweile häufen sich aber wieder Berichte über Deltakron-Fälle. Fragen und Antworten dazu:

Was sagt die WHO?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet eine sogenannte Rekombinante aus je einem Subtyp von Delta (AY.4) und Omikron (BA.1). Das Fachkürzel dafür lautet XD. Erste Proben stammen aus Frankreich und sind von Januar. Für Deutschland spricht das Robert-Koch-Institut (RKI) auf Anfrage von einem bestätigten Fall und verweist auf weitere Beschreibungen in Frankreich, Dänemark und den Niederlanden.

Lese-Tipp: Delta, Omikron, Deltakron und Co. – Wie wir uns in Zukunft am besten schützen

Von der WHO hieß es, es gebe bisher keine Anzeichen einer guten Vermehrung. Die Beobachtung durch die WHO bedeutet nicht, dass XD als besorgniserregend oder von Interesse eingestuft ist. Sie hat folglich bisher keinen eigenen Namen bekommen. Die in Medien teils gängige Bezeichnung Deltakron wird von der WHO ausdrücklich nicht verwendet.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Was spricht gegen die Bezeichnung Deltakron?

Für Fachleute ist der Begriff sehr ungenau und eher nur zur Veranschaulichung geeignet. Denn er wurde zuletzt nicht nur für XD genutzt, sondern für unterschiedliche Mischformen aus Delta und Omikron. Es sei „keine hilfreiche Bezeichnung, da unklar ist, welche Rekombinante gemeint ist und in dem Begriff ein Alarmismus mitschwingt, für den es keinen guten Grund gibt“, sagte etwa der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel, Richard Neher.

Lese-Tipp: Bin ich ein Superspreader? Das sagt der CT-Wert beim PCR-Test wirklich!

Der britische Virologe Tom Peacock stellte kürzlich auf Twitter klar, dass die in Frankreich entdeckte Mischform XD sich von der in Großbritannien beschriebenen unterscheide, die XF heißt. XD sei die einzige Variante, bei der das Spike-Protein von Omikron „mehr oder weniger perfekt“ in ein Delta-Genom eingesetzt ist, erläuterte Neher. Mit dem Spike-Protein entert das Virus menschliche Zellen.

Wie entstehen solche Corona-Mischformen?

Das Phänomen kommt keineswegs überraschend. „Dass es solche Rekombinanten von Sars-CoV-2 geben wird, war vorherzusehen. Dazu kann es immer dann kommen, wenn zwei Varianten gleichzeitig kursieren: Infiziert sich ein Mensch zum Beispiel mit Delta und Omikron gleichzeitig, kann es in einer doppelt befallenen Wirtszelle zum Austausch von Viruserbgut kommen“, sagte der Virologe Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das gilt aber als relativ selten. Neben Mischformen aus Delta und Omikron sind laut Experten auch solche aus den Omikron-Subtypen BA.1 und BA.2 aufgetaucht.

Lese-Tipp: Trendwende oder neue Corona-Welle? Was nach dem 2. April passieren wird

Die aktuellen Nachweise haben auch damit zu tun, dass sich das Virus mit zunehmender Zahl an Infektionen immer mehr verändert hat. Bei den genetisch sehr ähnlichen Varianten aus der ersten Pandemiephase sei es schwierig gewesen, Rekombinationen aufzuspüren, schreiben französische Forscher in einem Preprint zu Fällen in Südfrankreich.

Droht sich die Corona-Pandemie durch Mischvarianten zu verschlimmern?

„Es wäre falsch anzunehmen, dass solche Rekombinanten zwangsläufig Horrorvarianten sind, die die schlimmsten Eigenschaften der Ursprungsvarianten vereinen“, sagte Weber. Der derzeit in Deutschland vorherrschende Omikron-Subtyp BA.2 sei fast schon so ansteckend wie Masern – viel mehr zulegen könne das Virus da kaum noch. „Omikron wird zwar oft mit milderen Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht, aber inwieweit das auch bei älteren Ungeimpften gilt, muss sich erst noch zeigen.“ Virologe Peacock schrieb, dass von den bisher beobachteten Rekombinanten nur XD vielleicht etwas mehr Sorge bereite. Falls sich überhaupt eine dieser Mischformen anders verhalten sollte als ihre Ursprungsvarianten, könne es XD sein.

Coronavirus
Eine biologisch-technische Assistentin bereitet PCR-Tests auf das Coronavirus vor. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
deutsche presse agentur

Was ist jetzt zu tun?

„In einigen Fällen traten solche Rekombinanten nur in begrenzten Ausbrüchen auf. Andere scheinen im Moment linear anzusteigen, aber glücklicherweise noch nicht exponentiell. Dies muss man beobachten und auch ernst nehmen“, fasste der Virologe Christian Drosten in einem „Zeit“-Interview von Mittwoch die Lage zusammen. Zum weiteren Beobachten rät auch Weber – er erinnerte daran, dass in der Pandemie schon einige Varianten auftauchten, von denen man dann nie wieder hörte. „Auch diese Rekombinanten könnten wieder im Nebel der Geschichte verschwinden.“

Lese-Tipp: Briten kippen Corona-Quarantäne – kommt das auch bei uns?

Wie gut werden Corona-Varianten bei den aktuell hohen Fallzahlen überwacht?

In Deutschland wird nur bei einem sehr kleinen Teil aller positiven Befunde eine vollständige Erbgutanalyse vorgenommen und den Laboren vergütet. Bei voller Auslastung sequenzierten die Labore aus Kapazitätsgründen sogar weniger als fünf Prozent der Proben, sagte die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum in Frankfurt. Seltene Virusvarianten würden also nur duch Zufall entdeckt. Sie bedauert zudem, dass die variantenspezifische PCR mit der kürzlich geänderten Testverordnung gestrichen worden sei: Mit dem Verfahren ließen sich Auffälligkeiten aufspüren, was bereits zum Fund einiger seltenerer Virusvarianten geführt habe. (dpa/ija)