Wer zahlt für den Polizeischutz?

Mafiaboss hält Krankenhaus in Hannover in Atem

21. Februar 2020 - 9:34 Uhr

Igor K. soll in blutige Clan-Fehde verwickelt sein

Ein mutmaßlicher Mafiaboss aus Montenegro hält die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) in Atem: Polizisten mit Maschinenpistolen stehen am Haupteingang, weitere bewaffnete Beamte mit schusssicheren Westen an den Aufzügen oder in der Notaufnahme. Igor K. soll in eine blutige Clan-Fehde um Drogengeschäfte verwickelt sein. Er wurde bereits am 7. Februar eingeflogen, um seine Ende Januar erlittenen Schussverletzungen behandeln zu lassen. Die Behandlung bezahlte Igor K. im Vorfeld, aber seine Bewachung dürfte ebenfalls eine teure Angelegenheit werden – für den Steuerzahler.

Uniklinik in Hannover in der Kritik

Der Direktor der Unfallchirurgie erfuhr nach eigener Aussage erst bei der Ankunft des Mannes, dass dieser während des Klinikaufenthalts in seiner Heimat von der Polizei bewacht worden war. Er schaltete die Polizei Hannover ein.

Zunächst schützten nach Darstellung des Mediziners zwei Beamte den Patienten, was weder selten noch ungewöhnlich sei. Erst als das Spezialeinsatzkommando hinzugezogen wurde, informierte der behandelnde Arzt die Klinikleitung und diese wiederum das Wissenschaftsministerium als Aufsichtsbehörde. Nun prasselt Kritik von allen Seiten auf die renommierte landeseigene Uniklinik ein.

Sieben Kugeln verletzten Mafiaboss aus Montenegro lebensgefährlich

Polizei in der MHH-Klinik in Hannover
Schwer bewaffnete Polizisten sorgen für die Sicherheit des mutmaßlichen Mafiabosses.
© imago images/localpic, via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Die Täter feuerten laut Medienberichten in Montenegro mehr als 20-mal auf den Geländewagen von Igor K., sieben Kugeln verletzten den 35-Jährigen lebensgefährlich. Bei einer Anfrage zur Behandlung derartiger Verletzungen hätte der MHH-Unfallchirurg nachfragen müssen, sagt Jens Jusczak, der an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg seit Jahren zum Thema Medizintourismus forscht. "Einen solchen Patienten hätte man ablehnen können und sollen." Angesichts des hohen Aufwands für die Sicherheit sowie der Imagenachteile werde der Patient zum Bumerang für die deutsche Klinik.

Irritationen und Wut unter Klinikmitarbeitern in Hannover

Erst am Dienstag äußerten sich der Unfallchirurg und andere leitende Ärzte im MHH-Intranet. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Irritationen und Wut unter den 7.600 Beschäftigten, die sich fragten, warum so ein fragwürdiger Patient überhaupt aufgenommen worden war.

"Wir haben ihn nicht hergeholt, wir haben ihm keinen roten Teppich ausgerollt", betont Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius. Der Polizeieinsatz sei mit dem Bundeskriminalamt abgestimmt und diene vor allem dem Schutz Unbeteiligter wie Mitarbeiter, Patienten und Besucher. "Er ist weder Gefährder noch ist er in Deutschland Straftäter oder gesucht", sagt der SPD-Politiker.

Auch Igor K.s Ehefrau wird bewacht

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH).
Die Behandlung in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zahlt Igor K. selbst - für seine Bewachung muss wohl der Steuerzahler aufkommen.
© dpa, Julian Stratenschulte, jst cul

Der Steuerzahlerbund verlangt, die immensen Kosten für den Polizeieinsatz dem Privatpatienten beziehungsweise seiner "Clan-Familie" in Rechnung zu stellen, falls dies rechtlich möglich sei. Auch die Ehefrau des 35-Jährigen, die in einem Hotel in der Nähe wohnt, wird dem Vernehmen nach bewacht. Abgeordnete in Hannover verlangen Aufklärung von der rot-schwarzen Landesregierung. Selbst vom Verdacht der Geldwäsche ist die Rede.

Nach Informationen der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" kostet die Behandlung etwa 90.000 Euro. Die Summe sei nach einem Kostenvoranschlag auf ein spezielles Konto der MHH für ausländische Patienten überwiesen worden.