Darum fällt es manchen schwer, zurück in den Alltag zu finden - und das können sie dagegen tun

"Cave-Syndrom": Hat Corona uns unsozial gemacht?

Die wiedergefundenen Freiheiten können Angst auslösen.
Die wiedergefundenen Freiheiten können Angst auslösen.
© imago images/Westend61, VITTA GALLERY via www.imago-images.de, www.imago-images.de

12. August 2021 - 14:44 Uhr

Zurück zur "Normalität"?

von Marie-Therese Burkard

In Cafés quatschen so manche beim Kaffeetrinken, in Restaurants teilen sich zwei romantisch ein Essen und in Bars lachen Gruppen über ihre Biere hinweg. Die Städte leben wieder auf. Back to normal – und das trotz gefährlicher Delta-Variante. Für große Teile der Bevölkerung fühlt sich dieses Leben jetzt richtig an. Doch nicht jeder kommt darauf klar, einigen Menschen fällt der Weg zurück ins normale Leben schwer. Sie leiden womöglich am sogenannten "Cave Syndrom."

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Zuhause bleiben trotz neuen Freiheiten

Trotz neuer Freiheiten gibt es Menschen, denen diese Rückkehr in die "Normalität" besonders schwer gefallen ist oder auch noch schwer fällt. Sie treffen sich weniger mit anderen als vor der Pandemie, gehen früher nach Hause, werden nervöser in sozialen Situationen. Es scheint, dass die Batterie für soziale Interaktionen schneller leer läuft und es für diese Menschen anstrengender ist als früher, diese Energie zu erhalten.

Schuld daran ist eine anhaltende Angst vor Infektion trotz Impfung und eine neu gefundene Nervosität vor diesem sozialen Getümmel. Der Mensch ist zwar ein Herdentier, aber ist bekannterweise auch enorm anpassungsfähig – genau das hat uns die Pandemie nochmal genauer gezeigt. Nach so langer Zeit beim Onlineunterricht oder im Home Office gewöhnt man sich ja schließlich an eine gewisse Routine und Lebensart. Die Herde Menschen wurde gegen eine Routine innerhalb der eigenen vier Wände mit einem kleinen Kontaktkreis ausgetauscht.

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Das "Cave-Syndrom"

Viele werden mittlerweile bei dem Gedanken an Sozialisierung gestresst – was früher Spaß gemacht hat, ist heute ein Grund der Anspannung. Über das sogenannte "Cave-Syndrom" (Höhlen-Syndrom) berichtete auch eine Studie der amerikanischen psychologischen Gesellschaft (APA) im März, wobei 49 Prozent der Amerikaner antworteten, sich beim Gedanken an den sozialen Kontakt unbehaglich zu fühlen.

Panik vor Infektion, Nervosität bei sozialen Situationen und Angst bei der Rückkehr aus dem Home Office. Hört sich all das bekannt an? Dann spüren Sie eventuell etwas von diesem "Cave-Syndrom". Solch emotionaler Stress kann belastend sein und das eigene Glück beeinträchtigen – in der Schule, der Arbeit oder auch einfach allein.

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"Eine natürliche psychologische Reaktion"

Diplom-Psychologin Dr. Engel vom PSYCHOLOGICUM Berlin
Diplom-Psychologin Dr. Engel, PSYCHOLOGICUM Berlin
© Privat: Nicole Engel

Wir haben mit Diplom-Psychologin Dr. Engel vom PSYCHOLOGICUM Berlin über dieses Thema gesprochen, sie gibt leichte Entwarnung. Das Cave-Syndrom müsse kein Grund zur generellen Sorge sein. "Es ist eine natürliche psychologische Reaktion" erklärt Dr. Engel, "Die Leute, die darunter leiden, unterliegen einer Anpassungsverzögerung." Seit dem Beginn der Pandemie hätten wir durch Regulierungen gelernt, uns sozial zurückzuziehen, um die Verbreitung des Virus zu beschränken. Es brauche Zeit, das Einleben in die Gesellschaft wieder zu erlernen und gleichzeitig die Coronamaßnahmen zu beachten.

Trotz der Natürlichkeit dieses Phänomen ist es hilfreich, den Stress und die Nervosität zu bekämpfen. Hier sind fünf Tipps von Psychologin Dr. Engel, die uns die Situation erleichtern sollen.

Fünf Tipps gegen das "Cave Syndrom"

Two female friends with smartphone, smiling. Young woman holding phone, mid adult woman looking at her and laughing
Ohne Stress sozialen Kontakt wieder erleben.
© Getty Images, Johnny Greig
  1. Unsicherheit eingestehen: Manche Menschen haben von Natur aus eine größere Unbefangenheit in dieser Situation und andere nicht. Das ist ganz normal. Der erste Schritt ist es, sich dieser eigenen Unsicherheit bewusst zu sein, sie wohlwollend anzunehmen und damit umgehen zu lernen.
  2. Soziale Situationen wieder aufsuchen: Das Wiedereinleben in diese Freiheit ist ein Lernprozess. Indem man sich wieder in soziale Situationen begibt, kann man wieder lernen, damit umzugehen. Da erlebt man auch, dass in vielen Situation keine so große Gefahr besteht, da bei zahlreichen öffentlichen Situationen die gängige Corona-Regeln vernünftig eingehalten werden.
  3. Offen sein: Bei vielen ist es nicht unbedingt die Ängstlichkeit, die dieses Symptom hervorruft, sondern eine soziale Unbeholfenheit nach langer Zeit in der Isolation. Wie hält man nochmal Small Talk? Gibt man sich wieder die Hand oder bleibt es beim Fauststoß? Offen mit diesen Themen im sozialen Kontakt umzugehen, kann dabei helfen die Unsicherheit zu bekämpfen.
  4. Kritisch anschauen: Man kann soziale Situationen wieder erleben und genießen, weil es weiterhin Regulierung gibt, die die Verbreitung des Virus bekämpft. Die Test- und Impfnachweise, die Maskenpflicht, die Distanzreglungen – das sind Faktoren, die es einem ermöglichen in sozialen Situationen beruhigter zu sein.
  5. Balance: Vielen Menschen ist während der Pandemie aufgefallen, dass die Entschleunigung des Lebens auch gut tut. Das muss man nicht sofort bei den wiedergewonnen Freiheiten vergessen, sondern kann diese Erkenntnis in das jetzige Leben einbauen.