2019 M02 8 - 17:25 Uhr

Gleichberechtigung beginnt im Kleiderschrank

"Ein Mann kann 100 Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug tragen, aber habe ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer an, gibt es Bürgerpost" – so ungewohnt offen äußerte sich Merkel kürzlich gegenüber der Wochenzeitung "Zeit". Gleichberechtigung in Sachen Mode sieht anders aus! Aber warum beschweren sich ausgerechnet die Bürger, die mit ihren Steuergeldern die Merkel-Jacketts finanzieren?

Merkel macht sich Luft

Bundeskanzlerin in lila Blazer gekleidet
Merkel leuchtet während einer Sitzung in lila.
© dpa, Wolfgang Kumm

Ehe sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Themen jenseits der Politik äußert, muss schon EINIGES passieren. Wohl portioniert erlaubt sie private Details, so weiß inzwischen die gesamte Republik, dass Merkel ihre ganz eigene Suppe kocht, gemeint ist natürlich die berüchtigte Kartoffelsuppe der Kanzlerin. Frei nach dem Motto, "ein bisschen Sympathie schadet nie", plaudert die mächtigste Frau des Landes über ihre Kochkünste. Selten, bis fast nie, lässt sich Merkel dazu hinreißen, öffentlich kritisch über interne Begebenheiten im Kanzleramt zu sprechen! Der Briefkasten des Kanzleramts muss also schon recht gut gefüllt sein, wenn Merkel ein Machtwort spricht!

Der "Zeit" sagte Merkel: "Ein Mann kann 100 Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug tragen, aber habe ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer an, gibt es Bürgerpost". An der Aussage ist etwas dran! Schaut man sich im politischen Berlin genauer um, fällt auf: Nichts. Zumindest nicht viel, wenn es um Mode und Trendbewusstsein geht. Brav tragen insbesondere die Herren der unterschiedlichen Parteien blaue, graue oder schwarze Jacketts. Dem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) wird nachgesagt, sich besonders gut kleiden zu können.

Aber ob Herr Scheuer täglich den Anzug wechselt? Man würde nicht drauf wetten. Bleibt die Frage, warum der deutsche Steuerzahler lieber für 365-Merkel-Blazer aufkommen würde, als sich über die modische Bescheidenheit des Staatsoberhaupts zu erfreuen.

Ein Blazer - eine Botschaft!

Eine mögliche Erklärung für Merkels Blazer-Minimalismus: Der Textil-Farbkasten hat schlicht und einfach keine 365 Nuancen. Seitdem die Kanzlerin ihr Amt angenommen hat, präsentiert sie sich in einer medientauglichen Außenhaut, einer Art "Kanzlerin-Kampfanzug": schwarze Hose in Kombination mit einem Drei- oder Vierknopf-Blazer. Kurz, tailliert, leicht ausgestellt und stets von der Designerin ihres Vertrauens, Bettina Schoenbach aus Hamburg. Das Jäckchen kostet je nach Stoff um 1.500 Euro.

Kein Schnäppchen, aber gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass die Blazer fast täglich Millionen Fernsehbildschirme und Titelseiten zieren. Doch wer glaubt, Merkel wählt nach Lust und Laune, der irrt. Hinter der Farbwahl der Kanzlerin verbirgt sich eine kleine Wissenschaft für sich: Grün auf dem Klimagipfel, Royalblau bei der Marine zur U-Boot-Besichtigung, samtiges Weinrot auf Terminen in der Vorweihnachtszeit und ein knalliges Signalrot, wenn es zu den Koalitionsverhandlungen geht. Übrigens, als im vergangenen Sommer endlich Frieden im Asylstreit eingekehrt war zwischen CDU und CSU, um nicht zu sagen, zwischen Horst und Angela, trug die Kanzlerin unschuldiges weiß. Purer Zufall? Wohl kaum, wenn man sich an DAS IT-Piece Nummer eins der Kanzlerin erinnert: Die "Deutschland-Kette", die sie 2013 beim TV-Duell der Bundestagswahl trug. Es steckt also weitaus mehr hinter Merkels Mode.

Farbpsychologie und Vorlieben

 Japan, Tokio: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird vom japanischen Kaiser Akihito in der Residenz des Palastes empfangen. Darüber hinaus stehen unter anderem am zweiten Tag der Reise der Kanzlerin nach Japan ein Gespräch mit dem Kronp
Bundeskanzlerin Merkel in Japan - auf ihren Staatsreisen trägt sie gerne blau.
© dpa, Kay Nietfeld, nie hjb

Wer die Kanzlerin aufmerksam über das Jahr hinweg beobachtet, stellt fest, grün ist ihre Lieblingsfarbe. Zu 21,9% wählt sie einen Grünton. Das muss keinen Aufschluss über ihre politischen Sympathien geben. Grün steht für Kompetenz, Farbe des Lebens, Besänftigung und Ruhe. Passt doch, oder? Blautöne stehen ebenfalls hoch im Kurs – bei 13,8% ihrer Termine entscheidet sie sich für Harmonie, Sachlichkeit, Kompetenz und Verlässlichkeit – all dies schreibt man der Farbe Blau zu.

Kein Wunder, dass Merkel auf Auslandsreisen und Staatsbesuchen gerne in blau erscheint. Bleibt noch zu klären, was es mit rot auf sich hat. Gezielt trägt sie zu 8,1% der Veranstaltungen rot, besonders gerne zu festlichen Anlässen. Klar, rot steht für Macht, Energie und Leidenschaft. Die Farbpsychologie der Bundeskanzlerin ist also wesentlich komplexer als gedacht.

Deutsche Politikerinnen stimmen Merkel zu!

Dorothee Bär hat ähnlich Erfahrungen wie Angela Merkel gemacht.
Dorothee Bär kennt das Problem auf Äußerlichkeiten angesprochen zu werden.
© imago/Future Image, Thomas Bartilla, imago stock&people

Auf Anfrage von RTL.de bestätigt Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) die Aussage der Kanzlerin durch ihre ganz persönlichen Erfahrung: "Das erste, was ich von Männern zu hören bekam, als ich vor fünf Jahren Verkehrsstaatssekretärin wurde, war: Also mit Deinen Schuhen kannst Du keine einzige Verkehrsfreigabe machen. Wie willst Du denn mit Deiner Kleidung auf Baustellen gehen? Unmöglich. Kein einziges Wort zu Befähigung und Können. Nur Äußerlichkeiten." Ein Phänomen, das parteienübergreifend auftritt und alles andere als zeitgemäß erscheint. SPD-Spitzenfrau und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer findet RTL.de gegenüber klare Worte: "Ich mag Mode und ich liebe Politik. Ich wünsche mir allerdings, dass wir aufhören, mehr über die Kleider, Blazer oder Absätze von Politikerinnen zu sprechen, als über das, was sie tun." Es herrscht Einigkeit unter den deutschen Spitzenpolitikerinnen, für mehr Inhalt und weniger Äußerlichkeiten. Eben genauso, wie bei den Herren der Branche.

Bürgerpost

Malu Dreyer (SPD) möchte nicht auf Mode reduziert werden.
Malu Dreyer mag Mode und liebt Politik. Sie wirbt für ein Umdenken.
© deutsche presse agentur

Die Absender und Inhalte der Blazer-Post sind natürlich nur dem Kanzleramt bekannt. Allen Autoren kann jedoch gesagt sein, dass echte Stilexperten die ganze Blazer-Hysterie ohnehin nicht nachvollziehen können. Experten interpretieren den Merkel-Look als politische Seriosität, Macht und Sympathie. Na dann, ist doch alles geklärt.