Vom kleinen Juristen zur Vaterfigur des deutschen Staates150 Jahre Konrad Adenauer - der erste Bundeskanzler war ein Kölner aus der Kaiserzeit
Am 05. Januar 1876 – und somit vor 150 Jahren - wurde in Köln Konrad Adenauer geboren. Der Rheinländer verkörpert die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wie nur wenige andere Menschen. Nicht nur weil er nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Bundeskanzler war. Die Stiftung Adenauerhaus in seinem letzten Wohnort in Rhöndorf bei Bonn hat deshalb in diesem Jahr ein besonderes Programm für historisch Interessierte aufgelegt. Konrad Adenauers Leben spannt sich vom Kaiserreich bis zur Ära der Bonner Republik – ein Aufstieg vom Kölner Juristensohn zum ersten Kanzler der Bundesrepublik und Architekten der Westbindung. Es ist die Geschichte eines disziplinierten Preußen aus dem Rheinland, der große Macht, tiefe Verluste und späte Verehrung erlebte.
Kölner Oberbürgermeister nach dem ersten Weltkrieg
Adenauer wurde 1876 in Köln geboren, als Sohn eines preußischen Justizbeamten in einem streng-katholischen, bürgerlichen Milieu. Er studierte Jura und Volkswirtschaft, arbeitete zunächst wenig erfolgreich als Anwalt und fand seine eigentliche Bühne erst im Kölner Rathaus. Seine frühe Prägung war typisch rheinisch-preußisch: katholische Frömmigkeit, Pflichtbewusstsein, Respekt vor Autorität – und zugleich ein Sinn für Pragmatismus und Kompromiss. Diese Mischung aus Disziplin und rheinischer Beweglichkeit trug seine gesamte politische Laufbahn. 1917 wurde Adenauer mit 41 Jahren zum Oberbürgermeister Kölns gewählt – damals der jüngste OB einer deutschen Großstadt. In der Revolution von 1918 und den Krisenjahren danach hielt er die Stadt mit Ruhe und Improvisationskunst funktionsfähig, lavierte zwischen alten Eliten, neuen Räten und Besatzungsmächten. Zu seinen wichtigsten Kölner Projekten zählten der Ausbau der Infrastruktur, der Grüngürtel, moderne Siedlungen sowie Verkehrs- und Messeprojekte, die Köln zur Metropole am Rhein machen. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt, später zeitweise verhaftet – der Bruch einer mehr als 15-jährigen Ära im Rathaus.
Schicksalsschläge, Ruin und Exil
Privat erlebte Adenauer harte Schläge: 1916 starb seine erste Frau Emma Weyer, mit der er drei Kinder hatte. 1919 heiratete er Gussi Zinser, mit der er weitere Kinder bekam, doch auch sie starb nach schweren gesundheitlichen Folgen in der Nachkriegszeit. Ende der 1920er Jahre verspekulierte er sein Vermögen mit hochriskanten Kunstseide- und Glanzstoff-Aktien, teils kreditfinanziert. Der Kurssturz und die Weltwirtschaftskrise machten ihn praktisch vermögenslos. Nur verdeckte Hilfen aus einem „Schwarzen Fonds“ verhinderten einen öffentlichen Skandal, doch Adenauer blieb finanziell ruiniert und lebte später im Wesentlichen von seiner Pension.
Verfolgung und Neubeginn nach 1945
Nach seiner Absetzung 1933 lebte Adenauer jahrelang politisch kaltgestellt, zeitweise unter Überwachung und mit Phasen der Verhaftung. Rhöndorf blieb sein Rückzug. Das Ende des Krieges brachte ihn abrupt zurück auf die Bühne: 1945 setzten ihn die US-Amerikaner erneut als Kölner Oberbürgermeister ein, doch die britische Besatzungsmacht entließ ihn noch im gleichen Jahr wieder. Ab 1945 beteiligte er sich maßgeblich am Aufbau der CDU im Rheinland und der britischen Zone. Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem lokalgeschlagenen Ex-OB wieder ein zentraler Akteur der westdeutschen Politik. 1948 wurde Adenauer zum Präsidenten des Parlamentarischen Rats gewählt, der das Grundgesetz für die westdeutsche Bundesrepublik ausarbeitete. Er moderierte konfliktreiche Debatten zwischen Föderalisten und Zentralisten, Konservativen und Sozialdemokraten und drang zugleich auf eine feste Westbindung. In dieser Rolle prägte er das Amt des Bundespräsidenten des Rats als nüchterner, aber dominanter Sitzungsleiter, der Inhalte mitsteuerte, ohne formell Regierungschef zu sein. Das Grundgesetz, 1949 verkündet, bildete den institutionellen Rahmen seiner späteren Kanzlerschaft.
Wahl zum ersten Bundeskanzler
Am 15. September 1949 wählte der erste Deutsche Bundestag den 73-jährigen Adenauer zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er erhielt 202 Stimmen – die knappste mögliche absolute Mehrheit – getragen von einer Koalition aus CDU/CSU, FDP und Deutscher Partei. Seine Kanzlerschaft stand für Westintegration, Aussöhnung mit Frankreich, Gründung der Montanunion und späteren Europäischen Gemeinschaften sowie für Wiederaufbau und soziale Marktwirtschaft. Innenpolitisch setzte er auf starke Kanzlerautorität, anti-kommunistische Abgrenzung und eine langfristige Bindung der Bundesrepublik an die USA und Westeuropa.
Tod und Staatsakt
Konrad Adenauer starb am 19. April 1967 in seinem Haus in Rhöndorf. Die Bundesrepublik verabschiedete ihn mit einem großen Staatsakt, der seine Rolle als Gründungsfiguren-Kanzler symbolisch unterstrich. Nach dem Staatsakt wurde er in der Familiengrabstätte auf dem Waldfriedhof Rhöndorf beigesetzt – wenige hundert Meter von seinem Wohnhaus und Garten entfernt. Damit endete ein Leben, das deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis in die Bonner Republik nicht nur begleitet, sondern aktiv geformt hat.


































