RTL-Reporterin besucht Familie in Jordanien

Bruder des Schwertmörders von Stuttgart: "Das ist nicht mein Bruder, wie ich ihn kenne"

13. August 2019 - 20:35 Uhr

Von Raschel Blufarb

Der Schwertmord von Stuttgart schockierte die Menschen überall. Auch in Jordanien, wo die Familie des Killers lebt. RTL-Reporterin Raschel Blufarb hat die Familie besucht.

"Es ist ein Horror für mich, wir möchten der Familie des Opfers unser tiefes Beileid aussprechen"

Es ist drei Uhr morgens, als Ahmad von der Tat seines Bruders erfährt. Er sitzt auf dem Boden des kleinen Hauses im jordanischen Dorf Vadi Arrayan und guckt das Video der schrecklichen Tat. Darauf zu sehen: Sein älterer Bruder Issa, der im fernen Stuttgart auf der Straße mit einem Schwert auf einen Mann einsticht, ihn tötet.

Ahmad: "Ich war zu tiefst geschockt. Ich bin zusammengebrochen. Meine Mutter hat geschlafen. Ich wollte ihr nichts davon sagen. Ich bin raus  - habe mich hingesetzt. Was ich da gesehen habe, ist unglaublich. Das ist nicht mein Bruder, wie ich ihn kenne."

Issas Vater, Mohamad L., hat uns eingeladen, um über seinen Sohn zu sprechen. Mutter, Vater, Geschwister, Onkel und Tanten, die Großfamilie sei am Boden zerstört, sagt er, kann nicht glauben, nicht verstehen, wie der eigener Sohn zu so einer bestialischen Tat fähig war. "Es ist ein Horror für mich, wir möchten der Familie des Opfers unter tiefes Beileid aussprechen. Wir teilen den Schmerz der Familie."

Issas Vater Mohamad ist seither gebrochen, sagt er. Er hat ein Falafel-Restaurant im Dorf, arbeitet hart, versucht, die Familie zu ernähren. Sie sind arm, kommen kaum über die Runden. Ihr Sohn Issa hatte hier mitgearbeitet, bevor er 2014 überstürzt nach Deutschland ging, ohne es mit der Familie zu besprechen. In Deutschland erschlich er sich ein Visum als syrischer Flüchtling

Issas letzte SMS: "Ich habe ihn umgebracht, den Russen"

Er wollte ein besseres Leben, wollte Geld verdienen, seiner Familie helfen, doch es kam anders. Issa lernte die falschen Leute kennen, nahm Drogen, trank Alkohol. Hinzu kamen psychische Probleme und Aggressionen, die er wohl schon seit seiner Kindheit hatte, erzählt sein Vater. "Er war psychisch labil, schon als er hier gearbeitet hat, war er mental nicht beieinander. Wir sind immer ganz vorsichtig mit ihm umgegangen."

In Deutschland scheint sein Zustand sich zu verschlechtern. Zwei Wochen vor der Tat schreibt Issa seinem Vater: "Papa, ich halluziniere. Ich bin vom Teufel besessen. Ich verliere meinen Verstand. Ich weiß nicht, was mit mir los ist."

Nichts von all dem erklärt die grausame Tat, und das weiß die Familie und sucht nach Antworten. Es muss etwas vorgefallen sein zwischen ihm und dem Opfer, vermuten alle. Sie waren Freunde und dann ist etwas passiert. Sein Bruder, der ihm sehr nahestand, spricht von sexuellen Übergriffen des Opfers, von einem Video, das das beweisen soll. Doch er hat das Video nicht.

Sein Bruder habe ihm geschrieben, dass er sich mit der Mafia angelegt habe, dass Menschen ihn unter Druck setzen und ihn verfolgen würden. Eine Stunde vor der Tat sprechen die Brüder das letzte Mal miteinander: "Am Tag der Tat hat er mich angerufen, er hat sehr müde geklungen und geweint. Er sagte: 'Ich werde sterben. Ich kann nicht mehr leben.' Das war nicht Issa, den ich kenne. Sein Gerede war wirr, er sagte: 'Ich bin jetzt unterwegs', und dann brach das Gespräch ab." Der nächste Kontakt war dann diese SMS: "Ich habe ihn umgebracht, den Russen."

Die Familie hofft auf eine gerechte Strafe für ihren Sohn. Sie würden ihn gern selbst nach seinem Motiv fragen, doch Geld, um Issa im Gefängnis in Stuttgart zu besuchen, haben sie nicht.