Polizist raste mit Blaulicht Fabien (21) tot

Vater bei Prozessauftakt: "Der Hass wird immer größer"

27. Oktober 2020 - 17:41 Uhr

Prozessbeginn nach fast 3 Jahren

Vertuschung durch die Berliner Polizei, Grundgesetzverstöße durch die Staatsanwaltschaft, ein gesundheitlich geschundener Täter und völlig verzweifelte Eltern: Der Fall um den tragischen Tod der 21-jährigen Fabien hat schon jetzt Ausmaße einer filmreifen Schlammschlacht. Und das, obwohl erst heute, 2 Jahre und 9 Monate nach dem schrecklichen Unfall, der Prozess gegen Hauptkommissar Peter G. begann. Er hatte die junge Frau im Januar 2018 unter Blaulicht mit einer so hohen Geschwindigkeit erfasst, dass sie noch am Unfallort starb.

Täter zeigt Reue

Peter G.
Peter G. schwieg zum Prozessauftakt.
© RTL

Im Saal 135 des Berliner Strafgerichts trifft Christian Martini zum ersten Mal auf den Mann, den er selbst als "Mörder meiner Tochter" bezeichnet. Immer wieder sucht er den Blick von Peter G. Während Mutter Britta Martini in Tränen ausbricht, versucht der Vater stark zu bleiben. Sogar ein gerahmtes Foto ihrer Tochter haben sie dabei und stellen es im Blickfeld von G. auf. Doch der 53-jährige Hauptkommissar weicht aus und schweigt. Über seinen Anwalt lässt er ausrichten, dass es ihm sehr leid tut, was mit Fabien passiert ist. Ein direktes Gespräch mit den Eltern schließt er nicht aus, allerdings erst für die Zeit nach der Verhandlung.

Einsatzfahrt mit 134km/h durch die Stadt

Wie ein solches Gespräch ablaufen soll, ist kaum vorstellbar. Im RTL-Interview sagt der Vater: "Der Hass gegen ihn wird immer größer bei mir." Er selbst lebe einfach nur noch vor sich hin. Dann entschuldigt er sich bei seiner Frau und seinem Sohn dafür, dass er nicht stark genug ist, um für sie da zu sein. "Aber die Gefühle für meine Tochter sind einfach so groß," sagt er. Der Tatverdächtige selbst ist gesundheitlich stark angeschlagen. Jörg Badendick, Sprecher des Berufsverbandes 'Unabhängige' hat Kontakt zu ihm und bestätigt: "Dem Kollegen geht es sehr schlecht."

Der Vorwurf gegen Peter G. lautet: Fahrlässige Tötung. Am 29. Januar 2018 fuhr er mit Blaulicht zu einem Einsatz. Er schoss mit 134km/h aus dem Grunertunnel vorbei am Alexanderplatz. Fabien Martini fuhr mit ihrem Auto auf der fünfspurigen Straße und wollte über die rechte Spur hinweg in eine Parklücke abbiegen. Das Martinshorn hörte sie offenbar nicht. Laut Gutachten ist der Polizeiwagen immer noch bei 91km/h, als er in die Fahrertür kracht. Fabien Martini hat keine Chance. Ein Tod, den G. mit seinem Fahrverhalten fahrlässig in Kauf genommen hat, sagt die Staatsanwaltschaft – trotz des Blaulichts:

"Auch dabei muss man natürlich die Verkehrsregeln beachten und vor allen Dingen darauf achten, dass man andere Verkehrsteilnehmer nicht gefährdet", erklärt Gerichtssprecherin Lisa Jani.

Doch Konsequenzen gibt es zunächst keine. Die Polizei-Kollegen gehen davon aus, dass es sich um einen tragischen Unfall handelt.

War Peter G. alkoholisiert?

Fabien Martini
Fabiens Eltern stellten im Gerichtssaal ein Foto auf
© RTL

Auch ein Gutachten bestätigt, dass sich G. richtig verhalten hat. Fabiens Eltern und ihr Anwalt vermuten dagegen, dass sich die Polizisten auch untereinander decken. Auch gegen die Staatsanwaltschaft erheben sie Vorwürfe. Laut "Tagesspiegel" beschwerte sich der Anwalt, Peter G. hätte noch am Unfallort vernommen werden müssen. Auch sei keine medizinische Untersuchung angeordnet worden, viel mehr hätte sich die Ermittlung zunächst gegen Fabien gerichtet.

Vor 1,5 Jahren stand plötzlich der Vorwurf im Raum, G. sei alkoholisiert gewesen. Das soll ein Bluttest belegen, der zwei Stunden nach der Tat im Krankenhaus gemacht, wegen der ärztlichen Schweigepflicht aber nicht gemeldet wurde. Gerichtssprecherin Jani bestätigt: "Im Ermittlungsverfahren hat es Anhaltspunkte für einen Alkoholkonsum gegeben, da kam es zu einer Beschlagnahmung einer Patientenakte, aus der entsprechende Erkenntnisse hervorgehen sollen. Diese Patientenakte ist aber entgegen gesetzlicher Vorschriften beschlagnahmt wurde." Heißt im Klartext: Die Staatsanwaltschaft hat mit einer fingierten Anklage die Akte besorgt. Gesetzwidrig und damit vor Gericht nicht zulässig.

Höchstrafe: 5 Jahre Haft

Deshalb geht es laut Anklage im Gerichtsprozess nur um die Frage: Hat sich Peter G. fahrlässig verhalten? Zum Auftakt wurden die Beamten vom Unfallort und diverse Zeugen verhört. Zum Abschluss stellt der Anwalt von Fabiens Eltern dann aber plötzlich noch den Antrag für die Zulassung von Zeugen, bei denen G. gestanden haben soll, an dem Tag getrunken zu haben.

Über die Zulassung wird aber erst beim nächsten Prozesstag entschieden. Ob das Urteil also wie erwartet nach 5 Prozesstagen am 10.11. fallen wird, ist fraglich. Das Strafmaß für fahrlässige Tötung erstreckt sich von einer Geldstrafe bis zu 5 Jahren Haft. Für Fabiens Eltern zu wenig: "Wir wissen was hier die Höchststrafe ist und das ist nicht genug." Eines haben sie mit Peter G. aber zumindest gemeinsam. Beide hoffen mit dem Abschluss des Verfahrens endlich einen ersten Schritt in ein normales Leben gehen zu können. Wie die Fabiens Eltern den ersten Prozesstag erlebt haben, erzählen sie im Video.