Flüchtlingskrise im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus

„Ihr habt keinen Iraker drin, oder?“

17. November 2021 - 8:22 Uhr

Flüchtlinge warten in der Kälte auf Hilfe

von Marc Chmiel

Seit einer Woche warten Tausende Migranten im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus in der Kälte auf Hilfe. Unser Reporter Marc Chmiel ist vor Ort. Er hat mit Flüchtlingen gewhatsappt, mit einer völlig erschöpften Ärztin und mit Anwohnern gesprochen. Hier hat er seine ganz persönlichen Eindrücke aufgeschrieben.

RTL-Reporter Marc Chmiel
RTL-Reporter Marc Chmiel
© RTL

"Bitte helfen Sie uns!"

Seit drei Tagen warte ich auf ein Lebenszeichen von Familie I.. Vergangene Woche konnte ich Kontakt zu ihnen aufnehmen. Eine Hilfsorganisation hat mir ihre Nummer geschickt, weil die Familie deutsch spricht, sie hat vier Jahre in Hanau gewohnt. Ich schreibe bei Whatsapp mit der Tochter Bahasht. Sie schickt ein Video (s.unten), dort erzählt sie, dass sie von Soldaten mit Stöcken geschlagen wurden, dass sie Gras essen, weil ihnen die Nahrung fehlt. Sie schickt eine Geburtsurkunde ihres Bruders, der in Deutschland geboren wurde und dem es sehr schlecht gehen soll. Und immer wieder schreibt sie "Bitte helfen Sie uns".

Vier Stunden stehen wir in Kontakt. Seit drei Tagen geht keine Nachricht mehr durch. Was mit der Familie passiert ist, wie es ihnen geht, ich weiß es nicht.

Die Videobotschaft von Bahasht: "Bitte helfen Sie uns"

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„Menschen sterben hier und Menschen, die helfen wollen, haben Angst vor Polizei und Militär“

Es war der einzige direkte Kontakt an die Grenze. Denn die Sperrzone davor können weder wir Journalisten, noch die meisten Hilfsorganisationen überqueren. Doch gerade dort sind die Menschen, die die meiste Hilfe brauchen, Kranke, Mütter, Kinder, erzählt mir Ärztin Paulina Bownik. Sie hatte im Krankenhaus in Bielsk Podlaski viele Flüchtlinge behandelt. Auf Fotos sehe ich zerschnittene Füße, blutunterlaufene Augen. Bis vor eine Woche haben täglich 6-7 Menschen dort an. Doch seit tausende Soldaten im Grenzgebiet kontrollieren, bleiben die meisten Betten hier leer. Und in das Sperrgebiet kommt sie nicht rein:

"Menschen sterben hier und die Menschen, die helfen wollen, haben Angst vor Polizei und Militär", erzählt Paulina Bownik.

Sie wirkt erschöpft und verzweifelt, doch sie lässt sich nicht einschüchtern. In einem Krankenhaus hatte sie einem Mann Dokumente gebracht, damit er in Polen Asyl beantragen kann, so wie es das EU-Recht vorsieht. Stattdessen kam die Polizei, Paulina wurde angeklagt und muss demnächst vor Gericht. Sie bereut es nicht.

„Ihr hab keinen Iraker drin, oder?“

Wie es überhaupt jemand schafft, das Sperrgebiet zu überwinden, ist für mich schwer vorstellbar. Um 16 Uhr ist es hier stockdunkel und die Bäume in den angrenzenden Wäldern stehen mit spitzen Ästen dicht aneinander, auch eine Orientierung scheint mir unmöglich. Dazu sind Polizei und Militär hier allgegenwärtig. Auf den Straßen werden mein Kameramann und ich täglich mehrfach von Beamten mit Maschinenpistolen kontrolliert, müssen unseren Kofferraum aufmachen. "Ihr habt keinen Iraker drin, oder?" scherzt einer von ihnen. Auf abgelegeneren Straßen sind sie weniger freundlich und drohen, beim nächsten Mal die Pässe zu kassieren.

Ein Großteil der Bevölkerung im Grenzgebiet, das ist mein Eindruck, findet die harten Maßnahmen aber genau richtig. In einem kleinen Dorf, nahe des Grenzübergangs Kuznica klingele ich an der Tür, um zu erfahren, was die Bewohner über die Situation denken. Die erste Dame ruft gleich die Polizei. Die zweite redet mit mir, wenn auch nicht vor der Kamera. Sie erzählt, dass sie ihre Tochter zurzeit nicht zur Schule schickt, aus Angst, ihr könnte etwas passieren. Natürlich würde es ihr leid tun für die Mütter und Kinder, die an der Grenze frieren und hungern. Aber die Grenzen müssen dicht bleiben.

Propaganda-Krieg auf dem Rücken der Menschen

Damit geht die Taktik der polnischen Behörden auf. Täglich erhalten wir SMS, die vermeintlich an Flüchtlinge im polnischen Handynetz gerichtet, aber auch bei allen Polen und Journalisten auf den Geräten landen: "Die Grenze ist zu, die belarussischen Behörden lügen. Gehen Sie zurück nach Minsk. Nehmen sie keine Pillen von belarussischen Soldaten an."

Der Propaganda-Krieg ist in vollem Gange und er wird ausgetragen auf dem Rücken von Menschen, die sich eine bessere Zukunft wünschen. Und draußen vor einem Zaun ausharren, während die Temperaturen sich immer mehr dem Gefrierpunkt nähern.

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