Nach Angriff auf Synagoge in Halle

Was über den Killer Stephan B. (27) bekannt ist

11. Oktober 2019 - 18:08 Uhr

Anschlag in Halle: Antisemitische Gründe vermutet

Stephan B. tötete Mittwochnachmittag bei einem Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle zwei Menschen. Der Attentäter streamte knapp 36 Minuten seines Amoklaufs über eine Helmkamera im Netz. Innenminister Horst Seehofer verkündet am Abend, dass der 27-Jährige höchstwahrscheinlich aus antisemitischen Gründen gehandelt habe.

Rechtsextremist in Kampfausrüstung

Döner-Imbiss in Halle, in der Stephan B. einen Mann erschossen hat. (09.10.2019)
In diesem Döner-Imbiss erschoss Stephan B. einen Kunden und flüchtete dann im Mietwagen.
© imago images/Felix Abraham, Felix Abraham via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Der deutsche Staatsangehörige war den Behörden bisher nicht als Teil der rechtsextremen Szene in Sachsen-Anhalt aufgefallen. In seinem Livestream positioniert sich der Täter aber klar und deutlich und schimpft über "Juden" und "Kanaken". Er spricht mal in gebrochenem Englisch und dann wieder auf Deutsch. Stephan B. suchte sich für den Tattag ausgerechnet den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur aus. Er begann seinen Amoklauf an einer Synagoge und legte selbstgebastelte Sprengsätze ab.

Hinein kam er nicht - die Tür war verschlossen. Ein schlimmeres Blutbad konnte dadurch verhindert werden. Dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Max Privorotzki, zufolge seien 70 bis 80 Personen in der Synagoge gewesen.

Der Täter, der eine komplette Kampfausrüstung trug und seine Waffen selbst gebaut haben soll, erschoss daraufhin eine zufällig vorbeilaufende Passantin. Mit einem Stahlhelm über dem kahlen Kopf und einem Gewehr in der Hand, zog er weiter und erschießt knapp 600 Meter entfernt einen Kunden in einem Döner-Laden.​

Amoklauf in Halle: Mit dem Mietwagen gekommen, mit dem Taxi geflüchtet

Anschließend fährt Stephan B. zu einer Werkstatt in Wiedersdorf, verlangt nach einem neuen Wagen und verletzt einen angestellten Elektriker. Der aktuellen Erkenntnislage nach wurden im Laufe des gesamten Tages auch noch weitere Menschen verletzt.

Mit einem geklauten Taxi fährt der Killer schließlich in Richtung A9, wird dann auf der Landstraße B91 bei Werschen von einem Lkw gerammt. Aufgrund des Unfalls konnte er letztlich festgenommen werden.

Seine Taten begann er - anders als zuvor angenommen - allein. Stephan B. fuhr mit einem Mietwagen mit dem Kennzeichen EU für Euskirchen in Nordrhein-Westfalen vor. Dem "Stern" zufolge wurde das Auto für den Zeitraum vom 7. bis 10. Oktober angemietet. Ob der Täter auch selbst der Mieter ist, ist unklar.

Nachbar beschreibt ruhige Familie des Halle-Schützen

Nach RTL-Informationen war der Todesschütze vor rund zehn Jahren aus dem Haus des Vaters, einem Rundfunktechniker, in Helbra ausgezogen. Seither wohnt er mit seiner Mutter im Ort Benndorf - etwa 40 Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt. Wie ein Nachbar berichtet, ist die Mutter psychisch krank und hatte als Lehrerin gearbeitet. Vom Vater hatte sie sich getrennt, als der Sohn 14 Jahre alt war.

Die Familie beschreibt der Nachbar als "ruhig", auch eine ältere Schwester soll Stephan B. haben. Der Nachbar gibt jedoch an, dass er "viel zu Hause gewesen" sein soll. Zudem soll der Killer Abitur gemacht und zwei Semester studiert haben.

"Aus einem Tag der Freude ist ein Tag des Leids geworden"

Am Abend versammelten sich auf dem Marktplatz in Halle Hunderte trauernde Menschen, die den Opfern des Terroranschlags Kerzen anzündeten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief bei einem Festakt zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig zur Solidarität auf: "Aus einem Tag der Freude ist ein Tag des Leids geworden." Das Bundeskriminalamt nahm die Ermittlungen auf.

Das Protokoll des Anschlags von Halle – jetzt als Doku auf TVNOW.