Kriminalreporter in Amsterdam niedergeschossen

Mafia-Anwalt warnte Reporter Peter de Vries: „Du stehst ab jetzt auf der Todesliste der Marengo-Mafia"

08. Juli 2021 - 12:06 Uhr

Peter R. de Vries stand auf der Todesliste der "Mocro"-Mafia

Vito Shukrula arbeitet seit 2014 als Strafverteidiger in Amsterdam, zu seinen Mandanten zählten immer wieder auch angebliche Mitglieder der "Mocro"-Mafia, die mutmaßlich hinter dem Anschlag auf den Kriminalreporter Peter R. de Vries in Amsterdam steckt. Der Jurist kennt den 64-jährigen de Vries – und warnte ihn. Im Interview gibt er Einblick in die Strukturen der marokkanischen Drogenmafia, die auch über die Grenzen der Niederlande hinweg ihr Unwesen treibt.

Peter de Vries verzichtete auf Polizeischutz: „Das war vielleicht ein Fehler“

Peter R. de Vries wurde auf der Straße in Amsterdam angeschossen.
Peter R. de Vries wurde auf der Straße in Amsterdam angeschossen.
© AP, Peter Dejong, PDJ

Noch gibt es keine eindeutigen Beweise, aber vieles spricht dafür, dass die "Mocro"-Mafia (auch Marengo Mafia genannt) hinter dem Mordanschlag auf de Vries stecken könnte – immerhin vertritt der Kriminalreporter den Kronzeugen Nabil B. in einem großen Prozess gegen die Bande. Der mutmaßliche Kopf der kriminellen Vereinigung, Ridouan Taghi, und 16 weitere Mitglieder stehen seit März 2021 unter anderem wegen sechsfachen Mordes und mehrerer Mordversuche vor Gericht. Kurz nach der formellen Eröffnung der Strafsache war im März 2018 der Bruder des Kronzeugen Nabil B., Reduan B., in Amsterdam erschossen worden. Auch sein Anwalt Derk Wiersum wurde im September 2019 Opfer eines Mordanschlags. Beide Vorfälle werden Taghi in einem gesonderten Verfahren zur Last gelegt. Die Schüsse auf de Vries könnten nun ein weiterer Versuch gewesen sein, den Kronzeugen einzuschüchtern, ihn mundtot zu machen, so Shukrula.

Obwohl sich die beiden oft auf unterschiedlichen Seiten gegenüberstehen, würden er und de Vries einander kennen und schätzen, sagt der Rechtsanwalt. "Er ist ein toller Kerl, ein aufrichtiger Journalist." De Vries sei wie eine Bulldogge. "Wenn er einen Fall übernimmt, lässt er nicht eher locker, bis jemand festgenommen wird. (...) Wenn die Polizei jemanden im Stich lässt, steht Peter R. de Vries für ihn auf." Er sei eine Art Held für die Niederländer. Zwei Wochen vor der Tat habe er noch mit dem Reporter gesprochen, 2020 warnte er ihn vor der Gefahr der "Mocro"-Mafia, riet ihm davon ab, den Kronzeugen zu vertreten. "Du stehst ab jetzt auf der Todesliste der Marengo-Mafia, sei vorsichtig." Er mache sich Sorgen um ihn, soll er de Vries gesagt haben.

Doch de Vries sei ein "Freigeist". Das Tattoo auf seinem Knöchel sei sein Lebensmotto. Dort steht: "On bended knee is no way to be free" – frei übersetzt: "Mit gebeugtem Knie kann man nicht frei sein". Aus dieser unerschrockenen Haltung heraus habe er auch Polizeischutz abgelehnt, weil er so nicht habe leben wollen. "Das war vielleicht ein Fehler", sagt der Jurist. Denn in Kontakt mit der Mafia zu sein, sich gar durch Recherchen offen mit ihr anzulegen, sei hochgefährlich. "Kollegen von Peter R. de Vries, Kriminaljournalisten, werden schwer bewacht, manchmal sogar von bis zu sechs Bodyguards. Journalisten sind hier bei der Arbeit nicht sicher, wenn sie etwas gegen die "Mocro"-Mafia recherchieren."

Ein Satz, der auch als verkappte Drohung in Richtung Presse interpretiert werden kann. Shukrula betont jedoch, dass er nicht gutheiße, was seine Mandanten tun oder getan haben sollen. Es sei aber sein Job als Strafverteidiger, sie dennoch vor Gericht zu vertreten. "Peter R. de Vries ist einer der berühmtesten Journalisten in Holland", sagt er. Weil er den Kronzeugen vor Gericht berät, ihn auch in den Medien repräsentiert, sei er auf die "Todesliste der Mafia" geraten.

Reporter de Vries wusste seit 2019, dass er auf Todesliste von Ridouan Taghi steht

Anschlag auf Kriminalreporter in Amsterdam: Dort, wo Peter de Vries niedergeschossen wurde, haben Menschen Blumen niedergelegt. Zur Stunde ringt der 64-Jährige in einem Krankenhaus mit dem Tod.
Anschlag auf Kriminalreporter in Amsterdam: Dort, wo Peter de Vries niedergeschossen wurde, haben Menschen Blumen niedergelegt. Zur Stunde ringt der 64-Jährige in einem Krankenhaus mit dem Tod.
© dpa, Koen Van Weel, nic

De Vries ging sogar noch einen Schritt weiter, legte sich offen mit der Unterwelt an. "Er sagt, was er denkt und sagt auch der Mocro-Mafia, was er will. Es gibt Personen, die das nicht mögen und ihn zum Schweigen bringen wollen." 2019 habe die Polizei den Reporter darüber informiert, dass er auf der Todesliste von Ridouan Taghi stehe. Der als skrupellose Unterweltboss gefürchtete mutmaßliche Chef der international agierenden "Marengo"-Bande sitzt in Nieuw Vosseveld, einem Hochsicherheitsgefängnis, ein.

"Dann ist er damit an die Öffentlichkeit gegangen, hat gesagt, er werde von Taghi bedroht und dass dieser Plan scheitern würde." De Vries twitterte am 15. Mai 2019: "Justiz und Polizei haben mir mitgeteilt, dass ich auf der Todesliste des flüchtigen Ridouan Taghi stehe und er meine Liquidation angeordnet hat. Wegen kritischer Äußerungen über ihn."

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Flüchtger Ridouan Taghi schrieb Peter de Vries damals einen Brief

Anschließend habe Taghi persönlich dem Journalisten einen Brief geschrieben. Darin habe gestanden, "dass er sich sicher fühlen kann, dass er ihn nicht töten wird und ihn bewundert", erzählt Shukrula. Auch diesen Brief machte de Vries transparent und veröffentlichte ihn bei Twitter mit den Worten: "Ridouan Taghi, der meistgesuchte Kriminelle der Niederlande, hat in einer persönlichen Nachricht an mich entschieden bestritten, dass er mich liquidieren lassen will: "Purer Unsinn!""

"Ich denke, dass Peter sich sicher gefühlt hat und dachte, er würde ihm nichts antun." Doch als bekannt wurde, dass er den Kronzeugen Nabil B. vertritt, sei er erneut auf der Todesliste gelandet.

"Müssen akzeptieren, dass wir jetzt in einem Narco-Staat leben"

Der mutmaßliche Mafiaboss sitzt derzeit im sichersten Gefängnis der Niederlande ein und könne nicht unbewacht mit der Außenwelt kommunizieren. "Unglücklicherweise ist es aber so, dass wenn du in den Knast wanderst und ein Mafiaboss bist, ein anderer übernimmt", sagt Shukrula. "Ein anderer ersetzt ihn. Es gibt hier außerdem viele Jugendliche, wenn du denen 5.000 Euro oder eine gebrauchte Rolex gibst, dann erschießen sie einen Menschen – und es ist ihnen egal, wer das ist." Diese jungen Täter schrecken demnach auch nicht davor zurück, am helllichten Tag mitten in der belebten Amsterdamer Innenstadt zuzuschlagen, die von Überwachungskameras bewacht wird. Dabei gehe es auch darum, maximalen Terror zu stiften, Angst zu schüren.

Die "Youngster" seien zwischen 17 und 23 Jahre alt sind und hätten nichts zu verlieren. Sie stammen aus kaputten Familien, aus gefährlichen Nachbarschaften, hätten einen geringen Selbstwert und wenig Intelligenz, so der Anwalt. Gleichzeitig streben sie "nach dem schnellen Geld, Ruhm und der Aufregung". Diese Kinder seien anfällig, ließen sich leicht von den Schwergewichten des Organisierten Verbrechens manipulieren und zu Verbrechen anstiften. "Ich denke, dass wir akzeptieren müssen, dass wir jetzt in einem "Narco"-Staat leben." Journalisten und Nachrichtensender würden angegriffen. "Die Regierung hat das nicht mehr unter Kontrolle, die "Mocro"-Mafia bestimmt, was passiert. Das ist ein großes Problem."

Mittlerweile habe die organisierte Kriminalität in den Niederlanden besorgniserregende Ausmaße angenommen. "Gestern habe ich mit jemanden telefoniert, der mir gesagt hat, dass Peter angeschossen wurde. Ich sagte zu ihm: Jetzt leben wir offiziell in Kolumbien. Es ist exakt das Gleiche. Journalisten werden angeschossen, Nachrichtensender werden bombardiert, Anwälte getötet – sag mir: Wo ist der Unterschied zwischen Kolumbien und den Niederlanden, außer dass wir Fahrrad fahren?", fragt der Anwalt.