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Affenpocken: Ansteckung, Symptome und Schutz – Dermatologin Yael Adler klärt auf

"Affenpocken-Bläschen sind hochinfektiös"

Alarmsignale und Vorbeugung: Dermatologin erklärt, wo jetzt besondere Vorsicht geboten ist

Yael Adler und Affenpocken Schild
Die Dermatologin Dr. Yael Adler erklärt, wo jetzt mit Blick auf die Affenpocken besondere Vorsicht geboten ist.
picture alliance

von Madeline Jäger

Wie können wir uns vor Affenpocken schützen und was unterscheidet sie zum Beispiel von den klassischen Windpocken? Im RTL-Gespräch erklärt Dermatologin Yael Adler (48), worauf Sie bei Ihrer Haut achten müssen, wie Sie sich schützen können – und wo jetzt besondere Vorsicht geboten ist.

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Affenpocken: Wie sehen die Pocken beziehungsweise Pusteln genau aus?

Yael Adler (YA): Es gibt zwei Aspekte auf der Haut: Zunächst hat man einen fleckigen Hautausschlag, der noch relativ unspezifisch ist. Der Affenpocken-Ausschlag ähnelt vielen anderen Exanthemen (Hautausschlägen). Dann folgen kleine Pickelchen, aus denen trübe Bläschen werden. Und die bekommen in der Mitte eine Eindellung – das ist tatsächlich sehr spezifisch bei Affenpocken.

Manchmal ist auch die Schleimhaut befallen. Doch optisch gibt es auf der Haut nicht den einen konkreten Hinweis, der nur auf die Affenpocken hindeutet. Hier müssen mehrere Symptome zu dem beschriebenen Ausschlag zusammenkommen, zum Beispiel noch Fieber sowie starke Rücken- und Kopfschmerzen. In meiner Praxis hatten wir bisher zum Glück noch keinen Verdachtsfall.

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Besteht also eine Verwechslungsgefahr mit anderen Erkrankungen?

YA: Ja, es kann auch aus infektiologischer Sicht erst einmal zu Fehldiagnosen und Verwechslungen kommen. Gerade wenn sich der Ausschlag im Intimbereich befindet, was aktuell beobachtet wurde. Hierbei kann es sich auch um Geschlechtskrankheiten, wie zum Beispiel eine Syphilis, handeln.

Wenn diese Pusteln sich öffnen, dann ist das ja oft wie ein kleines Geschwür und das kann eben auch bei einer sexuell übertragbaren Krankheit passieren. Daher ist die Diagnose gar nicht so einfach, es gibt nicht diesen einen Clou. Deswegen muss man die Affenpocken differenzial-diagnostisch sehen und einen PCR-Abstrich nehmen, um sicherzugehen, dass es sich auch wirklich um die Affenpocken handelt.

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Was unterscheidet die Affenpocken von Windpocken, Allergie-Pocken, Pickeln, oder Ausschlag?

YA: Bei Windpocken hat man sehr viele kleine Bläschen, die dann auch abkrusten. Und die dann zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufblühen. Man nennt das auch den „Sternenhimmel“. Es gibt die Pocken in verschiedenen Stadien parallel, von kleinen Hübbelchen bis Bläschen und in abgetrockneter Krusten-Form. Und die Windpocken sind sehr viel kleiner und nicht so zentral eingedellt, wie die Affenpocken.

Auch allergische Ausschläge sehen anders aus, sind oft großflächig auf der Haut mit Pickeln oder Blasen, die kleiner und oft auch mit Juckreiz verbunden sind. Jeden beginnenden Ausschlag sollte man als Alarmsignal dafür sehen, einen Arzt aufzusuchen, da es durchaus ein Virusinfekt oder zum Beispiel eine Arzneimittel-Allergie sein könnte, die man unbedingt abklären sollte.

Ihre Meinung ist gefragt: Wie schätzen Sie die Gefahr von Affenpocken ein?

Wenn ich als Kind Windpocken hatte, bin ich dann immun?

YA: Nein, leider nicht. Das sind unterschiedliche Viren. Aber die Pockenimpfung, die bis 1976 verabreicht wurde, ist ein Schutzfaktor.

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Beginnen Affenpocken immer mit einem Ausschlag und dann kommen die Pocken?

YA: Die Affenpocken beginnen immer mit einer Rötung oder fleckigem Ausschlag, der noch nicht tastbar ist und vom Gesicht auf den Körper übergeht. Danach kommen diese typischen Pocken und die beginnen mit kleinen Pickeln, die dann zu Mini-Bläschen werden und sich schließlich zu der Blase mit Eindellung entwickeln. Charakteristisch sind die Eiter-Bläschen. Bei den aktuellen Fällen beginnen die Bläschen im Genital und Anal-Bereich. Also an der Stelle, wo der Erstkontakt mit dem Affenpocken-Virus stattgefunden hat.

Gerade ist noch unklar, ob es durch engen Körperkontakt mit infizierten Hautblasen kommt oder auch vielleicht über Sperma und Vaginalsekret, was der Übertragung des HIV-Virus ähneln würde. Das weiß man aber aktuell noch nicht.

Bleiben Narben von den Affenpocken zurück?

Ja, es können nach Abheilen der Pocken Narben zurückbleiben. Auch Windpocken, die aber eine ganz andere Virusart darstellen, heilen zum Beispiel auch mit Narben ab.

Es gibt geschätzt 30 Prozent asymptomatische Verläufe.

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Sollte man bei Symptomen zum Hautarzt gehen, oder ist der Hausarzt erst einmal die richtige Anlaufstelle?

YA: Die Patienten bekommen häufig leider nicht so schnell einen Termin beim Dermatologen, die Hausärzte sind entsprechend geschult und können auf den ersten Blick erkennen, ob und wie gehandelt werden muss. In Berlin wartet man zum Beispiel oft bis zu neun Monate auf einen Termin beim Hautarzt. Die Hausarztpraxen sind eine gute erste Anlaufstelle. Wenn es dann Unklarheiten gibt, schicken sie den Patienten in der Regel weiter zum Hautarzt.

Oder in die Notaufnahme! Man muss auch sehr darauf achten, niemanden anzustecken. Telefonischer Erstkontakt wäre daher sinnvoll. Beim Kinderarzt steht nicht umsonst: „Kinder mit unklarem Ausschlag warten erst einmal draußen.“

Muss man mit Ausbrüchen in Kitagruppen rechnen?

YA: Auch Kinder können sich anstecken, es gibt auch bei Kindern ernste Verläufe, aber nicht in Deutschland. Das kommt häufiger bei immungeschwächten Kindern vor, zum Beispiel auch in Afrika. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kinder sich mit Affenpocken anstecken, aber eher mit mildem Verlauf. Sie gehören aber nicht zur Risikogruppe. Ich glaube daher aktuell nicht, dass in den Kitas großer Anlass zur Sorge bestehen muss.

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Wie können wir uns vor den Affenpocken schützen?

YA: Die Affenpocken-Bläschen sind hochinfektiös. Man sollte sich unbedingt vor diesem Inhalt schützen. Das gilt für uns in der Arztpraxis und im Gesundheitsbereich, dass beim Händedruck und natürlich bei Untersuchungen unbedingt immer Handschuhe und ein Mundschutz getragen werden sollten.

Im privaten Bereich rate ich dazu, zum Beispiel im Nachtleben vorsichtiger zu sein. Man sollte sich vielleicht nicht, mit einer völlig fremden Person im Club eng aneinander reiben, die ich im Dunklen weder sehe, noch weiß, mit wem die Person bereits Kontakt hatte. Insbesondere in Berlin und in anderen Großstädten gibt es sehr körperbetonte Clubs. Augen auf bei der Liebe, Licht anlassen und Risiken minimieren.

Ich bin nicht „sexfeindlich“ und habe auch nichts dagegen, wenn Menschen Sex mit Fremden haben, aber gerade in Berlin haben wir ein vermehrtes Auftreten von sexuell übertragbaren Krankheiten. Seit HIV zwar nicht heilbar, aber wenigstens behandelbar ist, lassen die Leute wieder häufiger Kondome weg. Da sind die Menschen wieder zu nachlässig geworden. Es gibt dabei ernste Risiken und das sollte man gerade aktuell, auch vor dem Hintergrund der Affenpocken, wieder mehr auf dem Schirm haben.