RTL News>Gesundheit>

Affenpocken-Ausbruch: Kommt die Pockenimpfung zurück?

Sehr gute Therapie für Infizierte verfügbar

Affenpocken-Ausbruch: Kommt die Pockenimpfung zurück?

ARCHIV - 20.05.2022, Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Narbe einer Pockenimpfung ist an einem Oberarm sichtbar. Die Pocken zählten lange zu den gefährlichsten Krankheiten überhaupt für den Menschen. Impfstoffe brachten die Rettung, seit 1980 gilt di
Die Pockenimpfung hinterließ bei den Geimpften die charakteristische Impfnarbe.
bwe lop, dpa, Bernd Weißbrod

Die ungewöhnlichen Fälle von Affenpocken in westlichen Ländern sorgen bei vielen Menschen für ein Déjà-vu: Brauchen wir wie bei Corona mehr Impfschutz in der Bevölkerung?

Lese-Tipp: Alle Neuigkeiten zum Affenpocken-Ausbruch finden Sie in unserem Live-Ticker

1980 erklärte die WHO die Ausrottung der Pocken

Bis heute zeugt die Narbe am Oberarm vieler Erwachsener davon: 1967 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine weltweite Impfkampagne gegen Pocken, im Zuge derer Milliarden geimpft wurden. Es war der Anfang vom Ende der Krankheit. Sie hatte zuvor jahrtausendelang gewütet. Selbst bei ägyptischen Mumien fanden sich pockenähnliche Hautausschläge. Drei von zehn Infizierten starben nach Angaben der US-Seuchenschutzbehörde CDC. Bereits 1980 erklärte die WHO die Ausrottung der Pocken weltweit.

Lese-Tipp: Drei bestätigte Affenpocken-Fälle in Köln

Gegen Affenpocken gibt es aktuell keine zugelassene Impfung

ARCHIV - 26.03.1967, Niedersachsen, Hannover: Eine Familie geht zur Pockenschutzimpfung. (zu dpa "(zu dpa "Kommt die Pockenimpfung mit dem Affenpocken-Ausbruch zurück?") Foto: Wolfgang Weihs/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Pockenschutzimpfung in Hannover 1967
rh jai, dpa, Wolfgang Weihs

Seit dem Ende von Pockenimpfungen – die Pflicht zur Erstimpfung wurde etwa in der BRD 1976 und in der DDR 1982 aufgehoben – sind allerdings immer weniger Menschen gegen das Variolavirus immun, das die Pocken hervorruft. Mit der derzeit ungewöhnlichen Häufung von Affenpockenfällen in westlichen Ländern durch einen verwandten Erreger, stellt sich die Frage nach erneuten Impfungen. Speziell gegen Affenpocken gibt es in Europa keine zugelassenen Impfstoffe. Allerdings nehmen Fachleute an, dass herkömmliche Pockenimpfstoffe einen gewissen Schutz bieten.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Älterer Pockenimpfstoff hat viele Nebenwirkungen

Die Bundesregierung hat laut einem Bericht für den Gesundheitsausschuss des Bundestages etwa 100 Millionen Dosen Pockenimpfstoff eingelagert. Dieses Vakzin sei wegen zu erwartender Nebenwirkungen jedoch nicht zum Einsatz gegen Affenpocken geeignet, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. „Der ältere Pockenimpfstoff hat viele Nebenwirkungen, zudem enthält er vermehrungsfähige Viren, die sich im Körper von immungeschwächten Menschen ausbreiten könnten“, sagte Stefan Kaufmann, emeritierter Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie.

MVA-Impfstoff aus den 1960ern

Daneben gibt es noch einen neueren Pockenimpfstoff, der auf einer Weiterentwicklung durch den Mikrobiologen Anton Mayr in den 1960er Jahren in Bayern basiert. Dabei werde ein im Labor abgeschwächtes Impfvirus genutzt, um eine Immunantwort gegen Pocken zu erzeugen, sagte der Wiener Facharzt für Impfen und Reisemedizin Herwig Kollaritsch. „Diese Impfung wurde in den 1960ern eine Zeit lang verwendet, aber nie in großem Stil. Sie ist besser verträglich, das Virus nicht mehr vermehrungsfähig“, sagte Kollaritsch, der Mitglied des österreichischen Pendants zur Ständigen Impfkommission Stiko ist. Fachleute sprechen kurz von MVA-Impfung. MVA steht für Modifiziertes Vacciniavirus Ankara.

Lese-Tipp: Fachärzte warnen vor zu viel Affenpocken-Aufregung

Britische Gesundheitsbehörden ordern mehr als 1000 Dosen

Das seit 2013 in der EU für Erwachsene gegen Pocken zugelassene MVA-Vakzin heißt Imvanex und kommt von der deutsch-dänischen Firma Bavarian Nordic. In den Vereinigten Staaten ist es bereits gegen Affenpocken zugelassen. Die WHO wies kürzlich darauf hin, dass es nicht flächendeckend verfügbar sei. Britische Gesundheitsbehörden haben jüngst mehr als 1000 Dosen davon an Kontaktpersonen von Affenpocken-Infizierten verabreicht.

Lauterbach kündigte prophylaktische Bestellung an

News Bilder des Tages 126. Deutscher Ärztetag in Bremen - Pressekonferenz zum Stand der Affenpocken-Epidemie in Deutschland - Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister mit Lothar H. Wieler, Präsident Robert-Koch-Institut RKI126. Deutscher Ärztetag i
RKI-Chef Lothar Wieler und Gesundheitsminister Karl Lauterbauch bei einer Pressekonferenz zum Stand der Affenpocken-Epidemie
www.imago-images.de, IMAGO/Chris Emil Janßen, IMAGO/Chris Emil Janssen

Auch Deutschland sorgt für den Fall vor, dass solche sogenannten Ringimpfungen bei Kontakten von Erkrankten notwendig werden sollten: Lauterbach kündigte die prophylaktische Bestellung von bis zu 40 000 Dosen Imvanex an. Konkrete Pläne, diesen auch zu verwenden, gebe es noch nicht. „Wir könnten diesen Impfstoff, sollte es notwendig werden, unmittelbar einsetzen“, sagte Lauterbach.

Lese-Tipp: Gesundheitsminister wollen Ausbreitung der Affenpocken verhindern

In dem neueren Impfstoff sieht Kollaritsch allenfalls ein Instrument, um Menschen zu impfen, die ein hohes Risiko haben, dem Erreger ausgesetzt zu sein, etwa Personal spezieller Isolierstationen. „Für die breite Bevölkerung wäre diese Impfung Unfug. Affenpocken sind wesentlich harmloser als die Pocken und infektionsepidemiologisch von viel geringerer Bedeutung. Wir müssen auch bedenken, dass eine sehr gute Therapie für Infizierte verfügbar ist.“ (Gisela Gross/dpa/ija)