Ein Schüler wirft mit Hammer, ein anderer steigt halb aus dem FensterLangeweile als Unterrichtsinhalt? Undercover-Recherche in Waldorfschule wirft Fragen auf

Geschichtsunterricht? Heute lieber Garten!
Bei ihrem Undercover-Einsatz an einer Waldorfschule in Rheinland-Pfalz erlebt RTL-Reporterin Antonia Szenen, die sie irritierend findet. Statt festem Lernstoff stehen bei einem Lehrer anscheinend Gartenprojekte, „Sozialspielchen“ und sogar Langeweile auf dem Programm. Noch brisanter: Während der Lehrer bei einem Ausflug in den Garten nicht in unmittelbarer Nähe ist, fliegt plötzlich ein Hammer durch die Gegend – geworfen von einem Schüler. An einem anderen Tag hängt ein anderer Schüler mit einem Bein aus dem Fenster im zweiten Stock.

„Der Inhalt des Unterrichts ist nicht so wichtig“

Eigentlich hat die Mittelstufenklasse gerade Geschichtsunterricht. Doch der Klassenlehrer entscheidet, mit den rund 30 Schülerinnen und Schülern in den Garten zu gehen. „Also der Inhalt des Unterrichts ist nicht so wichtig, finde ich, ist zweitrangig“, erklärt er Antonia. Wichtiger sei die „entwicklungspsychologische Ebene“. Der Grund: Die Klasse sei sozial „ein bisschen auffällig“, die Kinder seien „viel gegeneinander“. Deshalb gehe er dienstags und freitags mit ihnen raus. „Freitags kommt ein Elternteil mit, dann mache ich so Sozialspielchen mit denen oder einfach Langeweile“, sagt der Lehrer. An anderen Tagen sollen die Schüler selbstständig Projekte im Garten entwickeln.

Nach rund eineinhalb Stunden geht es zurück ins Klassenzimmer. Der eigentliche Geschichtsunterricht dauert an diesem Tag nach Antonias Beobachtung gerade einmal etwa 15 Minuten.

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Fertig mit der Aufgabe? Dann heißt es: langweilen!

Auch am nächsten Tag bekommt die RTL-Reporterin einen ungewöhnlichen Einblick. Die Schüler sollen in Vierergruppen Aufgaben lösen und verteilen sich dafür im Schulgebäude. Wer fertig ist, darf sich laut Lehrer „hinsetzen und langweilen“. Antonia erlebt schließlich, wie die fertigen Schüler essen und miteinander reden, während andere noch arbeiten. Bei der gemeinsamen Auswertung zeigt sich dann: Viele Gruppen haben kaum etwas erarbeitet.

André Sebastiani, ausgebildeter Grund- und Sekundarschullehrer und Waldorf-Kritiker, sieht darin ein grundlegendes Problem: „Ich glaube, das Problem in dieser Klasse ist, dass der Lehrer kein Konzept hat. An Waldorfschulen habe ich ja noch nicht mal die Möglichkeit, über Noten irgendwie Druck zu machen. Und hier erfolgt da ja auch nichts. Wenn ich kein Ergebnis habe, dann habe ich kein Ergebnis. Wenn ich ein Ergebnis habe, dann setze ich mich halt wieder hin und langweile mich.”

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Hammer fliegt durch die Luft, Schüler hängt halb aus Fenster

Aus Antonias Sicht wird es jedoch nicht nur chaotisch, sondern teilweise gefährlich. Im Garten beobachtet sie eine Gruppe Jungen ohne Lehrer in unmittelbarer Nähe: Einer wirft einen Hammer durch die Gegend, ein anderer schlägt mit einer Spitzhacke auf einen Stein. „Da kann natürlich richtig was passieren“, urteilt Sebastiani über die Szenen.

Einen Tag später bleibt eine Gruppe zeitweise unbeaufsichtigt im Klassenraum. Schüler klettern auf Tische und Bänke – schließlich steigt ein Junge mit einem Bein aus einem Fenster im zweiten Stock. Erst als eine andere Lehrerin die Situation zufällig mitbekommt, gibt es Konsequenzen: „Ich lass dich jetzt abholen, das funktioniert so nicht“, kündigt der Lehrer dem Schüler an.

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Das sagt die Waldorfschule

Die Schule widerspricht der Schlussfolgerung, aus diesen Szenen lasse sich die allgemeine Qualität ihres Unterrichts ableiten. Sie erklärt: „Einzelne Beobachtungen oder Momentaufnahmen erlauben keine belastbaren Rückschlüsse auf die Qualität des Unterrichts insgesamt.“ Die Schule verstehe Bildung als „Verbindung von fachlichem Lernen, Persönlichkeitsentwicklung, Kreativität und sozialer Verantwortung“. Deshalb finde Unterricht bewusst in unterschiedlichen Lern- und Erfahrungsräumen statt. Sollten Situationen auftreten, die pädagogisch oder organisatorisch überprüft werden müssten, würden diese im Rahmen der bestehenden Verfahren aufgearbeitet.

Wie viel hängt vom einzelnen Waldorflehrer ab?

Für Antonia bleibt nach ihrem Einsatz vor allem eine Frage: Wie viel Freiheit ist zu viel? Der Klassenlehrer erzählt ihr selbst, in seinem Waldorf-Klassenlehrerstudium mit Wahlfach Gartenbau habe er „eigentlich eher Gartenbau studiert als andere Fächer“. Auch andere Lehrkräfte berichten im Laufe der Recherche teils von beruflichen Qualifikationen, die man nicht direkt mit dem Lehrerberuf in Verbindung bringen würde.

Die Schule hält dagegen: „Alle Schülerinnen und Schüler werden gezielt auf die staatlichen Schulabschlüsse (...) vorbereitet. Die Abschlussquoten und Ergebnisse unserer Schule liegen seit vielen Jahren im Landesdurchschnitt oder darüber.“ Und zur Qualifikation der Lehrkräfte heißt es: „Für die Qualitätssicherung, Unterrichtsorganisation und Aufsicht bestehen verbindliche Zuständigkeiten, Verfahren und Abstimmungsprozesse.“ Die jeweiligen Unterrichtsgenehmigungen für die Lehrkräfte würden nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben und unter Beteiligung der zuständigen Schulaufsichtsbehörden erteilt.

Doch die Szenen, die Antonia undercover erlebt, werfen zumindest die Frage auf, wie stark Unterrichtsqualität an einer Waldorfschule vom einzelnen Lehrer abhängen kann.

Die ganze #wallraffen-Reportage seht ihr ab sofort auf RTL+ oder heute am 24. August um 22.15 Uhr bei RTL.

Verwendete Quelle: RTL