Undercover in WaldorfschuleMehr Theater, weniger Deutsch und Mathe? Manche Mittelstufen-Schüler können hier offenbar nur „ganz wenig lesen”

Wie kann es sein, dass manche Schüler in der Mittelstufe hier offenbar kaum lesen können?
Bei ihren Undercover-Einsätzen an zwei Waldorfschulen erlebt RTL-Reporterin Antonia einen Schulalltag, der sie immer wieder überrascht: Hier scheint es wenig Zeit für Hauptfächer zu geben, dafür viel Raum für Gesang, Sprüche und Theaterproben. Dabei sollen Waldorfschulen als staatlich anerkannte Ersatzschulen grundsätzlich eine gleichwertige Schulform bieten.

Reporterin undercover an Waldorfschule in Sachsen

An einer freien Waldorfschule in Sachsen begleitet #wallraffen-Reporterin Antonia als Praktikantin eine Mittelstufenklasse. Sie selbst war als Kind und Jugendliche auf einer Waldorfschule. Gleich zu Beginn erfährt sie: In den kommenden Wochen soll sich der Unterricht immer stärker um die Proben für das Klassentheaterstück „Die Jungfrau von Orleans“ von Friedrich Schiller drehen. Fächer wie Mathe, Deutsch oder Geschichte sollen dafür seltener stattfinden.

Schon an Antonias erstem Tag wird nahezu während des gesamten Hauptunterrichts geprobt. Auch die folgende Religionsstunde möchte die Klassenlehrerin dafür nutzen. Offenbar nicht unüblich an Waldorfschulen. In ihrer Gestaltung sind Lehrkräfte deutlich freier als an öffentlichen Schulen. Kinder werden an Waldorfschulen von der ersten bis zur achten Klasse von einer Lehrkraft betreut, die Kernfächer wie Deutsch und Mathe unterrichtet. Zwar gibt es einen Waldorfschulenlehrplan, allerdings kaum Schulbücher und keine Noten. Die Unterrichtszeit für Theaterproben zu nutzen und dafür weniger Zeit für Kernfächer aufzuwenden, ist also durchaus möglich.

Auf Nachfrage schreibt die freie Waldorfschule in Sachsen: unter anderem „schulisch durchgeführte Theaterinszenierungen sind (...) ein wichtiges Element pädagogischer Binnendifferenzierung”.

Lese-Tipp: Was passiert in Deutschlands Waldorf-Klassenzimmern?

Jeden Tag Sprüche und Gesang

Bevor der Unterricht beginnt, steht zudem der sogenannte rhythmische Teil auf dem Programm: An einem Tag singen und rezitieren die Schüler ganze 17 Minuten unter anderem Sprüche von Waldorf-Begründer Rudolf Steiner. Der Visionär, Gelehrte und selbsternannte Hellseher entwickelte vor mehr als 100 Jahren die Waldorfpädagogik. Die Theorien des 1925 verstorbenen Mannes prägen den Unterricht an dieser Waldorfschule bis heute.

Die freie Waldorfschule schreibt dazu: „Die Morgenrunde stellt einen eminent wichtigen Teil des Klassenlebens in einer Waldorfschule dar. (...) Die von Ihnen benannten Zeiten sind daher angemessen.”

Anzeige:
Empfehlungen unserer Partner

Manche Schüler der Mittelstufe können offenbar kaum lesen

Wie Reporterin Antonia an einem Tag beobachtet, nehmen Gedichte und Zeugnissprüche sogar teilweise rund eine halbe Stunde der eigentlichen Geschichtsstunde ein. Im anschließenden Geschichtsunterricht sollen die Kinder einen Text von der Tafel abschreiben. Während das einigen problemlos gelingt, bekommen andere einen Lückentext und müssen lediglich einzelne Wörter ergänzen. Doch selbst das scheint ihnen schwerzufallen.

Die Lehrerin erzählt Antonia anschließend, zwei der Mittelstufen-Schüler hätten starke Probleme mit dem Lesen und Schreiben und könnten noch „ganz wenig lesen“. Sie erklärt weiter: „Die so mitzunehmen ist natürlich ... also ich vergesse es auch manchmal, weil da auch viele andere Kinder sind“. Auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) werde an dieser Schule erst in der fünften Klasse getestet. Zum Vergleich: An staatlichen Schulen werden Schüler in der Regel am Ende der zweiten oder zu Beginn der dritten Klasse auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche überprüft.

Das Team von #wallraffen zeigt die Aufnahmen einem Experten: André Sebastiani ist ausgebildeter Grund- und Sekundarschullehrer und Waldorfkritiker. Ihm zufolge ist eine frühe Testung auf eine mögliche Lese-Rechtschreib-Schwäche sehr wichtig, denn: „Man weiß, dass man möglichst früh mit dem Fördern ansetzen sollte bei einer LRS-Problematik. Das wird hier offensichtlich verpasst und zwar nicht als Betriebsunfall, sondern es gehört hier offensichtlich zum Konzept.”

Die Waldorfschule begründet das so: „Eine frühe Testung bringt entgegen Ihrer Behauptung keine validen Ergebnisse. Deshalb testen wir auf LRS erst in der 5. Klasse.“ Weiter heißt es: „Da in unserer Schule die Kinder bereits im 2. Schuljahr auf ihren Entwicklungsstand hin überprüft werden, halten wir ein Durchrutschen (...) für mehr als unwahrscheinlich.” Zudem würden Heilpädagogische Fachkräfte die Schüler auf möglichen Bedarfe einschätzen. 

Lese-Tipp: Erst Abrakadabra, dann Alphabet? So speziell wirkt die Ausbildung von Waldorflehrern

#wallraffen undercover in Waldorfschulen – jetzt auf RTL+ streamen!

Streaming Tipp
#wallraffen
Jetzt auf RTL+ streamen

RTL zeigt die Undercover-Recherche in #wallraffen am Montag, 24. August, um 22:15 Uhr. Schon jetzt ist die Folge auf RTL+ abrufbar.

Wie individuell werden Waldorfschüler gefördert?

Wie eine Lehrerin Antonia erzählt, sei aber auch das nicht immer so gewesen. Bis vor einigen Jahren soll hier an der Schule gar nicht getestet worden sein: „Da gab es Kolleginnen, die die Kinder so gedeckelt haben und gesagt haben, ‘nein, das ist okay, bei mir in der Klasse das braucht keine Förderung’. Und dann sind die in die Oberstufe gegangen und dann haben die gesagt: ‘Hallo, was ist hier los. Die können kaum lesen oder gar nicht lesen.’“

Laut einer anderen Lehrerin gebe es mittlerweile ab der fünften Klasse unter anderem eine wöchentliche LRS-Förderstunde. Die Schule ergänzt: „Die Anzahl der Förderstunden bestimmt sich nach den individuellen Bedürfnissen des betroffenen Kindes. (....) es gibt auch Förderschüler, die mehr Förderstunden pro Woche erhalten.“

Vier Monate zwischen zwei Mathe-Epochen im Matheheft

Auch beim Matheunterricht fällt Reporterin Antonia etwas auf: An Waldorfschulen werden bestimmte Fächer über mehrere Wochen schwerpunktmäßig in sogenannten Epochen unterrichtet. Das bedeutet, die Schüler haben etwa vier Wochen lang jeden Tag im Hauptunterricht, also in den ersten beiden Stunden, ein bestimmtes Fach.

Als eine Klasse die Prozentrechnung wiederholt, scheint von dem Thema allerdings nur wenig hängen geblieben zu sein. Für die Lehrerin, die nach eigener Aussage selbst kein Studium oder Abitur habe, offenbar überraschend: „Die tun so, als wenn sie das noch nie gehört hätten”, sagt sie zu Antonia. Wann die Lehrerin Mathe zuletzt durchgenommen hat, weiß sie aber offenbar nicht mehr genau.

Im Matheheft einer Schülerin entdeckt Antonia vor dem aktuellen Eintrag zuletzt einen vom 27. November 2025 – fast vier Monate zuvor. Für eine Schülerin scheinen die langen Abstände durchaus ein Problem zu sein, wie sie Antonia erzählt: „Ich vergesse meistens alles wieder.“

Die Schule schreibt dazu: „In allen Klassen findet wöchentlich Übungsunterricht in den Hauptfächern (Deutsch und Mathematik) statt. Der Umfang und der Zeitablauf einzelner Themen bemisst sich nach den Fragen der Schülerinnen und Schüler.“

Lese-Tipp: Langeweile als Unterrichtsinhalt? Undercover-Recherche in Waldorfschule wirft Fragen auf

Keine Bücher, aber viele Lücken?

Dass Lernlücken zum Problem werden können, den Eindruck gewinnt Antonia im Gespräch mit zwei Schülern, die bald Abitur machen. „Das war schon ein ganz schönes Chaos, vor allem in Mathe, da gab es viele Grundlagen nicht, weil wir da auch keine Bücher hatten. Die haben wir erst seit der Abiturzeit, also vor einem Jahr etwa bekommen”, sagt einer der Schüler.

Die Schule antwortet dazu nicht konkret, sondern verweist darauf, dass Waldorfschüler überdurchschnittlich gut bei den Prüfungen abschneiden würden und auch bessere Abiturergebnisse als Schüler an Regelschulen erzielen würden.

Reporterin Antonia beendet ihren Undercover-Einsatz an der Waldorf-Schule in Sachsen nach drei Wochen – mit einer persönlichen Erkenntnis aus ihrer eigenen Waldorf-Erfahrung an einer anderen Schule: „Ich selbst musste, als ich nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium gewechselt bin, zwei Jahre wiederholen, weil die Lücken so groß waren. Also von der abgeschlossenen zehnten zurück in die neunte Klasse. Das war mir lange Zeit ziemlich unangenehm und auch peinlich. Erst durch die Recherche habe ich verstanden, dass das nichts mit mir zu tun hat, sondern mit dem System Waldorf.”