#wallraffen undercoverWas passiert in Deutschlands Waldorf-Klassenzimmern?
Was geschieht an deutschen Waldorfschulen?
Um das herauszufinden, geht RTL-Reporterin Antonia an zwei Waldorfschulen und einem Waldorflehrer-Seminar undercover. Der Eindruck, den sie während ihrer Recherche erhält, erstaunt sie sehr. Denn neben Berichten über unzureichende Lehrerausbildung und Einflüssen esoterisch geprägter Lehren erlebt sie auch teils riskante Situationen im Unterricht.
Wie gut funktioniert das System Waldorf?
Rund 90.000 Kinder besuchen in Deutschland eine Waldorfschule – so viele wie nie zuvor. Der Staat unterstützt die Ersatzschulen mit mehr als einer halben Milliarde Euro jährlich*. Doch die Schulform gerät immer wieder in die Kritik. Wie gut funktioniert das System?
„Team Wallraff“-Reporterin Antonia, selbst ehemalige Waldorfschülerin, arbeitet undercover an zwei Waldorfschulen, besucht ein Seminar für angehende Waldorflehrer und spricht mit Lehrern, Eltern und Experten. Aus der Recherche über alternative Pädagogik wird der Blick in ein Schulsystem, das Fragen zur Qualität des Unterrichts und zur Qualifikation mancher Lehrkräfte aufwirft.
RTL zeigt die Undercover-Recherche in #wallraffen am Montag, 24. August, um 22:15 Uhr. Schon jetzt ist die Folge auf RTL+ abrufbar.

Schule zwischen Anthroposophie und Temperamenten
Die RTL-Reporterin dokumentiert bei ihren Einsätzen an Schulen in Sachsen und Rheinland-Pfalz sowie bei einem Seminar in Dresden, nach welchem Schulkonzept dort bis heute an diesen Waldorfschulen gelehrt sowie Lehrpersonal in waldorfpädagogischen Grundlagen ausgebildet wird. Einflüsse der über 100 Jahre alten Ideen des Waldorf-Gründers Rudolf Steiner werden dort nach wie vor sichtbar.
In Sachsen erlebt sie, wie eine Lehrerin Schüler auf Basis von Steiners „Anthroposophie“ nach „Temperamenten“ einteilt. André Sebastiani von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften bezeichnet die dahinterstehende Vorstellung als „rein esoterisches Weltbild“, für das es aus wissenschaftlicher Sicht keine Grundlage gebe. Auf die Frage, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage die Zuordnung erfolge, antwortet die Schule inhaltlich nicht.
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Abrakadabra im Waldorflehrer-Seminar
Im etwa 90-minütigen künstlerischen Teil des Grundlagenseminars sollen die Teilnehmer unter anderem Zaubersprüche in den „Temperamenten“ sprechen. Sie tanzen dabei durch den Raum und sprechen gemeinsam „Abrakadabra”. Das Dresdner Seminar erklärt, es handle sich bei diesem Angebot um eine künstlerische Annäherung an ein pädagogisches Thema. Rollenspiele würden auch an Universitäten zum Ausbildungsplan gehören und auch wissenschaftliche Werke über deutsche Literatur mit „Zaubersprüchen“ beginnen.
Manche Lehrkräfte, darunter viele Quereinsteiger, beschreiben ihre Ausbildung gegenüber der Reporterin als teils unzureichend. Schüler berichten von Wissenslücken bei grundlegenden Unterrichtsinhalten, Eltern von nicht hinreichend beachteten Lernschwierigkeiten bei ihren Kindern. Für Eltern kann es zudem schwer sein, den Wissensstand ihrer Kinder stets nachzuvollziehen: Lehrbücher gibt es kaum, stattdessen vor allem sogenannte Epochenhefte.
„Es bedeutet, der Lehrer ist die einzige Ressource der Wahrheit“, sagt Waldorflehrerin Judith Lürmann. Die Schulen teilen auf Anfrage mit, dass ihre Lehrkräfte nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben und unter Beteiligung der zuständigen Schulaufsichtsbehörden eingesetzt würden und über die jeweils erforderlichen Qualifikationen verfügten. Beide Schulen verweisen außerdem auf die Ergebnisse bei den staatlichen Abschlussprüfungen: In Rheinland-Pfalz lägen diese seit Jahren im oder über dem Landesdurchschnitt. Die Schule in Sachsen teilt mit, dass Waldorf-Abiturienten im Schnitt bessere Abiturergebnisse erzielten als Schüler aus Regelschulen.
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Kommt regulärer Unterrichtsstoff hier zu kurz?
An beiden Schulen erlebt die Reporterin Situationen, in denen aus ihrer Sicht regulärer Unterrichtsstoff zu kurz kommen könnte, etwa als in Sachsen über Wochen normaler Unterricht seltener stattfinden soll, um ein Theaterstück einzustudieren. Dazu teilt die Schule mit, „schulisch durchgeführte Theaterinszenierungen“ seien „ein wichtiges Element pädagogischer Binnendifferenzierung.“
In Rheinland-Pfalz erlebt Antonia Szenen ohne Lehreraufsicht mit potenziell gefährlichen Folgen: An einem Tag hantieren zwei Schüler mit Hammer und Spitzhacke, am nächsten steigt ein Junge mit einem Bein aus einem Fenster im zweiten Stock. Die Schule weist pauschale Rückschlüsse auf die Qualität des Unterrichts aus einzelnen Beobachtungen zurück und teilt mit: „Sollten im schulischen Alltag einzelne Situationen auftreten, die pädagogisch oder organisatorisch zu reflektieren sind, werden diese selbstverständlich im Rahmen der bestehenden Verfahren aufgearbeitet.“
Die #wallraffen-Recherchen zeigen ein System mit großen pädagogischen Freiheiten – und werfen Fragen auf: Entsprechen Unterricht und die wissenschaftliche Ausbildung der Lehrkräfte den Anforderungen, die Eltern, Kinder und der Staat an die Ersatzschulen stellen?
*Quelle: RTL-Anfrage bei den 16 Kultusministerien, Gesamtsumme für das Schuljahr 2024/25: mehr als 647 Millionen Euro



