Undercover bei Jugendreisen„Bitte versteckt den Alkohol!” Bekommen Jugendliche bei Fun-Reisen eine Anleitung zum illegalen Saufen?
„Wenn ihr im Hotel vortrinken möchtet, bitte bitte bitte versteckt den Alkohol.”
Ein vermutlich gut gemeinter Tipp, der allerdings nicht von einem leichtsinnigen Teenager gegeben wird, sondern von Betreuern eines großen deutschen Jugendreiseanbieters. Nicht der einzige „Rat”, den Minderjährige hier offenbar bekommen, um möglichst wild feiern zu können. Geht es hier überhaupt noch um eine begleitete Jugendreise – oder vielmehr um einen begleiteten Absturz?
„Wie wollt ihr wissen, dass die nicht in einer Gosse liegen?”
„Team Wallraff”-Reporterin Michelle reist als Teamerin für Fun-Reisen nach Malgrat de mar in Spanien. Das Unternehmen bietet zwei verschiedenen Arten der Jugendreise an. „Fit” richtet sich an Teilnehmer ab 14 Jahren. Hier werden die Jugendlichen laut dem Unternehmen während des Urlaubs betreut und stärker beaufsichtigt. „Fun” ist für Jugendliche ab 16 Jahren gedacht. Der Unterschied: Hier werden sie nicht mehr betreut, sondern nur begleitet – und haben so mehr Freiheiten.
Eine erste Ahnung davon, was das genau bedeutet, bekommt Michelle bei der Abfahrt am Busbahnhof in Köln. Als die besorgte Mutter eines Teilnehmers Michelle und eine andere Teamerin danach fragt, wann Jugendliche unter 18 Jahren aus den Clubs rausmüssen, sagt Teamerin Luisa*, dass es eigentlich keine Grenze gebe. Sichtlich schockiert hakt die Mutter nach: „Wie wollt ihr denn wissen, dass die nicht in einer Gosse liegen?” Luisa erklärt, dass es sich nicht um eine betreute, sondern eine begleitete Reise handele. „Das heißt, wenn wir irgendeine Info bekommen, dann sind wir natürlich sofort dabei und gucken.”
Im Gespräch mit Michelle hört sich das etwas anders an: „Ich kann auch nicht sagen: Wir passen auf alles auf, wenn wir das nicht tun. Die hatte ja richtig Panik.” Auch beim Thema Alkohol sieht Luisa es offenbar locker: „Ich hab schon an Abenden da gehangen. Also, da hätte ich ins Bett gebracht werden können.”
Fun schreibt auf Nachfrage von Team Wallraff, Eltern würden vor Abschluss des Reisevertrags intensiv darüber informiert, dass Teamer keine Aufsichtspflichten übernähmen. „Erst nach ausdrücklich erklärter Kenntnisnahme [...] ist eine Buchung möglich.”
Lese-Tipp: Team Wallraff undercover bei Jugendreisen – wie sicher sind Minderjährige hier wirklich?
Fun-Reiseleiterin: „Die Mischen, die schallern anders”
Dass die Teamer aber nicht nur keine Aufsicht übernehmen, sondern den Jugendlichen hier offenbar teilweise sogar Tipps zum illegalen Alkoholkonsum geben, zeigt sich „Team Wallraff”-Reporterin Michelle dann nach der Ankunft in Malgrat de mar bei der offiziellen Begrüßung der Gäste. Chef-Reiseleiterin Ina* begrüßt die Jugendlichen mit den Worten: „Seht uns nicht als eure Eltern, seht uns eher als großer Bruder, große Schwester, die euch zeigen wollen, wo die beste Party geht, wo es die günstigsten Cocktails gibt oder das beste Bier.”
Dieses „Versprechen” löst Ina auch direkt ein. Bei der Vorstellung der Partys, die während der kommenden Tage besucht werden können, folgt auch immer mal wieder ein Tipp für Jugendliche, die aufgrund ihres Alters noch keinen Alkohol trinken dürfen. „Wir gehen jeden Abend in eine Pre-Location. [...] Morgen geht’s nach Calella by Night. Da ist auch das Coole – da sind die 15-Jährigen wie 16, weil das in Calella noch ein bisschen anders läuft.” Das soll wohl heißen, dass es im Nachbarort auch Drinks für Jugendliche unter 16 gibt. Auf einer anderen Party warten laut Ina „70/30-Mischen” auf die Jugendlichen, die man nicht unterschätzen dürfe. „Da kriegt ihr wirklich was für euer Geld. Also die Mischen, die schallern anders.”
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„Stellt die Wodkaflaschen auf keinen Fall auf euren Tisch”
Dass auf Jugendreisen getrunken wird, ist wenig überraschend. Dass dies aber offenbar auch noch von den Organisatoren angeleitet wird, verwundert „Team Wallraff”- Reporterin Michelle. Immerhin kann man Alkohol in Spanien erst ab 18 Jahren legal kaufen. Im Internet schreibt Fun, die Teamer würden darauf achten, dass örtliche Regeln eingehalten werden.
Davon kriegt Michelle während ihres Undercover-Einsatzes wenig mit, stattdessen gibt es hilfreiche Tipps für Privatpartys: „Wenn ihr bei euch im Hotel vortrinken möchtet, bitte, bitte, bitte versteckt den Alkohol. Stellt die Wodkaflaschen auf keinen Fall auf euren Tisch. Kein Bierchen auf den Tisch stellen. Alles verstecken und den Müll auch rausbringen, ohne dass die das checken. Das Problem ist: Ihr seid minderjährig oder viele von euch, also sprich 16 oder 17 und in Spanien ist es erst erlaubt, Alkohol zu trinken ab 18. Natürlich kriegt ihr in der Bar trotzdem was oder im Club. Aber wenn das Hotel das sieht, dann können die euch rausschmeißen und das machen die auch.”
Als Team Wallraff dem Reise-Experten Ralf Benkö die Undercover-Aufnahmen zeigt, ist er schockiert: „Das war ja quasi schon eine Anleitung, wie sie Regeln oder vielleicht sogar Gesetze brechen.”
Fun erklärt dazu: „Da für volljährige Gäste der Konsum von alkoholischen Getränken nicht verboten ist, weisen wir ausdrücklich auf die Hausordnung der Hotels [...] hin.” Die verbiete in den meisten Hotels Alkohol auf den Zimmern. Fun sei verpflichtet, dies bei den Infoveranstaltungen weiterzugeben.
Trinkwillige Jugendliche als Geschäftsmodell?
Die Tipps der Reiseleitung sowie die Partys, die auf die Jugendlichen warten, kommen offenbar gut an: In kürzester Zeit kaufen die Teilnehmer VIP-Karten für Ausflüge mit integrierter Alkohol-Flatrate. Für die Mitarbeiter gibt es für die verkauften Tickets eine Provision. Sind trinkwillige Minderjährige hier das Geschäftsmodell?
Unter den Ausflügen und Aktivitäten könnten auch Events mit speziellen Ermäßigungen für Getränke sein, schreibt Fun: „[...] selbstverständlich im Rahmen der anzuwendenden Jugendschutzgesetze und Vorschriften.”
Video-Playlist zu Team Wallraff
01:38Undercover bei Jugendreisen: Wie sicher sind Minderjährige bei Ruf, Fun und Go?
06:50Trinkwillige Jugendliche als Geschäftsmodell von Jugendreisen?
10:39Bekommen Jugendliche bei Fun-Reisen eine Anleitung zum illegalen Saufen?
14:43Go-Jugendreisen: Komasaufen und K.o-Tropfen?
05:45Viel Theater und Eurythmie, dafür auch mal weniger Deutsch und Mathe?
05:26Können manche Waldorfschüler der Mittelstufe nicht richtig lesen?
08:28Abrakadabra? So speziell wirkt die Ausbildung von Waldorflehrern
04:55Laut Matheheft: Vier Monate Pause zwischen zwei Mathe-Epochen?
05:42Langeweile als Unterrichtsinhalt?
Getränke-Deals bis zum Umfallen?
Wie häufig es diese „Deals” zu geben scheint, bemerken alle „Team Wallraff”-Reporterinnen während ihrer Undercover-Einsätze bei den Jugendreisen von Ruf, Fun und Go. Zum Vortrinken besuchen die Jugendreise-Gruppen verschiedene Bars, mit denen die Veranstalter kooperieren. Ausgeschenkt werden aber nicht nur antialkoholische Getränke oder Bier, sondern auch Hochprozentiges und Cocktails, gerne in Form von Fünf-Liter-Towern zum Selbstzapfen.
„Team Wallraff”-Reporterin Jana fragt in einigen Bars im Partyort Lloret de mar in Spanien nach. Wie einige Barkeeper ihr erzählen, handele es sich um spezielle Vereinbarungen inklusive spezieller Gruppenpreise, die zwischen den Gastronomen und den Jugendreiseveranstaltern gelten. Für Jana klingt das nach einem lukrativen Geschäft: Pro Abend besuchen so vermutlich mehrere Hundert Jugendliche die Bars und Clubs. Drücken diese im Gegenzug ein Auge zu beim Ausschank von Alkohol an Minderjährige?
Jana fragt bei einer Fun-Teamerin nach, wie das System mit den Jugendreisegruppen in Bars funktioniert. Sie erklärt, dass die Teilnehmer eine Clubkarte hätten. „Einmal 60 Euro und dann kannst du sieben Tage in jeden Club kostenlos rein und dann kriegst du noch so Getränke-Deals.” An Alkohol zu kommen sei dann wegen der Bändchen vom Jugenreiseveranstalter kein Problem.
Dazu äußert sich Fun wie folgt: „Unsere Kooperationspartner*innen sind über die Alterszusammensetzung unserer Gäste informiert und erhalten vorab alle erforderlichen Informationen. Die Altersgruppe unserer Gäste ist anhand verschiedener Armbänder erkennbar.”
Während der Undercover-Einsätze vor Ort erleben alle „Team Wallraff”-Reporterinnen, dass bei Ruf, Go und Fun Jugendliche gegen geltendes Recht in Bars und Clubs hochprozentigen Alkohol bekommen. Mit teils gravierenden Folgen: Auch Jana sieht in Lloret de mar immer wieder Jugendliche, die auf dem Boden liegen oder sitzen, einige übergeben sich, andere müssen gestützt werden. Ein Bild, das die Eltern der Jugendlichen bei der Buchung einer begleiteten oder betreuten Reise vermutlich nicht vor Augen hatten.
*Name von der Redaktion geändert
Verwendete Quelle: RTL




