Ruf, Fun und Go im Recherche-VisierTeam Wallraff undercover bei Jugendreisen – wie sicher sind Minderjährige hier wirklich?

Wie viel Freiheit ist zu viel?
Jugendreiseanbieter versprechen Teenagern Party, Sonne, Abenteuer – und Eltern Sicherheit. Doch immer wieder berichten Jugendliche im Netz von Alkoholexzessen oder verdächtigen Substanzen in Getränken. Um den Vorwürfen nachzugehen, recherchiert Team Wallraff undercover bei den drei größten kommerziellen Jugendreiseanbietern Ruf, Fun/Fit und Go in Lloret de Mar und Malgrat de Mar. Wie gut schützen sie Minderjährige, wenn die nachts durch Bars und Clubs ziehen? Sind die meist jungen Teamer auf Notfälle vorbereitet? Und welche Rolle spielt Alkohol in einem Geschäft, das von Partys und Ausflügen lebt?

Mädchen bricht bei Ruf-Reise zusammen: Kein Rettungswagen nötig?

Bei allen drei untersuchten Anbietern beobachten die Undercover-Reporterinnen, wie Minderjährige Alkohol bekommen – obwohl die spanischen Gesetze das eigentlich untersagen. So auch bei Ruf: Reporterin Sophia arbeitet dort undercover als „Night Guard“ und kümmert sich um einen weiblichen Gast, der nach einer Party kaum ansprechbar ins Hotel zurückgebracht wird. Als die Jugendliche von mehreren Personen in ihr Zimmer getragen wird, bricht sie auf dem Weg mehrfach zusammen und lässt den Kopf immer wieder nach hinten sacken.

Die Teamer sind unsicher, ob die Betroffene medizinische Hilfe braucht, und kontaktieren eine Vorgesetzte. Ein Rettungswagen wird schließlich nicht gerufen: Die Chefin äußert die Einschätzung, dieser werde wegen einer Alkoholisierung ohnehin nicht kommen.

Ruf äußert sich nicht zu diesem konkreten Fall. Der Anbieter verweist jedoch auf „klare Handlungsvorgaben“ für medizinische Notfälle. Mitarbeitende seien „darin geschult, Gefahrensituationen zu erkennen und das vor Ort vorhandene medizinische System konsequent einzubinden“. Beim Umgang mit Alkohol gelten laut Ruf „in erster Linie die gesetzlichen Vorgaben des jeweiligen Reiselandes“. Von Praktiken, die diese Vorgaben umgingen oder die Sicherheit der Teilnehmenden gefährdeten, distanziere man sich ausdrücklich und gehe entsprechenden Hinweisen nach.

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Fun-Reisen: Alkohol immer wieder Teil der Partywerbung

Bei einer Begrüßungsveranstaltung des Anbieters Fun erlebt Reporterin Michelle, wie Partys und Ausflüge immer wieder mit alkoholischen Getränken beworben werden. Bei einem Katamaran-Ausflug heißt es zwar, Minderjährige bekämen nur Softdrinks. Zugleich wird allerdings angedeutet, Gäste seien „schlau“ und würden sich manchmal etwas einfallen lassen. Eine Partynacht in Lloret de Mar wird außerdem mit besonders starken Mischgetränken beworben, die „anders schallern“ würden und Minderjährige bekommen den Hinweis, Alkohol beim Vortrinken im Hotel zu verstecken.

Fun erklärt dazu, Ausflüge und Aktivitäten könnten „im Rahmen der anzuwendenden Jugendschutzgesetze und Vorschriften“ auch Veranstaltungen mit speziellen Getränkeermäßigungen umfassen. Außerdem sei Fun verpflichtet, bei Infoveranstaltungen „ausdrücklich auf die Hausordnung der Hotels“ hinzuweisen, die Alkohol auf den Zimmern meistens verbiete.

Go-Reisen: Stark betrunkene 15-Jährige

Bei einer von Go organisierten Party sollen rote Armbänder zeigen, wer keinen Alkohol trinken darf. Trotzdem sieht Reporterin Julia im Sanitätsraum einer Großraumdiskothek mehrere stark alkoholisierte Jugendliche – auch unter 16-Jährige.

Go erklärt auf Anfrage, detaillierte Fragen zu Ereignissen aus der Saison 2025 ohne genauere Angaben nicht beantworten zu können. Grundsätzlich biete das Partyreisekonzept nach eigener Darstellung „mit den besten Standard in der Branche“.

Teamer trinken selbst – und sollen trotzdem im Notfall helfen

Wie gut sind die häufig jungen Teamer, die die Jugendreisen begleiten, vorbereitet? Teilweise bestehen sie vor ihrem Einsatz lediglich mehrstündige Online-Schulungen. Reporterin Michelle muss wegen ihres kurzfristigen Einsatzes den obligatorischen Erste-Hilfe-Kurs nicht nachweisen. Auch ihr Führungszeugnis liegt bei Arbeitsbeginn noch nicht vor.

Fun erklärt, bei Teamern mit besonderen Vorerfahrungen könne in Einzelfällen auf eine mehrtägige Schulung verzichtet werden. Stehe eine Reise kurz bevor, könne dies einen begründeten Einzelfall darstellen. Fehlende Unterlagen könnten dann nachgereicht werden.

Die Reporterinnen beobachten außerdem Teamer, die selbst Alkohol trinken, obwohl sie Jugendliche nachts begleiten und im Notfall helfen sollen. Eine Fun-Teamerin berichtet, sie habe trotz eigenen Alkoholkonsums einen Jugendlichen ins Krankenhaus gefahren, weil ihre Kollegen noch betrunkener gewesen seien.

Fun erklärt dagegen, täglich würden mehrere Mitarbeitende eingeteilt, die keinen Alkohol tränken und nachts für Notfälle bereitstünden.

Mehrere Verdachtsfälle auf K.-o.-Tropfen und sexuelle Übergriffe

Brisant sind auch mehrere Verdachtsfälle auf K.-o.-Tropfen bei Partys von Go und Ruf. Eine 16-jährige Ruf-Teilnehmerin erzählt von Erinnerungslücken und äußert den Verdacht, ihr sei etwas ins Getränk geschüttet worden.

Ruf erklärt dazu, für einen Verdacht auf K.-o.-Tropfen gebe es „klare Meldewege“: „Unsere Teamer sind angehalten, solche Situationen unverzüglich an Mitarbeitende mit Entscheidungsbefugnis zu melden.“

Außerdem stößt das Reporterteam auf Hinweise zu möglichen sexualisierten Übergriffen: In einem Fall erfährt Reporterin Sophia, dass eine 16-Jährige eine andere Minderjährige beim Oralsex gefilmt und das Video anderen gezeigt haben soll. Konsequenzen gibt es für das Mädchen offenbar keine.

Ruf äußert sich zum konkreten Fall nicht. Der Anbieter erklärt grundsätzlich, bestätigte Verstöße hätten Konsequenzen. Bei Minderjährigen würden die Erziehungsberechtigten informiert und das weitere Vorgehen gemeinsam mit ihnen entschieden.

Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, sagt zu den Rechercheergebnissen: „Das hat mit Jugendschutz logischerweise nichts zu tun. Hier muss man ganz klar sagen, Anbieter sind in der Verantwortung und stehen in der Haftung.“

Die gesamte Reportage von Team Wallraff seht ihr am 30. September 2026 um 20.15 Uhr bei RTL und schon ab 18.45 auf RTL+.

Verwendete Quelle: RTL