Drogenprävention in NRWTod mit 24 Jahren: Wie Tilmans Familie seinen Fentanyl-Tod zur Warnung an Schulen macht

von Niklas Bönsch

Tilman Holze war 24 Jahre alt, als er an einer Fentanyl-Überdosis starb. Neun Jahre später besucht seine Mutter Christiane noch immer fast täglich sein Grab bei Münster. Doch aus der Trauer haben seine Eltern etwas gemacht: Sie kämpfen an Schulen gegen den Drogentod – mit Tilmans Geschichte.

Vom ersten Joint zur tödlichen Substanz

Es beginnt scheinbar harmlos: Mit sechzehn Jahren raucht Tilman seinen ersten Joint. Was als gelegentlicher Konsum beginnt, eskaliert schnell. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Tobias erkennt früh, dass der Bruder nicht mehr nur zum Spaß konsumiert, sondern auch alleine. Immer, nicht nur zu besonderen Anlässen.

Doppelleben zwischen Schule und Abenteuerspielplatz

Tilmans Eltern Christiane und Erhard ahnen lange nichts. Morgens verlässt ihr Sohn pünktlich das Haus. Doch sein Ziel ist nicht die Schule, sondern ein Abenteuerspielplatz in der Nähe. Unter einem Piratenboot hat er Isomatte und Schlafsack deponiert, stellt sich den Wecker, schläft seinen Rausch aus und kommt nachmittags zurück, als wäre nichts gewesen. Als die Eltern ihn konfrontieren, streitet er alles ab und reagiert mit Vorwürfen an seine Mutter, sie bilde sich das nur ein. Das Abitur schafft er dennoch, mit Mühe.

Anzeige:
Empfehlungen unserer Partner

Niederlande als Wendepunkt

Tilmans Traum ist ein Psychologie-Studium, doch der Numerus Clausus reicht für keine deutsche Universität. Er versucht einen Neustart in den Niederlanden, doch seine WG-Mitbewohner konsumieren anscheinend noch härter Drogen als er. Im Nachbarland bekommt er Zugang zu Substanzen, die es in Deutschland so leicht nicht gibt. Seine Eltern vermuten, dass er dort erstmals mit Opioiden in Kontakt kommt. Fentanyl ist der Stoff dieser Substanzklasse: synthetisch hergestellt, hundertmal stärker als Morphin, kaum dosierbar. Schon zwei Milligramm können töten.

Entgiftung, Rückfall – und das bestellte Gift per Post

Nach dem Abbruch seines Studiums macht Tilman eine kaufmännische Ausbildung und findet Halt bei seinem Chef, bis dieser stirbt. Tilman verliert die Stelle, findet zwar eine neue, doch der Absturz folgt. Er kehrt zu den Eltern zurück und durchläuft eine Entgiftung. Körperlich klappt es, aber die Sucht im Kopf bleibt. Noch aus der Entgiftungsklinik heraus bestellt er sich im Internet Fentanyl. Es wird per Post geliefert. Am Tag der Überdosis versucht er, einen Reha-Platz zu bekommen. Die Einrichtung verweist ihn an Tageskliniken in Köln: tägliche Hin- und Rückfahrt. Keine Option für jemanden, der durch schwere Drogenangstattacken kaum lange Zugreisen erträgt. Seine Mutter findet ihn in seinem Zimmer, Er liegt am Nachmittag reglos hinter der Tür. Tilman atmet nicht mehr, hat keinen Herzschlag, seine Haut ist bereits blau. Drei Tage auf der Intensivstation, dann stirbt Tilman Holze.

Trauer, die den Körper erschüttert

Die Familie bricht unter dem Verlust zusammen. Christiane Holze beschreibt ihre Trauer als beinahe animalisch: nichts Intellektuelles, nichts Geistiges, nur roher körperlicher Schmerz. Bruder Tobias macht eine Psychotherapie. Vater Erhard erleidet einen schweren Herzinfarkt. Mutter Christiane kämpft mit dem Willen weiterzuleben. Sein Grab bei Münster ist für sie einer der wenigen Orte, an dem sie ihrem Sohn noch nah sein kann.

Aus Schmerz wird Stiftung

Drei Jahre nach Tilmans Tod gründen die Eltern eine Stiftung in seinem Namen. Sie wollen mit Tilmans tragische Geschichte aufklären. Vor den Sommerferien besuchen sie zum Beispiel die Marienschule Münster, wo rund hundert Zehntklässlerinnen ihren Worten lauschen. Sie reden Klartext: über Tilmans Weg, über ihr eigenes Leid, über das Ende. Kein Buch könne das ersetzen, sagt Schulleiterin Marlies Baar. Erfahrungsberichte aus erster Hand seien ein unverzichtbarer Baustein in der Drogenprävention.

Junger Mitstreiter spricht auf Augenhöhe

Unterstützt werden die Holzes von Fabio Castrucci, BWL-Student und sogenannter Stiftungsfreund. Er klärt die Jugendlichen über die wachsende Gefahr synthetischer Cannabinoide in Vapes auf. Produkte, die längst in Kinderzimmern angekommen sind. Sie können Halluzinationen, Panik- und Angstattacken sowie schwere Psychosen auslösen. Als junger Mensch spricht er auf Augenhöhe mit den Schülern.

Die Zahlen geben ihnen recht

Die Vorträge reißen jedes Mal die Wunde neu auf und doch kommen die Holzes gerne. Denn die Empathie, mit der ihnen die Schüler begegnen, gibt Christiane Kraft. Neue Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigen, wie wichtig diese Arbeit ist: Im Jahr 2024 gab es insgesamt 441 Todesfälle durch Drogenmissbrauch in NRW, so viele wie seit 2008 nicht mehr. Wer selbst Hilfe sucht, findet sie bei Suchtberatungsstellen, über digitale Angebote oder in Entgiftungskliniken, die beim körperlichen Entzug medizinisch begleiten.

Ein Familiengrab als letztes Ziel

Eines Tages, so wünscht es sich Christiane Holze, wird auch sie neben Tilman liegen, zusammen mit ihrem Mann Erhard in einem Familiengrab. Bis dahin gehen sie weiter an Schulen, erzählen Tilmans Geschichte, rütteln auf. Damit sein Tod nicht vergebens war.