„Kein Gefängnis ist frei von Korruption“Justizskandal in NRW - Ein Ex-Häftling packt aus

von Stefan Efferth

In den nordrhein-westfälischen Gefängnissen kehrt vorerst keine Ruhe ein: In Siegburg wurde wohl gerade noch ein Aufstand in der Justizvollzugsanstalt verhindert. Jetzt will das Justizministerium alle 36 Haftanstalten des Landes genauer unter die Lupe nehmen. Ein ehemaliger Häftling behauptet: Der Skandal ist noch viel größer. In jedem Knast gebe es korrupte Vollzugsbeamte, die Drogen und Handys schmuggeln.

Sind noch mehr Haftanstalten betroffen?

In Nordrhein-Westfalens Gefängnissen wächst der Druck. Nach einem beinahe eskalierten Vorfall in der JVA Siegburg kündigt das Justizministerium umfassende Prüfungen an. Gleichzeitig erhob ein ehemaliger Häftling schwere Vorwürfe. Er sprach von systematischer Korruption und organisiertem Schmuggel hinter Gittern.

Schwere Vorwürfe aus dem Inneren

Der Mann, der aus Sicherheitsgründen anonym bleibt und hier „Marco S.“ genannt wird, saß mehr als fünf Jahre in verschiedenen Haftanstalten. Er berichtete von einem System, das kriminelle Strukturen begünstige. Beamte hätten Handys und Drogen gegen Geld in die Gefängnisse gebracht. Konkret schilderte er ein Geschäftsmodell: Ein JVA-Mitarbeiter soll ihm ein Handy verkauft haben. Preis: 1500 Euro. Kurz darauf sei das Gerät wieder eingezogen und weiterverkauft worden. Wer nicht mitspielte, habe Nachteile gespürt. Etwa bei der Möglichkeit zu telefonieren. Die Vorwürfe wiegen schwer. Belegen lassen sie sich bislang nicht. Doch bei Razzien werden regelmäßig verbotene Gegenstände gefunden. Handys und Drogen tauchen immer wieder auf. Der Weg in die Haftanstalten bleibt oft unklar. Marco S. sprach von „organisierter Kriminalität“. Schmuggelware komme auf vielfältigen Wegen hinein. Selbst alltägliche Gegenstände wie Milchpackungen würden genutzt. Es gehe um Geld. Und um ein System, das solche Praktiken dulde.

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Ministerium kündigt Prüfungen an

Das NRW-Justizministerium warnt vor pauschalen Urteilen. Gefängnisse könnten nicht vollständig abgeschottet werden. Es brauche Zugang für Anwälte, Angehörige und Lieferungen. Absolute Sicherheit sei daher nicht erreichbar. Ziel müsse es sein, Risiken zu minimieren. Genau deshalb sollen nun alle 36 Haftanstalten überprüft werden. Im Fokus stehen mögliche strukturelle Schwächen. Parallel läuft ein Verfahren. Marco S. ist gemeinsam mit einem Justizvollzugsbeamten angeklagt. Es geht um mutmaßlichen Handyhandel. Sollte der Beamte verurteilt werden, muss er unter Umständen selbst in Haft. Die Verteidigung des Ex-Häftlings erwartet hingegen einen Freispruch für seinen Mandanten.

Im Video: Interview mit Burkhard Benecken,  Strafverteidiger aus Marl