Abschied vom Essener Tafel-ChefJörg Sartor – ein Malocher mit großem Herzen hört auf

von Annalena Kirsten

Er ist das Gesicht der Essener Tafel: Jörg Sartor – ein Mann mit großem Herzen für Menschen, die jeden Cent mehrfach umdrehen müssen. Und er ist bekannt für klare Worte. Gut zwei Jahrzehnte hat er die Essener Tafel geprägt, Strukturen aufgebaut und dafür gesorgt, dass jede Woche rund 6.000 Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt werden. Für sein Engagement bekam er im August 2025 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen.

Ein Malocher mit großem Herzen

Bei der Ordensverleihung fand NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) deutliche Worte für den Tafel-Chef. Er nannte Sartor „einen Mann des ehrlichen offenen Wortes“ – und ergänzte, manche würden sagen, er sei manchmal auch ein „Bollerkopp“. Genau diese Mischung aus Empathie und Dickschädel hat Sartor über Jahre ausgezeichnet. Er war mehr als ein Organisator: Er hatte stets das Wohl der ehrenamtlichen Helfer und der Kunden im Blick.

Der umstrittene Aufnahmestopp

Bundesweit in die Schlagzeilen geriet der Essener Tafelchef im Jahr 2018. Damals beschloss der Verein, vorübergehend keine weiteren ausländischen Neukunden aufzunehmen. Die Entscheidung löste bundesweit eine hitzige Debatte aus und beschäftigte sogar die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sagte, das sei „nicht gut“, zeige aber auch den enormen Druck, unter dem Tafeln stehen. Die Essener Tafel wurde zur Zielscheibe von Kritik – und von Anfeindungen. Sartor verteidigte den Schritt immer wieder öffentlich. Ausländerfeindlichkeit, betonte er, habe damit nichts zu tun. Es sei ihm darum gegangen, die Verteilung gerechter zu gestalten und ein Gleichgewicht zwischen verschiedenen Kundengruppen herzustellen. In Interviews machte er klar, dass er den Druck auf die Tafel und die Grenzen ehrenamtlicher Strukturen sichtbar machen wollte – auch um die Politik zum Handeln zu bewegen.

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Im Video: „Locker vom Hocker“ mit Jörg Sartor

Klare Kante – auch im Buch

2019 veröffentlichte Jörg Sartor ein Buch, in dem er seiner Wut Luft machte. Darin kritisiert er vor allem die Politik, die seiner Ansicht nach zu wenig gegen Armut und soziale Ungleichheit unternimmt. Wie es sich für einen ehemaligen Steiger aus dem Ruhrgebiet gehört, nimmt er kein Blatt vor den Mund und formuliert seine Kritik im klaren, direkten Ton, den viele an ihm schätzen – während sich andere an ihm reiben.

Neues Zuhause für die Tafel – und der letzte große Schritt

Im Februar 2026 ist die Essener Tafel in einen neuen, deutlich größeren Standort umgezogen. Der Umzug war ein Kraftakt – und das letzte große Projekt von Jörg Sartor an der Spitze des Vereins. Nachdem der neue Standort läuft und die Strukturen stehen, zieht der langjährige Vorsitzende einen Schlussstrich. Für den Malocher aus dem Pott ist „Schicht im Schacht“ – und für die Essener Tafel beginnt ein neues Kapitel ohne ihren bekannten und kantigen Chef.