Wenn der Knall Geschichte schreibtBrücken, Kraftwerke, Hochhäuser – DAS sind die spektakulärsten Sprengungen in NRW

von Niklas Bönsch

Wenn der Countdown läuft, der Sprengmeister „3, 2, 1, Zündung!“ ruft und tonnenschwere Bauwerke in Sekunden zu Staub werden, schauen in Nordrhein-Westfalen ganze Regionen zu. Brücken, Kraftwerke, Hochhäuser: Vieles, was jahrelang den Horizont geprägt hat, ist inzwischen nur noch Erinnerung. Ein Blick zurück auf einige der eindrucksvollsten Abrisse im Westen.

Talbrücke Rinsdorf – Präzisionsarbeit über der A45

In Wilnsdorf (Kreis Siegen-Wittgenstein) ging es 2022 der Talbrücke Rinsdorf an den Kragen. Die Autobahnbrücke über die A45 war zu alt und zu marode. Eine Sanierung kam nicht mehr in Frage. Besonders heikel: Direkt neben der alten Konstruktion stand schon ein schmaler Teil der neuen Brücke, ebenfalls 70 Meter hoch. Für Sprengmeister Michael Schneider und sein Team bedeutete das Millimeterarbeit. Rund 1.850 Löcher wurden in den Beton gebohrt und später mit Sprengstoff bestückt. Zuvor stopfte man sie mit Papier, damit in der Zwischenzeit keine Fledermäuse hineinfliegen und dort überwintern können. Am Sprengtag ging der Plan auf: Die Brücke „ging in die Knie“ und klappte kontrolliert in sich zusammen. Zuschauer zeigten sich erleichtert, dass alles genauso gefallen ist wie berechnet. Drei Jahre später wurde der zweite Teil des Neubaus fertig und Zentimeter für Zentimeter an die erste Hälfte herangeschoben: 40.000 Tonnen Stahl und Beton mit zwei Zentimetern pro Minute.

Kraftwerk Lünen – Abschied vom Kohle-Koloss

2021 wurde das Steinkohlekraftwerk Lünen zur Bühne für die größte Sprengung Deutschlands in diesem Jahr. Das Kraftwerk, das knapp 80 Jahre unter anderem Bahnstrom produziert hatte, war schon drei Jahre zuvor vom Netz gegangen. Vorruheständler Ralf Melis arbeitete dort mehr als vier Jahrzehnte. Für ihn war der Tag von Herzklopfen, Nervosität und Wehmut geprägt: Mit dem Fall des Kraftwerks verschwinde auch ein Stück seines Lebens, sagte er. Das Gelände wurde am Morgen weiträumig evakuiert, die Sprengung für Schaulustige ins Netz gestreamt. Etwa 2.100 Bohrlöcher wurden gesetzt, 420 Kilogramm Sprengstoff eingebracht. Zuerst fiel der 250 Meter hohe Schornstein in einer sogenannten Faltung: der obere Teil nach Westen, der untere nach Osten. Danach folgten Kesselhaus und der 100 Meter hoher Kühlturm. Sprengmeister Michael Schewcow lobte die Teamleistung von Planung bis Ausführung. Die Firma Hagedorn aus Gütersloh ist für die Sprengung verantwortlich. Der Abriss-Gigant aus Ostwestfalen ist Spezialist für die Sprengung alter Industrie-Riesen und das Recycling der Flächen. Firmenchef Thomas Hagedorn zeigte sich erleichtert, dass alles „on point“ ins vorbereitete Fallbett geht. Auf dem Areal soll ein großes Logistikzentrum entstehen: aus Kohlegeschichte wird Wirtschaftsfläche.

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„Langer Oskar“ in Hagen – Betontanz mit Verspätung

Die bis zu diesem Zeitpunkt größte Innenstadt-Sprengung Deutschlands fand 2004 in Hagen statt. Das rund 100 Meter hohe Sparkassenhochhaus, genannt „Langer Oskar“ – angelehnt an den früheren Sparkassenchef Oskar Specht – sollte weichen. Rund 60 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Manche packten sicherheitshalber Wechselwäsche ein, falls das Hochhaus nicht wie geplant fällt. Andere reisten extra an und buchten Hotelzimmer. Zehntausende wollten den Knall sehen. Doch dann verzögerte ein Computerproblem den Start um 50 Minuten. Als die Ladungen schließlich zündeten, sackte der „Lange Oskar“ in drei Stufen in sich zusammen: ein unheimlicher Anblick, fanden viele. Kurz danach war vom einstigen Wahrzeichen nur noch ein 15 Meter hoher Trümmerhaufen übrig. Einige Anwohner freuten sich über den freien Blick auf Bäume statt Beton. „Trümmertouristen“ sicherten sich Schuttstücke als Erinnerungsstücke, fast wie nach dem Mauerfall.

Riesenbagger im Tagebau Inden – der Rauchring vom Absetzer

2018 wurde im Tagebau Inden ein Stahlgigant verabschiedet. Ein sogenannter Absetzer, der jahrzehntelang das ausgekohlte Loch hinter den Abraumbaggern wieder verfüllt hat, wurde nach 60 Dienstjahren gesprengt. In nur sechs Sekunden verwandelte sich das Ungetüm in 2.000 Tonnen Schrott. Sprengmeister Michael Schneider war vor der Zündung angespannt, aber hinterher hochzufrieden. Alles lief wie geplant. Besonderer Hingucker: Ein spektakulärer Rauchring, dessen Entstehung Schneider augenzwinkernd als Betriebsgeheimnis beschrieb. Wie ein Starkoch, der sein Rezept nicht verrät. Für ein Recyclingunternehmen aus Leverkusen begann dann die Feinarbeit: Schrottscheren zerlegen das Stahlfachwerk, Schneidbrenner zerteilen das Fahrwerk in transportfähige Stücke. Die Sprengung markierte symbolisch den Anfang vom Ende des Braunkohlebergbaus im Rheinischen Revier.

Müngersdorfer Stadion – wenn die Südkurve fällt

Im Januar 2002 traf es das Herz des Kölner Müngersdorfer Stadions: Die Südkurve wurde mit 50 Kilogramm Sprengstoff niedergelegt. Verantwortlich war Sprengmeister Helmut Roller aus Wuppertal, bekannt als „Captain Chaos“, weil bei früheren Einsätzen schon mal Stahlplatten umliegende Häuser trafen oder Schornsteine Schlammduschen verursachten. Peinlich ist ihm das nicht, betonte er damals, solange niemand verletzt wird. Das ist alles aber mehr als zwei Jahrzehnte her. Die Technik hat einen großen Schritt nach vorne gemacht. Helmut Roller war Ehrenvorsitzender des Deutschen Abbruchverbandes - stirbt Ende Zweitausenddreizehn. Seine Firma wurde von einem anderen Abbruchunternehmen übernommen. In Köln jedoch lief damals alles nach Plan: 250 Ladungen zündeten, die Tribüne brach kontrolliert zusammen. Für viele FC-Fans war es ein schmerzhafter Moment. Sie hatten mit der Kurve Auf- und Abstiege, Emotionen, ganze Äras verbunden. Gleichzeitig erkannten manche, dass Veränderung dazugehört: Der Neubau sollte moderner, sicherer und zukunftsfähig werden. Zwei Jahre lang verteilt sich das Publikum auf provisorische Ränge. 2004 ist das neue RheinEnergieSTADION dann fertig.

Rahmedetalbrücke – Erleichterung nach dem Chaos

Auf der A45 sorgt die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid (Märkischer Kreis) mehrere Jahre für ein Verkehrschaos. Die marode Brücke wurde gesperrt. Der Umleitungsverkehr legte die Stadt lahm. Anwohner waren genervt. Als 2023 endlich der Tag der Sprengung kam, war die Stimmung fast ausgelassen. Viele hofften auf einen sichtbaren Neuanfang mit einer neuen Brücke und damit weniger Verkehr durch die Stadt. Die 17.000 Tonnen schwere Brücke fiel wie geplant etwa 70 Meter tief, auf einen zuvor aufgeschütteten Erdhügel, der wie ein Kissen wirkte. Sprengmeister Michael Schneider erklärte später, die Brücke habe sich „artig“ genauso ins Fallbett gelegt, wie berechnet. So groß der Rumms - so klein die Erschütterung. In einem nahegelegenen Haus blieben mehr als über 250 kleine Engel-Figuren unbeschadet, für manche ein gutes Omen. Als Dank erhielt Schneider eine Engelchen geschenkt. Drei Jahre später wird dann der erste Teil der neuen Brücke freigegeben. Der Zweite soll Ende 2026 fertig sein.

„Weiße Riesen“ in Duisburg-Hochheide – Ende eines Beton-Kapitels

In Duisburg-Hochheide standen einst riesige Hochhäuser, die in den 1970er-Jahren als moderne Wohnträume galten. Mit den Jahrzehnten verkamen die sogenannten „Weißen Riesen“ zum sozialen Brennpunkt: Leerstand, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit. Ein Park sollte das Quartier aufwerten, für die neue Grünfläche mussten die Hochhäuser weichen. 2019 wurde das erste Problemgebäude gesprengt. Rund 2.500 Menschen mussten die Gefahrenzone verlassen. Für Medien waren die Bedingungen mit klarem Himmel und guter Sicht ideal. Sprengmeister Martin Hopfe hatte sich für den Staub lieber Sturm und Regen gewünscht. Die Staubwolke nach der Detonation war gewaltig. 48.000 Tonnen Schutt blieben zurück. NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) sprech von einem sichtbaren „Willen zur Gestaltung von Zukunft“.

Der letzte große Knall

Zweieinhalb Jahre später folgte der nächste „Weiße Riese“. Wieder wurden Hunderte Menschen evakuiert. Wieder stellten Kamerateams ihre Stative auf. Kioskbesitzer Jürgen Beckmann machte aus der Sprengung ein Geschäft: Beim ersten Mal verkaufte er „Böller-Bier“ mit Hochhausmotiv, diesmal gab es Süßigkeiten in Pappschachteln im „Weißer-Riese“-Design. 500 Kilogramm Sprengstoff brachten das Gebäude zum Einsturz. Für Sprengmeister Martin Hopfe war es ein besonderer Tag: Es war seine letzte Sprengung vor dem Ruhestand. Er beschrieb sie als seine „genialste“ in 38 Berufsjahren: Alles sei extrem schnell und wie geplant gelaufen. Bei der dritten und vorerst letzten Sprengung 2025 war er nur noch als Zuschauer dabei – und auch dieser Riese fiel, wie die Statikberechnungen es vorgesehen haben. Ob Stadion, Hochhaus oder marode Autobahnbrücke – jeder Abriss markiert ein Ende. Ist aber der Staub verzogen, startet eine neue Geschichte.