„Weitefeld hat weitaus mehr zu bieten“Ein Jahr nach Dreifachmord im Westerwald – Ort will sich nicht auf „schreckliche Tat reduzieren lassen”

In Weitefeld wohnen nur rund 2.250 Menschen. (Archivbild)
In Weitefeld wohnen nur rund 2.250 Menschen. (Archivbild)
Thomas Frey/dpa

Die Horrortat des Westerwald-Killers ist fast genau ein Jahr her!
Am 6. April 2025 erschütterte die Ermordung einer Familie in Weitefeld den Westerwald. Mutter, Vater und der 16-jährige Sohn werden ermordet. Monatelang wird nach dem mutmaßlichen Westerwald-Killer Alexander M. gesucht. Aber was macht so eine Horror-Tat mit dem Dorf?

Horrortat am 6. April 2025: Was war geschehen?

Am 6. April 2025 hatte die Polizei drei Tote in dem Einfamilienhaus im Kreis Altenkirchen entdeckt. Die Mutter wählte selbst noch den Notruf. Doch die 44-Jährige, ihr 47 Jahre alter Mann und der 16-jährige Sohn starben. Wenig später stand fest: Das Ehepaar verblutete nach Stich- und Schussverletzungen, der Jugendliche starb an einer Schussverletzung.

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Von dem Täter fehlte lange jede Spur. Hunderte Polizistinnen und Polizisten suchten in den folgenden Wochen immer wieder Gebiete rund um Weitefeld ab. Auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ wurde nach dem Verdächtigen gefahndet. Vier Monate später, am 5. August, wurde die Leiche eines Mannes rund einen Kilometer vom Tatort entfernt entdeckt. DNA-Untersuchungen ergaben: Es handelte sich um den gesuchten, 61 Jahre alten mutmaßlichen Dreifachmörder.

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Es gibt noch offene Fragen

Auch ein Jahr später sind viele Fragen rund um die Tat nach wie vor offen und werden vermutlich nie beantwortet werden können – so zum Beispiel das Motiv. Frühere Aussagen von Ermittlern deuten lediglich darauf hin, dass der Tat eine zufällige Begegnung zwischen Täter und einem der Opfer vorausging.

Der Fund der Leiche des Täters sorgte für eine gewisse Erleichterung in der Gemeinde, wie unter anderem der Ortsbürgermeister Karl-Heinz Keßler (parteilos) damals sagte. Aber kann ein Dorf einfach weitermachen? Dass das Haus einmal das Zuhause einer Familie in Weitefeld war, lässt sich ein Jahr nach dem Dreifachmord nur noch erahnen. Inmitten der schicken Einfamilienhäuser mit ihren gepflegten Gärten und frischen Anstrichen sticht das leere Heim heraus.

Die gelbe Hausfassade sieht mitgenommen aus, die Rollläden an der Vorderseite sind heruntergelassen, ein provisorisches Türschloss hängt über zwei Aufklebern mit dem Aufdruck „Amtlich versiegelt“. Im Garten hinter dem kaum hüfthohen, verrosteten Zaun wuchern Gräser und Gestrüpp, unter der höhergelegten Terrasse liegen Autoreifen und andere Gegenstände.

Bürgermeister: „Wollen uns nicht unter Wert verkaufen“

Den einzigen Funken von Farbe und Leben versprühen ein paar rosafarbene Hyazinthen und gelbe Narzissen im sonst eher verwelkten Vorgarten, die es über den kalten Winter geschafft haben und nun erblühen. Alle paar Minuten fahren Autos über die Kreuzung, die Fahrerinnen und Fahrer werfen dem Haus an der Ecke oft nur einen kurzen Blick zu. Durch die schreckliche Tat und die große Aufmerksamkeit, die sie auslöste, musste die Gemeinde mit ihren rund 2.400 Einwohnern einiges mitmachen.

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„Weitefeld hat weitaus mehr zu bieten, als diesen Fall“, sagt der Ortsbürgermeister im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben einen großen Kita-Ausbau, sind Träger der Grundschule, sind ein Wohnort mit tollen Firmen, etlichen Vereinen und christlichen Institutionen.“ Gerade bei diesen Einrichtungen hätten die Mitbürger in der schwierigen Zeit Trost und Zuspruch gefunden.

Inzwischen werden in der Gemeinde auch wieder Dorffest gefeiert, sagte Keßler. So gibt es in Weitefeld etwa das Schützenfest, das Brunnenfest des TUS Weitefeld-Langenbach sowie das Oktoberfest der Freiwilligen Feuerwehr. Auch einen Jugendtreff gibt es im Ort. Freizeitsportler finden auf den nahe gelegenen Rad- und Wanderwegen Platz zum Auspowern.

In Anbetracht all dessen ist dem Ortsbürgermeister eines besonders wichtig: „Wir wollen uns nicht unter Wert verkaufen und auf die schreckliche Tat reduzieren lassen – das alles macht unseren Ort aus!“, sagt er.

Bewohner von Weitefeld schätzen ihre Stadt

Ingeborg und Wolfgang aus Weitefeld kommen auf dem Weg ins Grüne an dem Haus vorbei. Für sie ist Weitefeld ein Zuhause, in dem sie gern leben, daran haben auch die schreckliche Tat und das große Aufsehen, das sie erregte, nichts geändert. „Wir haben hier alles – außer einen Arzt“, sagt Wolfgang. Besonders mag das Paar die Menschen der Gemeinde. Ihr Lieblingsort sind die Wanderwege, die unweit von dem leerstehenden Haus beginnen.

Auf dem Weg dorthin kommen sie an weiteren beeindruckenden Häusern vorbei, mit Kunstinstallationen oder Kinderspielzeugen im Garten und großen Garagen, in denen mehr als ein Auto Platz finden kann. Die Straßen sind sauber, an einigen Stellen deuten frische Spuren auf kürzlich verlegte Glasfaserkabel hin. Es wirkt modern und friedlich.

Auf den Wanderwegen ist Ulrike mit ihrem Hund unterwegs, das macht sie mehrmals täglich. Sie schätzt in Weitefeld besonders die aktiven Vereine oder auch die Dorfcafés, die regelmäßig veranstaltet werden und bei denen man bei Kaffee und Kuchen beisammen sein kann.

Ein weiterer Treffpunkt in der Gemeinde ist das Weitefelder Dönerhaus. Ein junger Mitarbeiter schwärmt geradezu vom Dorfleben. „Hier kommt man wirklich zur Ruhe“, sagt er und hebt auch das Gemeinschaftsgefühl hervor. Dass sich vieles sofort herumspricht, hat aus seiner Sicht auch gute Seiten: „Wenn jemand Hilfe braucht, zum Beispiel einen Dachdecker, dann kennt immer jemand jemanden, der jemanden kennt.“ (kfj/dpa)

Verwendete Quellen: DPA