Neue Zweifel im Fall Lucy LetbyIst die verurteilte Baby-Möderin nur ein „Sündenbock“?

Sie wurde wegen sieben Morden an Babys verurteilt und sitzt lebenslang hinter Gittern.
Doch jetzt stellt ein anonymer Krankenhausarzt den Fall Lucy Letby infrage. Er glaubt, dass massive Probleme auf der Neugeborenenstation eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten.
Fatale Verkettung von Faktoren, die sich gegenseitig verstärkt haben
Eine britische TV-Dokumentation wirft neue Fragen zu einem der aufsehenerregendsten Kriminalfälle des Landes auf. Wie die britische Boulevardzeitung The Sun vorab aus der Doku „Lucy Letby: Scapegoat?” berichtet, äußert ein anonymer Arzt schwere Bedenken an der Verurteilung der ehemaligen Krankenschwester. Der Mediziner hatte selbst als leitender Facharzt am Countess of Chester Hospital in Chester im Nordwesten Englands gearbeitet. Er hält es für möglich, dass Letby zum „Sündenbock“ für Probleme auf einer überlasteten Neugeborenenstation geworden sein könnte. Zugleich betont er ausdrücklich, dass seiner Ansicht nach niemand bewusst einen Mordfall konstruiert oder Letby absichtlich die Schuld zugeschoben habe.
Im Video: Die Verurteilung von Lucy Letby
„Ich mache mir große Sorgen, dass eine unschuldige Frau im Gefängnis sitzt, obwohl die Beweise dafür, dass sie tatsächlich etwas falsch gemacht hat, äußerst dürftig sind“, sagt der Arzt laut The Sun in der Dokumentation. Er selbst habe damals nicht geglaubt, dass sich ein Mörder auf der Station befunden habe. Stattdessen habe er eine einfachere Erklärung für die auffällige Zahl von Todesfällen und Zusammenbrüchen vermutet.
Station soll unterbesetzt und überlastet gewesen sein
Der Mediziner erhebt schwere Vorwürfe gegen die damaligen Zustände. Die Station sei als sogenanntes Level-2-Zentrum eingestuft gewesen und habe deshalb auch besonders früh geborene und schwer kranke Babys versorgen können. Nach Ansicht des Arztes fehlten dafür jedoch Personal und ausreichende medizinische Unterstützung. Gleichzeitig habe es einen Ausbruch des potenziell gefährlichen Bakteriums Pseudomonas in Wasserhähnen der Station gegeben.
Auch das Verhältnis zwischen qualifiziertem und nicht entsprechend qualifiziertem Personal habe unter der empfohlenen Quote von 80 zu 20 Prozent gelegen. Trotzdem seien dort Hochrisikopatienten behandelt worden. „Diese Station hätte nicht mehr als eine Level-1-Station sein können“, erklärt der Mediziner. Die Kombination aus Personalproblemen und dem Betrieb als Level-2-Einheit bezeichnet er als „Wahnsinn“. Der Arzt beschreibt die damalige Situation auf der Station als eine verhängnisvolle Kombination mehrerer Probleme.
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„Es ist durchaus möglich, dass Lucy Letby ein Sündenbock war“
Der Arzt vermutet keinen gezielten Komplott gegen die Krankenschwester. Vielmehr könnten Verantwortliche versucht haben, ihre eigenen Entscheidungen zu rechtfertigen. Dann fällt der wohl brisanteste Satz: „Meiner Ansicht nach ist es durchaus möglich, dass Lucy Letby ein Sündenbock war.“
Das Countess of Chester Hospital wollte sich zu den konkreten Vorwürfen nicht äußern und verwies auf laufende rechtliche Verfahren und Ermittlungen der Polizei von Cheshire. Zu gegebener Zeit wolle man über Maßnahmen informieren, mit denen Patientensicherheit und Aufsicht verbessert worden seien.
Lucy Letby wurde wegen sieben Baby-Morden verurteilt
An Letbys juristischer Situation ändern die Aussagen des anonymen Arztes zunächst nichts. Die frühere Krankenschwester wurde wegen des Mordes an sieben Babys und wegen versuchten Mordes an sieben weiteren Kindern in den Jahren 2015 und 2016 verurteilt. Sie verbüßt 15 lebenslange Haftstrafen ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung. Letby hat die Vorwürfe stets bestritten. Zwei Berufungsversuche scheiterten bereits.
Verwendete Quelle: The Sun
































