„Ich bin Skeptisch”Läuft für den Ostsee-Wal jetzt die Zeit ab?

von Ibrahim Kayed, Laura Rihm, Johanna Grewer und Rouven Schroth

Die Rettungsaktion verzögert sich!
Seit 18 Tagen sitzt ein Buckelwal im flachen Wasser vor der Insel Poel fest. Eigentlich sollte am Freitag die Rettungsaktion für das Tier anlaufen. Eine private Initiative will den Wal zurück in den Atlantik bringen. Doch am Nachmittag erfährt RTL, dass sich die Helfer für den Rest des Tages wieder zurückziehen wollen. Timmy, wie viele den Wal nennen, soll erst nochmal Ruhe bekommen. Die Wendung bringen kleine Sea-Scoouter!

Buckelwal „Timmy“ vor Poel: Sea-Scooter bringen Rettung voran – Walexperte Fabian Ritter warnt vor heiklem Einsatz

Am Morgen schlug das Tier, das viele vorher für schwer krank und geschwächt hielten, plötzlich mit seiner Schwanzflosse um sich. Nach RTL-Informationen liegt der Wal jetzt plötzlich Richtung Fahrrinne gedreht. Welche Auswirkungen das auf die geplante Rettung mit Luftpolstern und Pontons hat, ist noch nicht klar. Eigentlich sollte der Wal deshalb erstmal zur Ruhe kommen. Doch die Retter versuchten etwas unkonventionelles und hatten Erfolg.

Lese-Tipp: Proteste und Morddrohungen! Emotionen um gestrandeten Wal in Wismar kochen über

Rettungsaktion für den Buckelwal
1Ein Lebenszeichen! Der Buckelwal schlägt mit der Schwanzflosse um sich
jbu eis, Jens Büttner/dpa, Jens Büttner

Die Wende bringen sogenannte Sea-Scooter. Taucher nutzen die, um sich durchs Wasser ziehen zu lassen. Zwei Helfer steigen selbst ins Wasser zu dem 12 bis 15 Meter langen Meeressäuger. Statt Bagger oder Kräne nutzen sie Gerät im Wert von 500 Euro. Mit dem Wasser-Rückstoß dieser Scooter beginnen sie, den Sand unter Timmys Seitenflossen wegzublasen – vorsichtig, aber konsequent.

Die „Amateur-Technik“ wirkt schneller, als viele am Ufer zu hoffen wagten. Nach und nach werden die Seitenflossen – die Flipper – freigelegt, der schwere Sand um sie herum weggespült. Zum ersten Mal seit Tagen entsteht unter den Flossen ein richtiger Hohlraum, genau der Platz, der für die nächsten Schritte so entscheidend ist: Erst wenn die Flossen komplett frei sind, können Luftkissen oder Planen sicher unter den Wal geschoben werden, ohne ihn zusätzlich zu verletzen. Damit rückt der Moment näher, in dem „Timmy“ tatsächlich angehoben und Richtung Fahrrinne gebracht werden könnte.

„Heikles Unterfangen”

Doch während die Bilder vom Mut der Helfer und den kleinen Scootern Hoffnung machen, bleibt Walexperte Fabian Ritter grundsätzlich vorsichtig. „Stress kann man nicht ausschließen“, sagt der Meeresbiologe und Walforscher von der Umweltorganisation M.E.E.R. e.V., „aber das ist schwierig zu beurteilen.“ Für ihn steht fest: „Eins muss ganz oben stehen – das Wohl des Wals.“ Ritter begleitet den Fall seit Wochen kritisch, hat den neuen privaten Rettungsplan mehrfach als „heikles Unterfangen“ bezeichnet.

Er ordnet auch den Begriff „Rettung“ ein: „Ich bin sehr skeptisch gegenüber der Rettungsaktion“, sagt Ritter. Aus seiner Sicht handele es sich eher um eine Bergungsaktion – „gerettet ist er erst, wenn er im Nordatlantik ist, wo er hingehört, Nahrung aufnimmt und sich normal verhält. Bis dahin ist es ein weiter Weg.“

Anzeige:
Empfehlungen unserer Partner

Tierärztin der Rettungsinitiative ist sicher, dass der Wal noch eine Chance hat

Wissenschaftler, Experten von Behörden sowie Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen waren sich nach umfassender Prüfung zuletzt einig, dass der Wal Ruhe brauche und weitere Eingriffe dem Tier massive Schäden zufügen. Der Buckelwal sei orientierungslos und so schwach und geschädigt, dass er die Heimreise demnach nicht schaffen werde.

Streaming Tipp
RTL Aktuell
Jetzt auf RTL+ streamen

Entgegen dieser Experten-Einschätzungen, zeigte sich das Team der privaten Rettungsinitiative am Freitag optimistisch. Das seit mehr als zwei Wochen dort liegende Tier habe eine reelle Chance, dort wegzukommen, sagte Janine Bahr-van Gemmert, Tierärztin für Kleintiere und Leiterin eines Robbenzentrums auf Föhr, im Hafen von Kirchdorf auf Poel. „Wir versuchen im Sinne des Tieres, ohne Stress dieses Tier aus dieser misslichen Lage zu befreien.“

Lese-Tipp: Walrettung in der Ostsee: „Das Tier hat noch eine Chance”

Die heftigen Bewegungen des Wals am Morgen mit kräftigen Schlägen der Schwanzflosse, der Fluke, wertete sie als gutes Zeichen. „Er hat sich heute beim Umdrehen fast so ein bisschen hin- und hergewälzt.“ Das sei ein Zeichen, dass er keine großen Verletzungen habe. Der Wal zeige, dass er sich bewegen wolle. Die Tierärztin sagte weiter, an dem gegenwärtigen Ort könne der Wal nicht in Ruhe sterben. Die Umgebung sei völlig untypisch für ihn. (mit dpa)

Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherchen, dpa, nonstopnews