Sechs Angeklagte müssen sich ab dem 21. April vor Gericht verantwortenSeine Liebsten starben durch Pestizide in Istanbuler Hotel – die ewige Leere schmerzt Yilmaz Böcek

von Nils Fischer-Stahl und Svenja Hoffmann

„Wir lachen, wir reden, aber innerlich ist immer was leer. Es fehlt was.“
Im November 2025 stirbt innerhalb weniger Tage eine vierköpfige, deutsche Familie im Türkei-Urlaub. Wie später herauskommt, sind Mutter Çiğdem, Vater Servet, Sohn Kadir (5) und Tochter Masal (3) durch ein im Hotel verwendetes Insektizid zur Schädlingsbekämpfung ums Leben gekommen. Nun beginnt der Prozess gegen sechs Anklagte – vorab hat der Vater von Servet Böcek mit RTL gesprochen.

Nach Pestizid-Tod: Sechs Angeklagte vor Gericht

Als Familie Böcek im November plötzlich während ihres Urlaubs stirbt, gehen die Behörden zunächst von einer Lebensmittelvergiftung aus, denn die Familie kam mit Beschwerden wie Erbrechen und Übelkeit ins Krankenhaus. Todesursache war jedoch eine Vergiftung durch ein im Hotel verwendetes Insektizid zur Schädlingsbekämpfung, wie ein Gutachten später feststellte.

Vor dem Gericht in Istanbul müssen sich ab Dienstag (21. April) sechs Angeklagte wegen fahrlässiger Tötung verantworten, darunter sind Verantwortliche einer Schädlingsbekämpfungsfirma und der Manager des Hotels, in dem die Familie ihren Urlaub verbrachte. Berichten zufolge hatte das Unternehmen, das die Schädlingsbekämpfung durchgeführt hatte, keine Genehmigung.

Den Hinterbliebenen kann keine Strafe das wiederbringen, was ihnen genommen wurde.

Video-Tipp: So wollte sich das Hotel aus der Affäre ziehen

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Yilmaz Böcek will den Angeklagten persönlich in die Augen schauen

Çiğdem und Servet Böcek starben durch Pestizide im Istanbul-Urlaub.
Çiğdem und Servet Böcek sowie ihre beiden Kinder starben durch Pestizide im Istanbul-Urlaub.
Privat

„Ich habe meinen Sohn, meine Schwiegertochter und meine Enkelkinder [verloren]“, sagt Yilmaz Böcek, Vater des verstorbenen Servet Böcek, als RTL ihn vor Prozessbeginn zum Interview in Hamburg trifft. Hier hat auch sein Sohn mit seiner Familie gelebt.

Beim Prozessauftakt in Istanbul wird Yilmaz Böcek persönlich anwesend sein. Er wolle mit eigenen Augen sehen, was die Angeklagten zu ihrer Verteidigung zu sagen haben. Und er wolle dafür kämpfen, dass andere Familien nicht auch auf diese schreckliche Weise „ihre Liebsten verlieren“.

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„Diese Familie existiert nicht mehr”

Yilmaz Böcek bleiben nur Erinnerungen an die Familie seines Sohnes. Eine davon teilt der Großvater mit uns: Im Interview erzählt er, dass sein Sohn einen Peugeot gefahren sei. Da auf dem Logo ein Löwe abgebildet ist, habe sein Enkel Kadir auf die Frage, wie das Auto macht, immer „gebrüllt wie ein Löwe. Das hat Spaß gemacht.” Doch: „Diese Stimme höre ich jetzt nicht mehr“, so Yilmaz Böcek. „Es bleibt nur als Erinnerung, mehr nicht.“

Yilmaz Böcek bleiben nur Erinnerungen an seinen Enkel Kadir (†5).
Yilmaz Böcek bleiben nur Erinnerungen an seinen Enkel Kadir (†5).
Privat

Auch der Gedanke, dass seine Enkelkinder „nie erwachsen sein“ werden und dass es „keine Geburtstage mehr“ gibt, schmerze den zweifachen Großvater.

Doch „das Schlimmste, was ich erlebt habe“, erzählt Yilmaz B., sei gewesen, „als ich die Wohnung abgegeben habe von meinem Sohn“ – „leer, komplett leer. Du hörst keine Stimme mehr, du siehst keine Menschen mehr. […] Diese Familie existiert nicht mehr. Das war für mich wirklich das Schlimmste.“

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Yilmaz Böcek „will die ganze Wahrheit” erfahren

Was Yilmaz Böcek den Angeklagten vorwirft: „menschliches Versagen“. Erst „viel zu spät“ habe man der Familie geholfen. Vor Gericht wolle er denen, „die meine Kinder von mir weggenommen haben“, in die Augen schauen. „Ich will die ganze Wahrheit.“

Auch wenn dem Vater und Großvater kein Urteil seine Liebsten zurückbringen kann, hoffe er, dass der Ausgang des Prozesses andere vor dem Leid bewahren wird, das er selbst gerade durchlebt. Yilmaz Böcek bleibe nur eins: „Man muss nach vorne gucken.“

Verwendete Quelle: DPA, eigene RTL-Recherche