RTL-Reporter macht den Praxis-TestAbzocke mit Karies und Füllungen! Wie Zahnärzte gesunde Patienten um bis zu 1000 Euro bringen
Es ist ein Geschäft mit der Angst!
Karies, kaputte Füllungen und Rechnungen bis knapp 1000 Euro – dabei sind die Zähne unseres Testpatienten laut Gutachter gesund. Mit versteckter Kamera erleben wir in drei Zahnarztpraxen, wie aus einer harmlosen Routinekontrolle plötzlich eine teure Angelegenheit wird. Und Patientin Ines Chlindi erzählt, wie sie selbst nach einer Behandlung ihr Vertrauen verlor.
Gesunde Zähne – und plötzlich soll Tim fast 1000 Euro zahlen!
Für unseren Praxis-Test wird RTL-Kollege Tim zum Testpatienten. Bevor er mit versteckter Kamera drei Zahnarztpraxen besucht, untersucht Prof. Dr. Eberhardt Riedel seine Zähne gründlich. Der Zahnarzt und unabhängige Gutachter für Krankenkassen kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: „Behandlungsbedarf kann ich bei Ihnen jetzt klinisch, also beim Blick in den Mund, nicht erkennen.“ Mit dieser Diagnose geht Tim zur vermeintlich gewöhnlichen Routinekontrolle – und erlebt drei völlig andere Einschätzungen.

Schon die erste Ärztin entdeckt angeblich Karies an einem Backenzahn. Die Behandlung soll Tim 116 Euro Zuzahlung kosten. In der zweiten Praxis werden daraus gleich drei angebliche Kariesstellen. Pro Füllung werden 250 Euro veranschlagt, insgesamt also 750 Euro. Besonders brisant ist hier eine Vereinbarung über Privatleistungen, die Tim zuvor unterschreibt. Auf seine Nachfrage erklärt die Ärztin, die privatärztlichen Leistungen beträfen ihn als gesetzlich Versicherten nicht. Der spätere Kostenvoranschlag zeigt laut unserer Recherche allerdings etwas anderes.
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Eine weitere Praxis setzt noch einen drauf. Hier lautet die Diagnose dreimal Karies, zusätzlich sollen zwei vorhandene Füllungen beschädigt sein. „Sie müssen mit 180 bis 200 Euro pro Zahn rechnen“, heißt es dort. Knapp 1000 Euro könnten so zusammenkommen. Mit den Röntgenbildern geht es anschließend zurück zu Prof. Dr. Riedel.
Sein Urteil fällt deutlich aus: „Die Röntgenbilder zeigen nichts.“ Selbst dort, wo eine KI der Praxis Behandlungsbedarf markiert habe, erkenne er intakte Füllungen, „die man überhaupt nicht austauschen muss“. Für Riedel steckt hinter solchen Methoden ein gefährliches Prinzip: „Das ist das Geschäft mit der Angst. Das ist Panikmache zulasten der Gesundheit des Patienten.“
Ines Chlindi soll für vier Füllungen mehr als 520 Euro zahlen
Wie hilflos Patienten sich in einer solchen Situation fühlen können, zeigt der Fall von Ines Chlindi. Die damals 22-Jährige hat akute Zahnbeschwerden und gerade keinen festen Zahnarzt. Deshalb sucht sie online nach einer Praxis in ihrer Nähe, die kurzfristig einen Termin frei hat. Der Arzt wirkt auf sie vertrauenswürdig. Seine Diagnose: gleich vier Kariesstellen. Für die Füllungen berechnet die Praxis ein aufwendiges Verfahren, Chlindi soll mehr als 520 Euro privat zuzahlen. „Ich war erst mal ein bisschen verzweifelt, ehrlich gesagt. Ich war noch in der Ausbildung und 500 Euro jetzt einfach mal so zu zahlen, war natürlich sehr viel“, erinnert sie sich.
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Später vergleicht ein Gutachter die Röntgenaufnahmen, die vor und nach der Behandlung entstanden sind. Laut Reportage sind die Bilder beinahe identisch. Von den angeblich aufwendigen Füllungen sei keine entsprechende Veränderung zu erkennen. Noch schwerer wiegt die Einschätzung zu den ursprünglichen Diagnosen: Zwei der vier behandelten Zähne hätten laut Gutachter überhaupt keine Karies gehabt. Für Chlindi ist das ein Schock. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie man sich da fühlt“, sagt sie. „Ich dachte einfach: Wow, solche Menschen gibt es, die dich einfach für ihr Geld ausnutzen.“ Der Fall wird aktuell von der zuständigen Kammer geprüft.

Prof. Dr. Riedel rät bei teuren Behandlungen zur zweiten Meinung
Aus seiner Arbeit als Gutachter kennt Prof. Dr. Riedel noch andere Fälle, bei denen seiner Einschätzung nach Zähne vorschnell überkront oder sogar entfernt werden, um anschließend Implantate zu setzen. Auch bei privaten Zusatzleistungen sollten Patienten genau hinschauen. Problematisch kann es etwa werden, wenn eine Mehrkostenvereinbarung unterschrieben wird. Dann können für bestimmte Leistungen private Gebührensätze gelten, mit denen Patienten möglicherweise nicht gerechnet haben.
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Riedels Rat ist deshalb ebenso simpel wie wichtig: nichts vorschnell unterschreiben. Steht eine besonders teure oder umfangreiche Behandlung an, sollten Patienten im Zweifel eine zweite Meinung einholen. Unterschiedliche Zahnärzte können medizinische Befunde durchaus verschieden bewerten. Unser Test geht nach Einschätzung des Gutachters allerdings deutlich darüber hinaus. RTL hat alle drei besuchten Praxen schriftlich zu ihrem Umgang mit Kassenpatienten befragt. Bis zum Abschluss der Reportage kam keine Antwort.
Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherche

