Mutiger Weg aus der UnsichtbarkeitAls Analphabetin durchs Leben – Jessica wagt den Neuanfang
Jahrzehntelang führt sie ein Doppelleben aus Angst und Scham.
Jessica Tepass kann weder lesen noch schreiben und mogelt sich durch den Alltag. Doch dann fasst die 39-Jährige einen mutigen Entschluss, der alles verändert.
Jessica verlässt die Schule als Analphabetin
In der Schule, beim Einkaufen, im Job und sogar in ihrer Beziehung – jahrzehntelang tut Jessica Tepass aus Wesel (Nordrhein-Westfalen) so, als könne sie lesen und schreiben. Doch als sie mit 18 Jahren die damalige Sonderschule verlässt, fehlen ihr diese grundlegenden Fähigkeiten. „In der Schulzeit habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt sie heute. Lehrer und Mitschüler hänseln sie. Eigentlich will sie eine Ausbildung machen, wird aber mit ihrem ersten Kind schwanger. Das Thema Lesen und Schreiben lässt sie daraufhin schleifen.
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Ein Leben mit ständiger Angst
Danach mogelt sie sich durchs Leben, ständig mit der Angst, aufzufallen. Briefe und Formulare werden zur Belastung und landen meist ungeöffnet in der Schublade. Situationen, die für andere selbstverständlich sind, bedeuten für Jessica Stress und Scham. „Ich habe mich teilweise nicht getraut, einkaufen zu gehen, weil ich Angst hatte, dass ich irgendwie blöde Bemerkungen kriege oder ausgelacht zu werden“, erzählt sie. Der Wendepunkt kommt, als sie zu Hause vor einem Formular sitzt, das sie nicht versteht.
Überfordert und in Tränen aufgelöst fasst sie einen Entschluss: Es muss sich etwas ändern. Vor zwei Jahren wagt sie den Schritt zur Volkshochschule Wesel und meldet sich zu einem Lese- und Schreibkurs an.

Millionen Menschen in Deutschland betroffen
Jessica Tepass ist eine von mehr als sechs Millionen deutschsprachigen Erwachsenen in Deutschland mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Das zeigen Zahlen einer repräsentativen LEO-Studie. Das sind rund zwölf Prozent aller Erwachsenen. Fachleute unterscheiden zwischen der medizinisch diagnostizierten Lernstörung Legasthenie und funktionalem Analphabetismus, bei dem das Lesen und Schreiben nie ausreichend gelernt wurde. Laut dem Direktor der Volkshochschule Wesel gibt es nicht den einen Grund für die hohe Zahl. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von schwierigen Schulbiografien bis zu fehlender Förderung durch die Eltern.
Der schwere Weg aus der Unsichtbarkeit
Jessica Tepass haben Lesen und Schreiben ein Stück Selbstständigkeit zurückgegeben. Doch Hilfsangebote wie an der Volkshochschule oder das Alfa-Telefon, eine bundesweite, kostenlose Anlaufstelle für Erwachsene, die besser lesen und schreiben lernen möchten, erreichen längst nicht alle Betroffenen. Viele wissen gar nicht, dass es Lese- und Schreibkurse für Erwachsene gibt. Andere trauen sich aus Scham nicht, solche Angebote anzunehmen.
Verwendete Qullen: eigene RTL-Recherche, ALFA-Telefon.de




