"Wir hätten ihn retten können"

Blut-Transfusion abgelehnt! Zeuge Jehovas stirbt bei Routine-OP - Krankenpflegerin muss hilflos zusehen

Das Team aus Ärzten und Krankenpflegerinnen konnte nur noch zusehen, wie der Patient verstirbt. (Symbolbild)
Das Team aus Ärzten und Krankenpflegerinnen konnte nur noch zusehen, wie der Patient verstirbt. (Symbolbild)
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02. November 2021 - 12:05 Uhr

Wenn Religionsfreiheit auf die moderne Medizin trifft

von Lauren Ramoser

Ärzte und Krankenpfleger sind dafür ausgebildet, Menschenleben zu retten. Umso härter ist es für sie, wenn sie tatenlos zusehen müssen, wie ein Patient stirbt – weil sie nicht helfen dürfen. Denn Mitglieder der Zeugen Jehovas lehnen Bluttransfusionen ab und entscheiden sich damit auch bei kleineren Komplikationen im Zweifel für den Tod. Hier erzählt eine Intensiv-Krankenschwester, wie sie die Hilflosigkeit empfunden hat, wenn ein Patient stirbt, den sie hätte retten können und warum ihr dieser Tag auch nach Monaten noch nicht aus dem Kopf geht.

Ärzteteam muss jungen Menschen auf eigenen Wunsch sterben lassen

Eine ganze Station voller Krankenpfleger und Ärzte muss zusehen, wie ein junger Mensch durch eine kleine Komplikation bei einem Routine-Eingriff stirbt. Dabei wäre das mit einer einfachen und medizinisch üblichen Bluttransfusion zu verhindern gewesen. Aber: Der Patient war Mitglied der Zeugen Jehovas, die die Vergabe von Blut mit Hinweis auf einige Bibelstellen ablehnen.

Der junge Mensch hat an dem Tag sein Leben verloren, viele der Krankenpflegerinnen den Glauben an ihre Aufgabe. Bettina S. war eine der Intensiv-Pflegerinnen an diesem Tag. Um sie vor Konsequenzen zu schützen, haben wir ihren Namen geändert und beschreiben auch den Fall nicht näher. Doch er zeigt, wie schwierig die Behandlung der Zeugen im Krankenhausalltag ist.

"Ich bin dafür ausgebildet worden, Leben zu retten. Doch das durften wir da nicht und das ist richtig, richtig schlimm gewesen", betont die erfahrene Intensiv-Krankenschwester. "Das ist eine der schlimmsten Dinge, die ich in meiner Berufslaufbahn erlebt habe."

Im Gespräch mit RTL beschreibt sie die Hilflosigkeit darüber, dass das Team aus Ärzten und Krankenpflegerinnen die übliche Behandlung mit einer Bluttransfusion nicht durchführen durfte. "Du stehst super hilflos davor. Du musst zugucken, wie ein ganz junger Mensch verstirbt", so Bettina aufgebracht.

"Wir hätten ihn retten können. Und hier standen wir nur vor dem Bett und konnten nichts mehr machen", so Bettina S. "Du trägst das so lange mit dir rum, das merke ich jetzt immer noch." Viele der beteiligten Krankenpfleger hätten nach dieser traumatisierenden Erfahrung psychologische Betreuung gebraucht.

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Das Problem: Zeugen lehnen bestimmte Behandlungen mit Blut kategorisch ab

Ärzte und Pfleger handeln in der Regel nach dem lateinischen Leitsatz "in dubio pro vita" (z. Dt.: Im Zweifel für das Leben). Doch vor Wahleingriffen finden Gespräche mit Patienten statt, in denen diese Behandlungen ablehnen können – Zweifel besteht dann also nicht mehr. Die Zeugen Jehovas haben als zusätzliche Maßnahme ein sogenanntes Krankenhausverbindungskomitee. Die Mitglieder halten 24-Stunden Sitzwachen am Bett eines Patienten und stellen sicher, dass sich das Klinikpersonal an dessen Vorgaben hält. Denn verstößt ein Mitglied gegen das Bluttransfusionsgebot, kann es von der Gemeinschaft ausgestoßen werden und erlangt – dem Glauben nach – auch keinen Zugang zum Paradies. Wie häufig diese Sitzwachen angewendet werden, hat ein Pressevertreter von Jehovas Zeugen auf Anfrage nicht beantwortet.

  • Wenn auch häufig als Sekte bezeichnet, sind die Zeugen Jehovas seit Februar 2006 eine von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin offiziell anerkannte Religionsgemeinschaft.

Und obwohl der Schutz des Lebens für Ärzte und Pfleger der wichtigste Leitsatz ihrer Arbeit ist, wiegen die Persönlichkeitsrechte des deutschen Grundgesetzes in Artikel 1 und 2 in diesem Fall höher. Auf das Recht, eine medizinische Behandlung abzulehnen und das auch in ein einer Patientenverfügung festzuhalten, berufen sich auch die Zeugen Jehovas.

Für die Zeugen Jehovas entscheiden einige Bibelstellen bei operativen Eingriffen im Notfall über Leben und Tod. Unter anderem berufen sie sich auf eine direkte Übersetzung aus dem Buch Mose (Levitikus Kapitel 17, Vers 13 und 14): "Ihr dürft von keinem Geschöpf das Blut genießen; denn das Leben eines jeden Geschöpfes ist in seinem Blut. Jeder, der es genießt, soll ausgetilgt werden."

Zusammengefasst formulieren es die Zeugen auf ihrer Website so: Wir haben also zwei Gründe dafür, dass wir Blut ablehnen. Gehorsam gegenüber Gott und Respekt vor ihm als Lebengeber.

Über "absurde" Glaubensrichtungen zu urteilen, sei nicht der Job von Ärzten

"Die Tatsache, dass die Ablehnung einer Transfusion aus medizinischer Sicht 'unvernünftig ist' oder gar lebensgefährlich, spielt für ihre rechtliche Verbindlichkeit keine Rolle", schreibt das Universitätsklinikum Düsseldorf in einem Leitfaden zum Umgang mit den Zeugen als Patienten und löst sich damit von rechtlichen Konsequenzen.

Und egal wie unvernünftig die Entscheidung der Zeugen Jehovas für viele Ärzte erscheint, das sei kein Argument für eine Behandlung, schreibt Prof. Dr. Hanns Rüdiger Röttgers schon 2002 im Ärzteblatt. "Es gehört nicht zu den Aufgaben und Pflichten eines Arztes, Menschen besonderer Glaubensrichtungen von ihren Überzeugungen abzubringen, auch wenn diese aus […] naturwissenschaftlicher Sicht absurd erscheinen", erklärt der Professor für Gesundheitswissenschaften weiter.

Mittlerweile gibt es Ersatzflüssigkeiten, die Eingriffe für Zeugen Jehovas sicherer machen sollen. Seit 2002 hat sich in der Forschung vieles weiterentwickelt, doch noch längst nicht in jeder Klinik sind diese Produkte vorrätig. Auf Anfrage schreibt Wolfram Slupina, Pressesprecher von Jehovas Zeugen Deutschland, dazu: "Wir sind wirklich dankbar für Ärzte, die mit der modernen Medizin Schritt halten und gesunde, erfolgsversprechende Alternativen zu Bluttransfusionen anbieten."

Der Einsatz von Bluttransfusionen wird auch unabhängig von der Entscheidung der Zeugen Jehovas in der Medizin immer wieder überdacht – und gerade in Deutschland steht er auch in der Kritik. Denn ähnlich wie bei einer Organtransplantation bestehen auch hier Risiken für den Empfänger. Durch die moderne Medizin werden Bluttransfusionen aber immer sicherer. Kaum noch werden Vollblutspenden genutzt, viel mehr werden Blutbestandteile aufgearbeitet und an Patienten gegeben. Die Verträglichkeit der Spende wird vorab getestet, um das Risiko für den Patienten so gering wie möglich zu halten. Dass diese Maßnahmen eingehalten werden, stellt in Deutschland das Gesetz zur Regelung des Transfusionswesens sicher.

Bei vielen Operationen ist die Vergabe von Blutbestandteilen gängige Praxis, um den Blutverlust des Patienten auszugleichen.
Bei vielen Operationen ist die Vergabe von Blutbestandteilen gängige Praxis, um den Blutverlust des Patienten auszugleichen.
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Die vermeintliche Lösung

Auf dem Papier ist die Situation eindeutig: Der Patient will keine Bluttransfusion, nimmt den eigenen Tod im Zweifel also in Kauf. Eine solche schriftliche Patientenerklärung entbindet Ärzte und Krankenhäuser von rechtlichen Konsequenzen. Doch die helfen den beteiligten Ärzten und Krankenpflegern nicht, wenn ein Patient stirbt, der zu retten gewesen wäre und sie dieses Trauma überwinden müssen.

Was also tun, um dieses Dilemma zu lösen?

Bettina S. wünscht sich eine klarere Haltung der Kliniken. "Ich würde sagen, dass wenn sich Patienten vorstellen mit einem Wahleingriff und man denen die Behandlung erklärt und die sich dann mit der Behandlung nicht einverstanden erklären, dass sie dann in ein anderes Krankenhaus gehen, dass speziell verfährt."

Tatsächlich dürfen Ärzte die Behandlung von Patienten nur dann nicht ablehnen, wenn es sich um einen Notfall handelt. In allen anderen Fällen besteht hierzulande keine grundlegende Behandlungspflicht. Nach ihrer traumatischen Erfahrung findet auch Bettina S. ein solches Verfahren sinnvoll. "Da werden wir eher verheizt – Ärzte und Schwestern – als dass da auf irgendeine müde Mark verzichtet wird", so ihre Einschätzung.